Pakistan

Fundamentalismus – eine Herausforderung für die Linke

Zely Ariane führte das Gespräch mit Farooq am 8. September 2012

Interview mit Farooq Tariq

Ein Interview mit Farooq Tariq von der Pakistanischen Arbeiterpartei (LPP) über die Bedeutung des Kampfes gegen den religiösen Fundamentalismus.

Die Idee zu diesem Interview mit Farooq Tariq entstand bei einem Vortrag, den er Ende Juli 2012 an der asiatischen Global Justice School in Manila hielt. Dabei meinte er sehr kategorisch, Marxismus und Religion stünden in völligem Gegensatz zueinander, weil insbesondere die wichtigste Grundlage der Religion das Privateigentum sei, das im Einklang mit einer Klassengesellschaft und dem Kapitalismus stehe. Er unterstrich auch die Haltung der LPP gegenüber der Religion, über die weder diskutiert wird noch Witze gemacht werden. Die LPP lehnt es auch ab, mit religiösen Argumenten für den Sozialismus zu werben. Gleichzeitig führte Farooq auch inspirierende Beispiele dafür an, welche Rolle SozialistInnen bei der Verteidigung der Religionsfreiheit in Pakistan spielen.

Für meinen Kontext in Indonesien, einem mehrheitlich muslimischen Land, in dem religiöse Intoleranz und Gewalt zunehmen, war das Gespräch sehr wichtig, vor allem in Bezug auf die Haltung der Linken. Bei dieser Gelegenheit habe ich Farooq auch zum jüngsten Vereinigungsprojekt der pakistanischen Linken befragt. [Zely Ariane ]

 Zely Ariane: In Indonesien gibt es eine wachsende Zahl von islamisch-fundamentalistischen Gruppen, die religiöse Minderheiten, Frauen- und LGBT-Gruppen sowie die demokratischen Prinzipien bedrohen. Soweit ich weiß, hat keine der linken Kräfte diese Entwicklung ernst genommen oder eine signifikante Antwort darauf vorbereitet. Diese fundamentalistischen Gruppen gewinnen immer mehr Anhänger und bauen ihre Aktivitäten aus, obwohl die Zahl der Menschen, die den Islam als politische Idee und Programm wirklich unterstützen, allgemein rückläufig ist, wie die Parlamentswahlen im Jahr 2009 gezeigt haben. [1] Für uns ist die Gewalt der fundamentalistischen Gruppen wie der Islamischen Verteidigungsfront (FPI) als Thema also relativ neu. Mit ihren Aktivitäten schaffen sie eine neue Atmosphäre, in der wir sie ernst nehmen müssen. Ich möchte einen Eindruck davon gewinnen, wie der Kampf für euch als sozialistische Partei in Pakistan, die dieses Thema sehr ernst nimmt, aussieht.
 Zuerst möchte ich aber auf das zurückkommen, was du während deines Vortrags über die Zunahme fundamentalistischer Kräfte in der Welt, vor allem aber in Süd- und Südostasien nach dem 11. September gesagt hast. Kannst du das weiter ausführen?

Farooq: Seit dem 11. September ist der religiöse Fundamentalismus auf dem Vormarsch. Alle Bemühungen der imperialistischen Kräfte, die Aktivitäten der Fundamentalisten mit militärischen Mitteln unter Kontrolle zu bekommen, sind gescheitert. Der Fundamentalismus in seinen verschiedenen Formen hat zugenommen. Er ist als politische Kraft gewachsen, er ist als sehr militante Kraft gewachsen, neue Gruppen sind entstanden, es hat neue Formen von Selbstmordanschlägen nicht nur in Pakistan und Afghanistan, sondern auch in afrikanischen Ländern und Indonesien gegeben. Und der Angriff wird von religiösen Fanatikern als Mittel des Widerstandes dargestellt.

Der Fundamentalismus als Kraft muss auf politischer Grundlage bekämpft und sehr ernst genommen werden. Wir dürfen nicht meinen, der Imperialismus werde uns die Arbeit abnehmen, indem er sie unterdrückt oder mit seinen Drohnen oder seinem Krieg gegen den Terror etc. tötet. Osama Bin Laden wurde getötet, nicht aber seine Ideen. Diese sind noch immer lebendig. Neue Osama bin Ladens sind aufgetaucht, unter verschiedenen Namen und Aktivitäten. Sind die Aktivitäten nach Osamas Tod zurückgegangen? Nein. Es ist sogar schlimmer geworden, denn der Tod von Osama wurde von den USA als großer Sieg gefeiert. Der Präsident meldete sich zu Wort und sagte, Osamas Tod könnte ein Ende des Fanatismus sein. Aber wir haben seit dem 15. Mai 2011, als Osama getötet wurde, gesehen, dass die Fundamentalisten ihre Aktivitäten nicht verringert haben. Sie haben unterschiedliche Formen angenommen und brauchten nicht lange, um sich zu reorganisieren. In Pakistan gibt es heute mehr Selbstmordattentate und mehr Fundamentalisten verschiedener Art. Wie wir gesehen haben, sind sie auf parlamentarischer Ebene stärker geworden: In Ägypten kommen sie an die Macht, in Libyen haben sie knapp verloren, in Algerien und Tunesien haben sie gute Ergebnisse erzielt. Man kann also sehen, welche Fortschritte sie machen, auch in Indonesien. Die Zunahme des Fundamentalismus muss von der Linken sehr ernst genommen werden.

Wir hatten in den Jahren 1998/99 und 2000 eine lange Debatte in unserer Partei. Es gab Diskussionen über das Anwachsen des Fundamentalismus. Wir hatten zwei Tendenzen in der Partei: Die eine sagte, die Zunahme des Fundamentalismus wird durch die imperialistischen Kräfte orchestriert und die Imperialisten könnten die Fundamentalisten, wann immer sie wollen, jederzeit stoppen. Die Fundamentalisten würden vom Imperialismus gefördert und stets von diesem gesteuert. Das war vor dem 11. September. Ich war einer der Führer in der Partei, die sagten, Fundamentalismus entwickle sich sprunghaft wegen der Krise des Kapitalismus und wegen der Unfähigkeit der kapitalistischen Parteien, auch nur eines der Probleme der Menschen zu lösen. So wird der Fundamentalismus als Alternative betrachtet. Mir war nicht klar, welche Dimension diese Angriffe gegen Amerika annehmen würden, den 11. September zum Beispiel.

Einige GenossInnen argumentierten, der Fundamentalismus sei wie ein Luftballon, dem die Luft ausgeht, sobald man ihn ansticht. Dann würde er wieder auf seine wirkliche natürliche unbedeutende Größe schrumpfen. Wir sagten, nein, es ist keine Luftblase, es ist ein echtes Problem, es ist ein echtes Monster, das von den imperialistischen Kräften gezüchtet wurde, aber außer Kontrolle geraten ist. Wir haben gesagt, die Fundamentalisten würden ihre eigenen Bewegungen bilden, ihre eigenen Kräfte aufbauen. Wir haben 9/11 erlebt und dann im Jahr 2002 hat der Fundamentalismus zum ersten Mal in Pakistan über 50 Prozent der Stimmen erhalten. Zuvor hatten sie nie mehr als drei, vier Prozent. 2008 konnten sie diesen Rekord aus mehreren Gründen nicht brechen. Es gab die Opposition von uns und einige der fundamentalistischen Kräfte boykottierten die Wahlen, während andere teilnahmen. Die fundamentalistischen Kräfte waren während der Wahl 2008 folglich gespalten. Das ebnete einer Parlamentsmehrheit der Pakistanischen Volkspartei (PPP) den Weg.

Aber es ist ein reales Phänomen, dem wir uns stellen müssen. Und die Linke sollte nicht denken, es sei nicht ihr Problem. Die Linke sollte nicht denken, jemand anderes wird sich um die Fundamentalisten kümmern, die Linke sollte sie wirklich ernst nehmen. Obwohl sie nicht der Hauptfeind sind. Das ist nach wie vor das kapitalistische System. Aber man sollte diesen wachsenden Feind im Auge behalten, der vor allem die schwächsten Teile unserer Klasse wie die Frauen und religiöse Minderheiten bedroht. Diese Gruppen sind durch das Wachstum des Fundamentalismus am stärksten bedroht.

 Wie du erwähnt hast, nimmt der Trend zu Selbstmordanschlägen zu. In Indonesien hat es solche Anschlägen gegeben. Jamaa Islamiyah Indonesia wurde dafür verantwortlich gemacht, und vielleicht waren sie es auch. Weißt du etwas über mögliche Verbindungen zwischen den islamistischen fundamentalistischen Kräften in Indonesien und in Pakistan? Die Regierung behauptet manchmal, dass die indonesischen Fundamentalisten in Pakistan ausgebildet wurden.

Ich glaube, religiös-fundamentalistische Gruppen sind Anhänger des Internationalismus. Sie wollen die Welt in eine islamistische Welt ändern. Es sind also nicht nur nationale Strömungen in Indonesien und Pakistan. Es gibt verschiedene internationale Gruppen und Umgruppierungen von fundamentalistischen Tendenzen. Es gibt Jamaa Islamiyah Indonesia, Jemaah Islami in Malaysia usw. Es gibt auch Jemaah Islami in Bangladesch. So gibt es verschiedene Internationalen, und die Fundamentalisten vereinigen sich auf internationaler Ebene. Wir haben gesehen, dass ein Verantwortlicher für den Bombenanschlag auf Bali in Pakistan verhaftet wurde. Einer weiterer wurde vor Kurzem in Indonesien zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, und er wurde in Pakistan in derselben Stadt verhaftet, in der Osama bin Laden getötet wurde. Indonesische Fundamentalisten pflegen also seit Langem Kontakte zu pakistanischen Fundamentalisten und das muss gegenüber den linken Kräften aufgezeigt werden. Al Qaida ist keine nationale Organisation. Sie werden gefährlicher, weil sie eine internationale politische Agenda verfolgen, ein Programm zur Übernahme der Welt. Indonesien ist eines der Länder mit einer absoluten Mehrheit an Muslimen. Die wachsende Unterstützung für den Fundamentalismus lässt sich in verschiedenen Bereichen des Lebens beobachten.

Moderatere Gruppen ebnen den fundamentalistischen Hardlinern den Weg. Und das ist eine sehr gefährliche Tendenz in Indonesien. Ich denke, indonesische SozialistInnen müssen das Phänomen ernst nehmen.

 Was kannst du über den Zusammenhang zwischen Militärs und fundamentalistischen religiösen Gruppen in Pakistan sagen? In Indonesien besteht eine Tradition der Zusammenarbeit, aber manchmal vereinfachen Linke das Phänomen, indem sie den Fundamentalismus als reine Erfindung des Militärs abtun.

Wenn die Fundamentalisten wachsen, erklären dies einige linke Gruppen jeweils als verdeckte Arbeit der Amerikaner oder des Militärs, des Geheimdienstes ISI (Inter-Services Intelligence, Pakistan). Dieser Sicht zufolge sind die Fundamentalisten nur die Lakaien des Militärs. Das stimmte einmal bis zu einem gewissen Grad, aber heute sind sie eine reale Kraft, eine politische Kraft. Sie sind eine etablierte Kraft, sie genießen die Sympathie der Mehrheit der Muslime in Pakistan und werden als antiimperialistisch angesehen. Es ist die Idee des religiösen Fundamentalismus, der die Sympathien vieler Muslime gewonnen hat, denn nach dem 11. September haben die USA mit ihrer Politik den Weg dafür gepflastert. Für Muslime in der ganzen Welt ist das Leben viel härter geworden.

Eine Sache, die auch für Pakistan und wohl auch für Indonesien gilt, ist, dass die meisten fundamentalistischen Kräfte aus Menschen bestehen, die ihr Land verlassen haben. Diese fundamentalistischen Gruppen sammeln im Westen sehr viel Geld. Wenn Führer solcher Gruppen in den Westen gehen, kommen sie jeweils mit sehr viel Geld zurück. Immigranten im Westen spüren den Druck des Rassismus, sie identifizieren sich stärker mit ihrer religiösen Gruppe und denken, in ihrem Herkunftsland etwas für einen guten Zweck tun zu können. Das harte Leben der normalen Muslime und der Mangel an Alternativen seitens der bürgerlichen Parteien ebnen den Weg für die Ausbreitung des religiösen Fundamentalismus. In Pakistan sind sie sehr reich geworden.

 Einige Linke argumentieren, dass Fundamentalisten auch ein Teil der Arbeiterklasse sind, weil die meisten von ihnen aus ärmeren Schichten der Gesellschaft kommen.

Dieses Argument habe ich auch schon öfter gehört, dass sie aus der Arbeiterklasse kommen, es sich um eine Bewegung der Arbeiterklasse handelt und wir sie unterstützen, uns ihnen anschließen müssen, um die Ideen des Fundamentalismus zu entlarven. Die Klassenbasis des Fundamentalismus sei ein Grund für die Linke, sich ihnen anzuschließen und so weiter. Ich denke, das sind alles falsche Ansichten. Die Klassenherkunft der religiösen Fundamentalisten ist vor allem der Mittelstand, der obere Mittelstand, und es handelt sich nicht um eine klassenbewusste Bewegung, sondern um eine Bewegung auf religiöser Grundlage. Sie wollen, dass sich Muslime anschließen, und nicht, dass sich ArbeiterInnen anschließen. Sie wollen keinerlei Klassenwiderspruch in den eigenen Reihen. In Pakistan werden diese falschen Ansichten von einigen linken Gruppen vertreten, die behaupten, die paschtunische Arbeiterklasse habe sich den Taliban angeschlossen etc. Ich halte das für falsch, auch in Indonesien. Es ist ein Irrtum, zu denken, dass wir wegen des Klassencharakters der Fundamentalisten eine andere oder sogar positive Einstellung ihnen gegenüber haben und versuchen sollten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es würde den völligen Zusammenbruch der Linken bedeuten, wenn diese mit den fundamentalistischen Gruppen zusammenarbeiten würde.

Ich kenne den Fall von Dita Sari sehr gut. Wir haben mit ihr diskutiert und sie aufgefordert, nicht auf der Liste einer islamischen Partei zu den Wahlen anzutreten [2], obwohl diese Partei keine fundamentalistische, sondern nur eine religiöse Partei ist. Der Übergang zwischen einer religiösen und einer fundamentalistischen Partei ist sehr schmal. Religiöse Parteien bilden die Grundlage für fundamentalistische Parteien, sie sind der Nährboden, auf dem Fundamentalisten auftreten können. Die restliche Führung der PRD (Demokratische Volkspartei Indonesiens) wählte die falsche Strategie im Umgang mit dieser religiösen Partei. Ich hatte 2007 eine Diskussion mit Dita Sari zu diesem Thema, aber sie dachte, sie würden ins Parlament einziehen und dort tun können, was sie wollen. Ich fragte: "Welches Parlament? Dieses Parlament wird eurer Partei nicht helfen, zu wachsen. Das geht nur durch den Klassenkampf. Nur der Kampf auf der Straße, die Massenbewegung, der Kampf der normalen Menschen, der Kampf gegen Fundamentalismus ist es, der den Weg für einen Erfolg der PRD ebnen wird. Nun erleben wir den völligen Zusammenbruch dieser Partei, was sehr tragisch ist. Ich hatte großen Respekt für Dita Sari und ihre Opferbereitschaft, und die ganze Partei war wirklich wie ein leuchtendes Beispiel für andere Parteien in Asien, die gegen die Diktatur kämpfen und sich für die Rechte der ArbeitnehmerInnen einsetzen. Die PRD war das Vorbild für die Art von Partei, die wir in Pakistan aufbauen wollten. Als wir die LPP gründeten, hatten wir immer das Vorbild der PRD vor Augen, die wachsen und Kompromisse eingehen kann. Als Suharto besiegt wurde, hofften wir, diese Partei würde enorm wachsen, was zum Teil auch geschah: Die PRD wuchs tatsächlich und zog eine Menge Leute an. Aber leider können falsche Entscheidungen in eine Katastrophe münden. Es war ein Verbrechen der PRD-Führung. [3] Aber ich denke, es ist auch ein Verbrechen, den Fundamentalismus ignorieren zu wollen. Wenn man ihn auf die leichte Schulter nimmt, wird man später den Preis dafür zahlen.

 Nun zur Kampagne gegen den Fundamentalismus: Kannst du etwas über die Erfahrungen der Pakistanischen Arbeiterpartei in der Solidaritätskampagne für den Bürgermeister von Pandschab und eine konvertierte Hindu-Frau sagen? In Indonesien haben wir das Bündnis gegen die Islamische Verteidigerfront (FPI) [4] und die Petition gegen diese unterstützt, aber niemand sonst aus der Linken hat sich angeschlossen, was verschiedene Gründe hat.

Wir versuchen immer, unterschiedliche Tendenzen gegen den Fundamentalismus zu vereinen. Da dieser Kampf umfassend ist, müssen wir die Kräfte breit bündeln, um ihn zu bekämpfen. Wir versuchen immer, soziale Organisationen, NGOs, Gewerkschaften, politische Parteien in einem nationalen Kampf gegen den Fundamentalismus zusammenzubringen. Wir haben den „Gemeinsamen Aktionsausschuss für Volksrechte“ gebildet. Er hat keine Struktur, es ist nur ein Ausschuss, aber er tritt zusammen, um verschiedene Themen aufzugreifen. Es ist eine Bewegung. Die LPP wurde einmal als NGO-Partei bezeichnet. In einer Gesellschaft, die durch Feudalismus, Fundamentalismus und Imperialismus kontrolliert wird, ist es unerlässlich, sich ein Stück weit in der sozialen Arbeit mit sozialen Organisationen zu engagieren und zu versuchen, sie zu radikalisieren. Wir haben also diesen Kampf gegen den Fundamentalismus mit sozialen Organisationen geführt und versuchen immer, mit dem Rest der Linken zusammenzuarbeiten: mit den Gewerkschaften und verschiedenen sozialen Bewegungen.

Als eine hinduistische Frau in Sindh zum Islam zwangskonvertiert wurde [5], ergriffen wir als LPP die Initiative zu Protesten in Sindh [6]. Es gab eine Kundgebung in Hyderabad, der zweitgrößten Stadt, und eine in Karatschi. Die Kundgebung in Hyderabad wurde von der fundamentalistischen sunnitischen Gruppe Tehreek angegriffen [7], die uns vorwarf, gegen das Gesetz zur Bekämpfung von Blasphemie zu sein und gegen den Fundamentalismus zu demonstrieren. Sie haben uns angegriffen, wir haben uns verteidigt. Die Polizei kam, die Fundamentalisten zogen sich zusammen und alle unsere Genossen, rund hundert an der Zahl, wurden verhaftet. Und das allein wegen des Falls einer armen hinduistischenFrau, die gezwungen wurde, zum Islam überzutreten. Wir sind für Religionsfreiheit, aber wir wussten, dass diese Frau zur Konversion gezwungen worden war.

Nach acht Stunden wurden unsere GenossInnen aus dem Gefängnis entlassen, und die Fundamentalisten hätten uns fast auf der Grundlage des Anti-Blasphemie-Gesetzes vor Gericht gezogen. Auf Gotteslästerung steht in Pakistan die Todesstrafe. Das ist also ein Beispiel für unsere Strategie. Bei der Verteidigung von Minderheiten in Pakistan – hauptsächlich hinduistische und christliche – machen wir keine Abstriche. Es ist unsere Hauptaufgabe als Sozialisten, diejenigen zu verteidigen, die am meisten unterdrückt sind, und dazu zählen die Minderheiten.

Ein weiterer Fall in Pandschab war letztes Jahr die Ermordung des Gouverneurs. [8] Pandschab ist die größte Provinz Pakistans. Der Gouverneur war von der Pakistanischen Volkspartei (PPP). Er zeigte Verständnis für eine christliche Frau, die wegen Blasphemie verhaftet und angeklagt worden war. Er besuchte sie im Gefängnis und setzte sich in den Medien für sie ein. Die Fundamentalisten warfen ihm Gotteslästerung vor, weil er diese Frau unterstützte, die blasphemischer Aussagen beschuldigt wurde. Er war ein liberaler Bürgerlicher, der es wagte, diese Frau zu verteidigen. Und was ist mit ihm passiert? Sein eigener Leibwächter, der unter dem Einfluss der Fundamentalisten stand, tötete ihn. Seine Partei, die PPP, lehnte es ab, sein Andenken zu ehren, weil sie sich nicht mit den Fundamentalisten anlegen wollte. Lieber verschloss sie ihre Augen und hielt still. Also ergriffen wir die Initiative zu einer ersten Verurteilung der Tat, was in der Bevölkerung breiten Anklang fand. Wir kündigten an, Kerzen vor dem Haus des Gouverneurs anzuzünden [9], und Tausende von Menschen kamen, um seiner zu gedenken. Wir hatten mit diesem Gouverneur viele politische Differenzen, aber im Kampf gegen den Fundamentalismus müssen wir uns mit den Liberalen zusammentun ... Wir müssen vereint sein und in unserer Taktik sehr flexibel und geschickt auf die Situation reagieren. Wir sollten flexibel in unserer Taktik und kompromisslos in unseren Grundsätzen sein. Zum Glück war die Familie des Gouverneurs bei dieser Gelegenheit recht zufrieden mit der Initiative der LPP.

 Du hast gesagt, andere Teile der Linken beteiligten sich ebenfalls an der Kampagne gegen den Fundamentalismus und nicht nur eure Partei. Kannst du mehr über das jüngste linke Vereinigungsprojekt in Pakistan sagen?

Seit wir 1997 die Partei gegründet haben, haben wir immer versucht, mit verschiedenen linken Strömungen in Pakistan zusammenzuarbeiten. Obwohl wir aus einem trotzkistischen Hintergrund kommen, werden wir keine trotzkistische Partei aufbauen. Wir wollen eine marxistische Partei, eine sozialistische Partei. Wir haben also den gewöhnlichen Namen Arbeiterpartei (Labor Party) gewählt. Die Überlegung dahinter ist, dass es eine Klassenpartei sein soll, die verschiedene Tendenzen und Menschen unterschiedlicher Herkunft anzieht. Sie sollten sich vereinen, um eine Partei zu bilden, können gleichzeitig aber in historischen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Denn nach dem Zusammenbruch des Stalinismus und der Offensive des Kapitalismus seit den 1990er-Jahren haben die Spaltungen innerhalb der Linken an Bedeutung verloren. Es ist nicht mehr die gleiche Situation wie vor 1990. Ich kann mich daran erinnern, dass wir damals auch viele sektiererische Meinungen vertraten. Die Linke ist nicht zuletzt durch die Offensive des Kapitalismus bedroht und muss sich daher vereinen. Und ich denke, in einem Land wie Pakistan konnten Trotzkis Ideen, namentlich die Theorie der permanenten Revolution, viele ehemalige Stalinisten überzeugen, weil sie ein Bündnis mit der Bourgeoisie ablehnen. Sie spricht sich gegen eine Etappentheorie der Revolution aus und begründet das damit, dass die Bourgeoisie die historische Rolle, die sie in den demokratischen politischen Revolutionen in Europa hatte, nicht wiederholen kann. Die Bourgeoisie ist außerstande, den Imperialismus zu überwinden, Demokratie einzuführen oder die Nation zu einen. Genauso wenig kann sie den Staat von der Religion trennen oder die Industrialisierung vorantreiben.

      
Mehr dazu
Farooq Tariq: Religiöser Fundamentalismus, Inprekorr Nr. 5/2015 (September/Oktober 2015).
Ali Behrokhi: Der islamische Fundamentalismus – Am Beispiel Irans und des Arabischen Frühlings, Inprekorr Nr. 6/2012 (November/Dezember 2012).
Interview mit Farooq Tariq: „Die LPP ist eine sozialistische Partei, die die Alltagsprobleme der Leute aus der Nähe kennt.“, Inprekorr Nr. 4/2012 (Juli/August 2012).
Farooq Tariq: Die Entwicklung der Arbeiterpartei Pakistans (LPP), Inprekorr Nr. 464/465 (Juli/August 2010).
 

Wir haben also mit verschiedenen Parteien und Gruppen zusammengearbeitet und immer eine Vereinigung angestrebt. Im Jahr 2006 gründeten wir mit allen sieben linken Gruppen von Pakistan die Awami Jamhoori Tahreek (AJT) [10], deren Sekretär ich war, und organisierten sehr erfolgreiche Veranstaltungen. Aber das Projekt kam wegen der ausgesprochen sektiererischen Haltung einiger Gruppen nicht sehr weit. Immerhin haben wir in der Bewegung der Anwälte zusammengearbeitet und waren im Kampf gegen den Fundamentalismus vereint. Letztes Jahr begannen wir darüber zu diskutieren, wie sich drei Parteien zusammenschließen können: die Labor Party, die Workers Party und die Awami Party of Pakistan. Alle drei bildeten eigene Fusionsausschüsse. Die Labor Party gründete ihren Fusionsausschuss auf der letzten Sitzung des Bundesausschusses in Aktabad, der Stadt, in der Osama bin Laden getötet wurde. Wir bestanden darauf, dass die Einheit der Linken auf einem sozialistischen und nicht auf einem antikapitalistischen Programm beruhen müsse. Antikapitalismus genügt nicht. Wir konnten uns mit unserer Argumentation durchsetzen, die anderen beiden Parteien stimmten zu. Es ist der wissenschaftliche Sozialismus, von dem wir reden, der demokratische Zentralismus, die leninistische Organisationsform und so weiter …

Im August werden die Gespräche zu organisatorischen Fragen weitergeführt und dann werden wir in unsere eigene Partei zurückgehen. Wenn die Verhandlungen zu einem Abschluss kommen und wir uns einigen, dann wird es eine Sondersitzung des Bundesausschusses der LPP geben. Wir wollen eine solche Entscheidung nicht überstürzen, sondern sicher sein. Wenn der Zusammenschluss über die Bühne ist, dann wird das die eigene Partei. Wir verfügen über eine 20-jährige problematische Erfahrung mit solchen Projekten und müssen aus anderen negativen wie positiven Erfahrungen lernen.

Eine vereinte linke Partei in Pakistan würde zahlreiche radikalisierte Jugendliche anziehen. Zurzeit herrscht große Verwirrung darüber, welcher Partei sie beitreten sollen, da es alle diese verschiedenen linken Parteien gibt. Sie fragen, was uns unterscheidet. Ich hoffe, dass es für die Ausbreitung linker Ideen ein großer Schritt nach vorn sein wird, wenn die Fusionsverhandlungen erfolgreich sind und die Parteien zustimmen. Wenn wir in der Lage sind, eine große linke Partei zu bilden, wird diese ein Wachstumspotenzial haben und möglicherweise auch einige Parlamentssitze gewinnen.

Quelle: europe-solidaire.org
Übersetzung: Tigrib



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 6/2012 (November/Dezember 2012). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] http://inside.org.au/indonesia% E2% 8 ...

[2] Siehe ESSF (Artikel 11192), Indonesia: Union militant to contest elections und (Artikel 26268), The indonesian Left and Green Left Weekly.

[3] Für weitere Hintergrundinformationen zu diesem Thema auf ESSF (Artikel 26270), siehe Our Stance.

[4] Siehe http://www.thejakartapost.com/news/ ... ; http://www.asiacalling.org/en/news/ ...und http://www.thejakartaglobe. com / home ...

[5] http://www.asianews.it/news-en/Hind ...

[6] Siehe ESSF (Artikel 24893), Hyderabad (Pakistan): Left rally against forced religious conversion attacked by Sunni Tehreek.

[7] Ebenda.

[8] http://www.bbc.co.uk/news/world-sou ...

[9] http://dawn.com/2011/01/08/a-commem ...

[10] Siehe ESSF (Artikel 26271), Pakistan: Program of Awami Jamhoori Tahreek (National Leftist Forum).