Wer den Wehrdienst ablehnt, muss deswegen noch lange nicht sein soziales Umfeld, die eigene Kultur oder auch seine Heimat nicht verteidigen wollen.
Daniel Berger
„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ (Jean Jaurès) Folgt man dieser Einsicht, dann gilt es, auf die Überwindung des Kapitalismus hinzuarbeiten und in diesem Zug alles zu unternehmen, was die konkrete Kriegsgefahr mindert, also in einer breiten Bewegung aktiv zu werden gegen das Schüren von Nationalismus, Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit.
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Welche Alternative im Kampf gegen den Militarismus haben wir, wenn die Umstände es nicht hergeben, dass in absehbarer Zeit eine antimilitaristische Arbeit in der Armee in nennenswertem Maß umgesetzt werden kann? Und wenn ein Land überfallen wird, steckt man dann nicht in einem unauflösbaren Dilemma zwischen einem Kriegseinsatz auf der einen Seite und einem kampflosen Ausgeliefertsein gegenüber einer inländischen oder ausländischen Diktatur auf der anderen Seite?
Der Soziale Widerstand setzt auf zivilen Ungehorsam, allem voran auf die Störung der Verwaltungsmaschinerie der Besatzungsmacht, auf Kundgebungen, Demonstrationen und Streiks. Eine solche Perspektive ist allerdings kaum umsetzbar, wenn Krieg herrscht und die Menschen einem fortgesetzten Bombenhagel ausgesetzt sind. Am Anfang des Ukrainekrise gab es Ansätze des sozialen Widerstands, wie etwa die Demonstrationen in der südukrainischen Großstadt Cherson am 11., 12. und 13. März 2022 zeigten. Auf dem zentralen Freiheitsplatz schwenkten die Menschen ukrainische Flaggen und riefen „Cherson gehört der Ukraine“ und „Ruhm der Ukraine“. Als die Demonstrant:innen an einer Kolonne russischer Armeefahrzeuge vorbeiliefen, riefen einige auf Russisch „Geht nach Hause“ und „Faschisten“. Der 13. März ist in der Großstadt mit rund 300 000 Einwohnern der Jahrestag der Befreiung von den Nationalsozialisten. Auch in Nova Kachowka, Berdjansk, and Melitopol gab es laut Suspilne Cherson Demonstrationen.
Ähnliche Aktivitäten der Zivilbevölkerung hat der katalanische Friedensforscher Felip Daza Sierra in den ersten 6 Monaten des Ukrainekriegs vor Ort untersucht und dokumentiert. [1] Daza Sierra beurteilt den Zivilen Widerstand in der Ukraine – zumindest in den ersten Monaten – als durchaus effektiv. Aber sein Hinweis darauf, dass der Zivile Widerstand von der großen Mehrheit der Aktivist:innen eher als Ergänzung denn als Alternative zu militärischem Widerstand gesehen wurde, weist auf einen der wesentlichen Gründe hin, weshalb dieser konkrete Kampf keine wirklichen Erfolgsaussichten hatte. Denn:
Das Tragische an diesen Beispielen Sozialen Widerstands in der Ukraine lag darin, dass es nicht die durchgehende Verhaltensweise der Ukrainischen Bevölkerung war und sich die Logik der Kriegsführung durchsetzte. Spätestens zum Zeitpunkt der mehr oder weniger unterschriftsreifen Vereinbarung für einem Waffenstillstand Ende März 2022 [2] hätte die eigene Armee gezwungen werden müssen, die Waffen niederzulegen und eine organisierte Bewegung hätte die Bevölkerung zum Sozialen Widerstand aufrufen müssen. Doch dazu war die Bevölkerung nicht vorbereitet und ausreichend durchsetzungsfähig gegen die eigene Regierung und die Kriegstreiber aus London und Washington. Der Soziale Widerstand ist kein Wundermittel, sondern erfordert gewisse Bedingungen, um realistische Chancen auf Erfolg zu haben.
Die Untersuchungen von Erica Chenoweth/Maria J. Stephan: „Warum ziviler Widerstand funktioniert. Die strategische Logik gewaltloser Konfliktbearbeitung“ [3] belegt die größeren Erfolgsaussichten des sozialen Widerstands im Vergleich zu militärischen Reaktionen auf eine Invasion. Die Autorinnen untersuchten auf wissenschaftlicher – und überprüfbarer – Basis 323 Fälle zwischen den Jahren 1900 und 2006, davon 105 gewaltlose und 218 militärische Widerstandsbewegungen gegen Besatzung, Diktatur und andere repressive Regime.
Im Unterschied zu gewaltsamen Kampagnen ist bei gewaltlosen Kampagnen unter anderem die Erfolgsquote fast doppelt so hoch, die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Zerstörung sowie die finanziellen und materiellen Kosten erheblich geringer, die „Chance auf Demokratisierung nach dem Konflikt“ zehnmal so hoch, die Gefahr eines Rückfalls in Gewalt und Bürgerkrieg nur etwa halb so groß und die durchschnittliche Dauer der Auseinandersetzung wesentlich kürzer (3 statt 9 Jahre).
Die Hauptgründe für die Vorteile des Sozialen Widerstands sind: An gewaltlosen Kampagnen können sehr viele Menschen auf ganz unterschiedliche Weise mitwirken. Entsprechend breit (auch in der Fläche) ist die Beteiligung und demgemäß vielfältig sind die individuellen (beruflichen) Fähigkeiten der Teilnehmenden. Ein solcher Widerstand ist für repressive Regime bedeutend schwerer auszurechnen und zu bekämpfen.
Für den Erfolg des Sozialen Widerstands gibt es mehrere Grundvoraussetzungen, zwei sind unerlässlich: Ein Sozialer Widerstand bei gleichzeitigem militärischem Widerstand seitens einer regulären Armee ist zum Scheitern verurteilt, weil dann die Invasoren keinen Unterschied mehr zwischen Soldat:innen und Zivilist:innen machen (dies übersieht Daza Sierra völlig). Die zweite Voraussetzung ist fast genauso wichtig: Gibt es keine ausreichende politische Solidarität von unten in der Bevölkerung und ist sie nicht ausreichend vernetzt und organisiert, dann haben versprengte Gruppen, die einen sozialen Widerstand durchführen, wenig Erfolgsaussichten. Ein großer Teil der Bevölkerung muss mindestens passiv auf der Seite des Widerstands stehen und im Schnitt müssen mindestens 3,5 Prozent der Bevölkerung den sozialen Widerstand aktiv unterstützen.
Damit wird deutlich: Die Entwicklung von Solidarität und Organisierung im Kampf für soziale Sicherheit ist schon in Friedenszeiten eine zentrale Aufgabe und eine Voraussetzung dafür, dass nach dem Einmarsch einer feindlichen Armee (oder nach einem Putsch!) ausreichend Sozialer Widerstand entwickelt werden kann.
Die Alternative zum Krieg besteht also darin, sich nicht auf die Logik des militärischen Kampfs einzulassen, der unter dem Strich zu mehr Opfern führt als der Soziale Widerstand (der natürlich auch Opfer erfordert, erst recht, wenn er mit Guerillatätigkeiten verknüpft ist; siehe dazu die Opfer im französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung im II. Weltkrieg).
Und vergessen wir nicht: Ein militärischer Kampf bringt zwangsläufig auch eine Brutalisierung der eigenen Seite mit sich und erschwert den emanzipativen Kampf nach der Besatzung oder dem Abschütteln einer Diktatur.
Die Resolution des DGB auf seinem 23. Bundeskongress im Mai 2026 in Berlin hält noch an der Orientierung auf die NATO fest und plädiert für ein „starkes und handlungsfähiges Europa“ und verbreitet weiterhin Illusionen in die EU. Aber sie enthält an wichtigen Stellen gegenüber früheren Resolutionen ein paar beachtliche Fortschritte. Erstens lehnt sie die Politik der Kriegstüchtigkeit (und demzufolge die gewaltige Aufrüstung) ab und betont die Bedeutung der Friedensfähigkeit. Zweitens legt sie großen Wert auf die Entwicklung von Resilienz, die es in der Gesellschaft insgesamt zu entwickeln gilt. (siehe Kasten)
Gewiss, dies ist noch lange kein schlüssiges Konzept oder gar ein Aufruf zum Kampf gegen Rüstung überhaupt bzw. für Soziale Verteidigung, aber es enthält Anknüpfungspunkte, die in den weiteren Debatten in den Gewerkschaften genutzt werden sollten, und zwar im Sinne von: Wenn wirklich Friedensfähigkeit erlangt werden soll, dann muss Rüstung konsequent infrage gestellt werden, dann müssen die Rüstungskonzerne enteignet und die Produktion auf zivile Güter umgestellt werden.
Im Kampf für solche Ziele lässt sich eine wichtige Erkenntnis vermitteln: Friedensfähigkeit kann in letzter Konsequenz nur mit der Überwindung des kapitalistischen Systems durchgesetzt werden.
An der Frage der Resilienz dürfen Kriegsgegner:innen auf keinen Fall hinter den DGB zurückfallen, sondern müssen innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften diese Orientierung konsequent erklären und weiterentwickeln. Was sind die wesentlichen Achsen zur Entwicklung einer auf Friedensfähigkeit ausgerichteten Resilienz? (Sie steht natürlich im Gegensatz zu dem Konzept des Innenministeriums, das Resilienz als eine enge Verzahnung zwischen Zivilschutz und Armee versteht, um damit letztlich die Kriegsfähigkeit zu erhöhen.)
Wir müssen zwei Ebenen unterscheiden, die in ihren Implikationen allerdings eng miteinander verknüpft sind: Zum einen geht es darum, in der Bevölkerung eine so große politische Immunität gegen Kriegstüchtigkeit und Kriegsbereitschaft aufzubauen, dass die eigene Regierung es nicht schafft, aufzurüsten und einen Krieg vorzubereiten. Die andere Ebene betrifft die Resilienz, die eine Gesellschaft entwickelt haben muss, um nach einer Invasion genügend Kraft und Geschlossenheit zu haben, damit sie mit einiger Aussicht auf Erfolg Sozialen Widerstand leisten kann.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Resilienz eine Kategorie der Psychologie und bezieht sich auf Einzelpersonen. Wikipedia definiert Resilienz „als Ergebnis der Fähigkeit des Einzelnen […] mit seiner Umgebung und den Prozessen zu interagieren, die entweder sein Wohlbefinden fördern oder ihn vor dem überwältigenden Einfluss von Risikofaktoren schützen. […] Resiliente Personen haben gelernt, dass sie selbst es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen […] Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten.“
Was für Einzelpersonen gilt, gilt in modifizierter Form aber auch für Gemeinschaften, auch wenn dies in der Politikwissenschaft bislang nur eine sehr geringe Rolle spielt. Wikipedia merkt (wenn auch nur am Rande) an: „Auch Gruppen oder Gemeinschaften können sich hinsichtlich ihrer Resilienz unterscheiden. Resilient sind in der Regel Gruppen, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als shared values bezeichnet).“
Wenn wir mal davon absehen, dass der Begriff „shared values“ heute vor allem in der Betriebswirtschaftslehre (und in Managementschulungen) genutzt wird und hier natürlich eine andere Zielrichtung verfolgt (nämlich die eigene „Marke“ zu fördern), dann sollten wir doch festhalten:
Werden in einer Gesellschaft bestimmte positive Werte breit geteilt und basiert dies auf gemeinsamen Erfahrungen aktiver Solidarität, dann sind wesentliche Grundlagen für eine Resilienz gegenüber widrigen Umständen und Entwicklungen gelegt. Aus dem zweiten Faktor (gemeinsame Erfahrungen aktiver Solidarität) – wenn schlüssig zu Ende gedacht – ergibt sich eine klare Klassenbezogenheit. Denn aktive Solidarität mit dem Kapital leisten können nur Faschisten, indem sie nämlich mehr oder weniger gewaltsam gegen die Arbeiterbewegung (in Deutschland ist dies im Wesentlichen die Gewerkschaftsbewegung) vorgehen.
Ist man aktiv solidarisch innerhalb der breiten Bevölkerung und zwar zur Verteidigung der lohnabhängigen Bevölkerung, dann kann man – im Verlauf von Jahren – Erfahrungen in der Vernetzung und Organisierung zwecks aktiver Solidarität sammeln. Die hierbei entstehenden Netze und Vertrauensverhältnisse sind für die Entwicklung einer gesellschaftlich wirksamen Resilienz unverzichtbar.
Ein Engagement für Resilienz kann auch falsch verstanden werden. Auf keinen Fall darf ein solches Konzept das Sich-Abfinden mit Katastrophen oder gewaltsamen Verhältnissen fördern. Wir wollen nicht einfach nur die (individuellen) Widerstandskräfte stärken und damit die Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse als gegeben akzeptieren. Medico international kritisierte auf seinem Kongress 2015 ein solches Verhalten zu Recht als eine irreführende Orientierung auf „Fit für die Katastrophe“. Damit tritt die Bekämpfung der bestehenden Verhältnisse in den Hintergrund, was in der Konsequenz zur Entlastung der Herrschenden führt.
Resilienz brauchen wir zur wirksamen Verteidigung sozialer Interessen und wir brauchen sie in der Auseinandersetzung mit Invasoren, was hoffentlich nie erforderlich sein wird. Den Kampf gegen eine fremde Macht, die hier im Land einmarschiert, können wir aus verschiedenen Gründen nicht militärisch führen (siehe dazu die Artikel zur Wehrpflicht in diesem Heft).
Nach meiner Einschätzung spitzt sich aktuell die verbreitete Neigung zu Vereinzelung nicht weiter zu (demgegenüber sehen so manche Kultursoziologen diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte als eine unaufhaltsame Tendenz), aber für die Entwicklung von Resilienz muss die vorhandene Vereinzelung überwunden bzw. zurückgedrängt werden. Dies kann nicht über einzel-psychologische Maßnahmen geschehen, sondern nur durch das Zusammenführen der vielfältigen Widerstandsaktivitäten und die gemeinsame Erfahrung, dass man mit Hilfe einer breiten Front auch Erfolge erzielen kann.
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31.5.2026 |
Vorabdruck aus die internationale Nr. 4/2026 (Juli/August 2026) (Online-Vorabdruck). | Startseite | Impressum | Datenschutz