Jugendcamp

Camp 2023: die Bedeutung des Internationalismus

Vom 22. bis 28. Juli war Frankreich erneut Gastgeber des Jugendcamps der Vierten Internationale. Seit dem ersten Camp vor 40 Jahren hat sich viel verändert, und die neuen Generationen werfen neue Fragen auf. Das Ziel des Camps ist jedoch immer das gleiche: junge Genossinnen und Genossen aus ganz Europa zusammenbringen, den Internationalismus leben und die Erfahrungen und politischen Analysen des Klassenkampfs teilen.

Jonathan Simmel

Eine internationale Perspektive zu haben und eine offene Haltung gegenüber neuen Generationen von Aktivistenāˆ™innen einzunehmen, sind ständige Aufgaben für Marxistinnen und Marxisten. Aber nur ein kleiner Teil unserer Aktivitäten schafft tatsächlich solche Räume und stellt sie in den Mittelpunkt unseres Handelns. Daher bleibt das Camp ein einzigartiges Erlebnis.


Theoretische und praktische Schulung


 

Jugendcamp 2023

Foto: Inprecor

Die Hauptthemen des Lagers ändern sich mit den neuen Generationen. Vor 15 Jahren begannen die Themen Ökologie und Klima in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Heute gehören sie zu den Hauptthemen und werden in die politischen Diskussionen der anderen Themen einbezogen. Das Camp begann mit dem Thema „Ökosozialismus, die einzige Alternative gegen den Kapitalismus“, einer konkreten Reaktion auf die Klimakatastrophe und die Bewegungen, die von der jungen Generation angeführt werden. In den Diskussionen wurden die Erfahrungen verschiedener Kämpfe der Klimabewegung angesprochen, aber auch, wie diese Themen in die Gewerkschaften integriert wurden oder wie sich die extreme Rechte dagegenstellt.

In Bezug auf die Theorie wurde die Notwendigkeit eines politischen Programms betont, das den Ökosozialismus in den Vordergrund stellt. Interessant war aber auch die Debatte über die üblichen Methoden der theoretischen Schulung. Unsere Situation erfordert vielleicht, dass wir uns in praktischen Fragen weiterbilden: zeigen, dass wir tatsächlich eine neue Gesellschaft organisieren können, dass wir einen Streik oder eine selbstorganisierte Besetzung anführen können. Wir werden das Vertrauen der Arbeiterklasse nur gewinnen können, wenn wir uns als fähig erweisen, die Gesellschaft auch von einem praktischeren Standpunkt aus zu organisieren.

So beinhalteten die Workshops in diesem Jahr viel mehr praktisches Lernen. Das ist gut für ein selbstorganisiertes Jugendcamp, in dem die neue Generation die ganze Woche über praktische und politische Entscheidungen treffen kann.


Feminismus, Frauen, Gender …


Geschlossene Räume für unterdrückte Gruppen sind Teil der DNA von Jugendcamps. Das begann mit einem eigenen Bereich für Frauen. Später in der Geschichte der Camps entstand ein LGBTQI-Bereich und in jüngerer Zeit auch ein Bereich für rassisifizierte Genoss:innen. Nach zwei Jahren Pandemie hat sich eine neue Generation mit der Geschlechterfrage auseinandergesetzt. Die Tradition eines „Raums für Frauen“ wurde diskutiert: Erkennen wir Frauen als revolutionäres Subjekt an? Sollten wir stattdessen einen Raum der „Geschlechtsunterdrückten“ schaffen?

Im letzten Jahr drehte sich ein Großteil der Diskussion natürlich um die unterschiedlichen Traditionen, die Schwierigkeiten bei der Übersetzung, die Sprache und das Fehlen eines gemeinsamen Verständnisses des Wortes „Frau“. Vor allem nach zwei Jahren ohne Camp und mit einer dementsprechend völlig neuen Zusammensetzung der Teilnehmenden. Dieses Jahr fanden die Diskussionen vor dem Camp statt, wobei man sich allgemein darauf einigte, einen speziellen Raum für feministische Genossinnen zu behalten, die sich als Frauen verstehen und/oder als solche wahrgenommen werden.

Zum ersten Mal enthält die Campstatistik auch Personen, die sich weder als Männer noch als Frauen identifizieren – 18 % der Teilnehmenden! Diese Tatsache bringt auch die Idee eines neuen Trans-Raums ins Spiel.


Eine inspirierende Einstellung


Vielleicht liegt es daran, dass sich die neuen Generationen auf Zustimmung, die Akzeptanz von Unterschieden und einen offeneren Kampf gegen das Patriarchat konzentrieren … Es ist ganz klar, dass die Einstellung unserer jungen Genoss:innen eine Quelle der Inspiration ist, vor allem weil sie sehr tolerant und positiv sind. Diese Genoss:innen trauen sich, Fragen zu stellen und ihre eigenen Erfahrungen und Überzeugungen zu hinterfragen. Man erlebt nicht, dass sie „die richtige marxistische Analyse“ predigen; sie sind offen für unterschiedliche Erfahrungen und Situationen. Die Diskussionen über den „Parteiaufbau“ und die Erfahrungen mit breiten politischen Parteien (Rot-Grüne Enhedslisten in Dänemark, Podemos in Spanien und Bloco in Portugal) sind im Camp immer noch aktuell. Aber es ist nicht mehr eine Position, die es zu verteidigen gilt, sondern eine Haltung, die offen für Fehler und den Austausch von Erfahrungen ist. Eine solche Art der Debatte sollte für ältere Generationen eine Inspiration sein.


Ein großes Problem … und sein positiver Aspekt


Das größte Problem des Camps, das die europäische Linke widerspiegelt, ist, dass die Zahl der Teilnehmer:innen wieder einmal gesunken ist. Nur 150 Teilnehmende aus 9 Ländern – weit entfernt von den üblichen Zahlen von 300 bis 500 Teilnehmenden. Ein deutliches Zeichen für den Zustand der verschiedenen Organisationen und des internationalen Austauschs in der Linken. Auch wenn die Versammlung kleiner geworden ist, bleibt es eine erhellende Erfahrung, politische Mitstreiter:innen zu treffen, Politik auf internationaler Ebene zu diskutieren und Erfahrungen über Grenzen hinweg auszutauschen. Für die neuen Generationen ist dies vielleicht eine noch außergewöhnlichere Erfahrung, da die meisten sozialen Bewegungen und Parteien diese Möglichkeit nicht bieten.

      
Mehr dazu
Internationales revolutionäres Jugendcamp 2025: Seite an Seite kämpfen – von Kiew bis Panama, die internationale Nr. 5/2025 (September/Oktober 2025) (nur online). Auch bei intersoz.org.
Bericht Jugendcamp 19.-26. Juli, intersoz.org (16.10.2025)
 

Auch wenn das Lager klein war, war die Zusammenwirken zwischen den Delegationen umso größer. Es schien einfach, sich mit unbekannten ausländischen Genoss:innen zu sozialisieren. So scheint es in vielerlei Hinsicht, dass der Internationalismus noch stärker war.

In vielerlei Hinsicht scheinen die Gründungsideen des Camps – die Erfahrung des direkten Internationalismus und die Organisation eines speziellen Raums für Jugendliche – immer noch zu funktionieren, auch wenn sich die Zeiten und der Inhalt ständig ändern.

Quelle: Inprecor
Quelle: Camp de jeunes 2023 : importance de l'internationalisme, Inprecor, 19.9.2023, Übersetzung: Björn Mertens



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 5/2023 (September/Oktober 2023) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz