Nachruf

Hermann Dworczak (1948–2026)

Ein Leben für die Revolution und eine bessere Welt

Hermann war Gründungsmitglied der Gruppe Revolutionäre Marxisten / Sozialistische Alternative, Autor, Redner, Organisator, internationaler Netzwerker im europäischen und im Welt-Sozialforum, Antifaschist, Gewerkschafter, unermüdlicher Aktivist, Revolutionärer Marxist mit Herz und Hirn, selbstbewusst und bescheiden, unsektiererisch und solidarisch, glasklar, mutig, freundlich, geradlinig und verlässlich.

Wilfried Hanser

Antifaschistische Kundgebung gegen die VAPO ([neonazistische] Truppe von Gottfried Küssel) Ende der 1970er Jahre im Anne-Karlson-Park [in Wien]: „Die Polizei erklärt unsere Kundgebung für aufgelöst. Hermann springt auf einen Mistkübel [Abfalleimer] und setzt an, eine Rede zu halten. Einsatzleiter: ‚Was machen Sie da, Herr Dr. Dworczak?‘ Hermann: ‚Unterbrechen Sie mich nicht! Wir führen hier eine antifaschistische Kundgebung durch.‘ Unbeirrt setzte er seine Rede fort. So war Genosse ‚Penta‘.“ (Erinnerung von Genossen Peter)

 

Hermann Dworczak

(Foto: soal.at)

Juni 1991: Ich erinnere mich an eine Versammlung in Wien. Da platzt die Nachricht herein, Jörg Haider hat im Kärntner Landtag seinen unsäglichen Spruch von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ abgesondert. Hermann gibt das durch, schnappt sich das nächste Megaphon und fordert uns auf: „Ziehen wir vor die FPÖ-Parteizentrale und protestieren!“ Wir waren vielleicht 50, mag sein 100 Personen. Aber ich kann euch sagen: Die Blauen [blau: Farbe der rechtsextremen „Freiheitlichen Partei Österreichs“] haben sich vor uns echt gefürchtet! Die darauffolgenden Proteste und die Politik der Sozialdemokratie unter Franz Vranitzky haben dann tatsächlich zur Absetzung des blauen Kärntner Landeshauptmanns [Jörg Haider] geführt. Die ÖVP hatte ihm bekanntlich vorher ins Amt verholfen.

Hermann schrieb eine Doktorarbeit: „Zur Methode der Kritik der Politischen Ökonomie (bei Marx)“. Diese Methode hat er sich zu eigen gemacht: zuerst das Ganze, den weltweiten Kapitalismus, die globale Situation in den Blick zu nehmen und erst dann ins Detail zu gehen: eine zutiefst internationalistische Herangehensweise. Trotz seines Doktorats sprach Hermann so, wie auch Hackler [österreichisch: Schwerarbeiter oder Arbeiter:innen, Nichtstudierte] im Wiener Bezirk Hernals sprechen, wo er aufgewachsen ist. Sie haben ihm gerne zugehört. Das hat auch damit zu tun, dass er aus sehr einfachen Verhältnissen kam. Den Menschen seiner Herkunftsgeschichte, der Arbeiterklasse, hat er sein Leben gewidmet. Ihnen ist er immer treu geblieben, und er ist sich keinen Moment als „etwas Besseres“ vorgekommen. Hermann ist es immer um die Sache gegangen, nie um seine eigene Person. Er hat sich nie persönlich in den Vordergrund gedrängt. Sehr wohl hat er sich aber – gefragt oder ungefragt, lautstark oder auch leise – zu Wort gemeldet, analysiert, protestiert. Er wollte, dass die Ausgebeuteten und Unterdrückten ihre Interessen selbst artikulieren und für ihre Rechte kämpfen; er hat sie zur kämpferischen Selbsttätigkeit ermutigt, und zwar international. Aber er hat ihnen nie populistisch „nach dem Mund geredet“, sondern stets klar eine antifaschistische, internationalistische, antirassistische und ökosozialistische Haltung verkörpert.

Hermann hatte scheinbar unerschöpfliche Energien. Er stand früh auf, ernährte sich überwiegend von Butterbroten, arbeitete bei einer Versicherung, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen und um die Zeit und die Unabhängigkeit für den Hauptzweck seines Lebens zu haben: lesen, diskutieren, analysieren; Rezensionen, Analysen, Berichte und Rezensionen schreiben, Treffen abhalten, Proteste und (Solidaritäts-)Aktionen organisieren, kritisieren, telefonieren, telefonieren, telefonieren, Verbindungen knüpfen, Informationen sammeln, Anregungen geben, die manchmal nach Direktiven klangen (Greif zur Feder!, Organisiere eine Versammlung!, Interveniere!); Kämpfe unterstützen, initiieren, verbinden, zu selbstbestimmten Aktionsformen ermutigen, zur Solidarität ermahnen. Hermanns Tag schien 24 Stunden zu haben.


Einige inhaltliche Schwerpunkte von Hermann


Hermann hat sich über die Politik hinaus auch für Kultur – insbesondere Theater, Literatur, Architektur und Museen – interessiert. Überall, wo er hinkam, hat er sich die Stätten der Kultur angesehen. In seinen hunderten Berichten aus aller Welt erzählte er nicht nur von den politischen Debatten, sondern immer auch von der Kultur und dem Leben der „normalen Menschen“. Seine Gespräche und Eindrücke flossen immer mit ein.

Und fix einmal in der Woche stürzte sich Hermann mit Boogie-Woogie und Rockʼn Roll aufs Tanzparkett und feierte das Leben mit Freunden, die nichts mit seinem sonstigen politischen Leben zu tun hatten. Genosse Danny [Leder] erinnert sich, dass sich Hermann auch für das proletarische Massenphänomen, das im Film „Saturday Night Fever“ dokumentiert wird, interessiert hat. John Travolta war für Hermann eine Figur des „working class hero“.

Hermann hat in Porto Alegre, Istanbul, an den Universitäten von Moskau, Peking und weltweit referiert und leidenschaftlich diskutiert. Die Menschen hörten ihm auch zu. Sein Radius war wahrlich global. Doch plötzlich bremste ein Schlaganfall jäh seinen unermüdlichen Schwung. Zwar schien er sich zunächst rasch davon zu erholen, aber eine jahrelange, tiefe Depression legte sich wie ein erstickender bleierner Deckel über ihn. Die große Welt von Hermann, die kurz zuvor den Globus und große Wissensgebiete, vor allem die Geschichte der Arbeiterbewegung umspannte, schrumpfte plötzlich auf wenige Schritte in seiner Wohnung und eine Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Minuten. Sechs Jahre lang hat er seine Wohnung nie verlassen (mit Ausnahme von Rettungsfahrten). Es war ihm auch für immer unmöglich, längere Texte zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Diese Depression hatte ihn mit ziemlicher Wucht bereits einmal, in der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, aus der Bahn geworfen. Mit Unterstützung von Medizin, Freunden und eiserner Willenskraft hat er sich damals noch aus der ersten langjährigen Depression herausgewurstelt. Beim zweiten Mal war ihm das leider nicht mehr möglich.

Ich wünschte, ich hätte ihn in einer seiner Hochphasen davon überzeugen können, sich eine intensive Psychotherapie zu gönnen. Vielleicht hätte er dann mit seinen manischen Höhenflügen und depressiven Phasen besser zurechtkommen können, wer weiß? Leider hatte Hermann – jedenfalls in seinen Hochphasen – viel zu wenig Einsicht in seine Krankheit. Und in Zeiten der Depression war er zu einer Psychotherapie nicht in der Lage. Vielleicht hat er seine Eigenfürsorge nie wichtig genug genommen? In dieser Hinsicht war er uns jedenfalls kein gutes Vorbild.

Vor elf Jahren hat Hermann ein Kurzreferat gehalten, das mit Video festgehalten wurde und im Internet zu sehen ist. Wie in einem Brennglas kann man dabei Hermann quasi beim Denken zuschauen: Er skizziert in fünf kurzen Thesen die damalige aktuelle objektive und subjektive Lage des Weltproletariats. Sehr treffend zeichnet er die riesigen Widersprüche, einerseits die milliardengroße Zahl, die weltweit bisher noch nie so groß war, die Verschiebung des Schwergewichts nach Süden und Osten, auch viele spontane Kämpfe. Andererseits schildert er auch völlig unbeschönigt die dramatische Schwäche und das Zurückbleiben des „subjektiven Faktors“, des Bewusstseins, das weitgehende Fehlen von praktischer internationaler Solidarität und Strategie. Und typisch für Hermann: Er leitet daraus sehr konkrete Handlungsschritte ab, die sofort umgesetzt werden könnten, um die Situation zu verbessern.

In diesem Video zeigt sich deutlich die Methode von Hermann: Stets unsektiererisch und mit Weitblick darauf bedacht, die weltweite Bewegung voranzubringen. Kurzum, er machte sich die Haltung des Kommunistischen Manifest von 1848 zu eigen:

„In welchem Verhältnis stehen die Kommunisten zu den Proletariern überhaupt? Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.
Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.
Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.
Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“

In diesem Sinne hat Hermann die Schärfe der Kritik und Entschiedenheit der Intervention einerseits sowie die Zusammenarbeit mit einer großen Vielfalt von politischen Strömungen der Linken andererseits zu kombinieren versucht.

      
Mehr dazu
Stimmen zum Leben und Tod von Hermann Dworczak (1948 - 2026), soal.at (26.1.2026)
Fotos aus dem Leben von Hermann Dworczak, soal.at (27.1.2026)
Hermann Dworczak: Johann Schögler (1951–2016), Inprekorr Nr. 6/2016 (November/Dezember 2016) (nur online).
H.Dworzcak: China-Reisebericht 1: Parteitag ante portas, linkestmk.at (30.10.2012)
H.Dworzcak: China-Reisebericht 2: Studieren in China, linkestmk.at (20.10.2012)
H.Dworzcak: China-Reisebericht 3: Fragen von ChinesInnen, linkestmk.at (26.10.2012)
Boris Jezek: Zur Geschichte des Rechtsextremismus in Österreich, Inprekorr Nr. 341 (März 2000).
Boris Jezek: Jörg Haider und seine Helfer, Inprekorr Nr. 337/338 (November/Dezember 1999).
Hermann Dworczak: Waldheim muß gehen!, Inprekorr Nr. 202 (April 1988).
 

Manche neigen jetzt – angesichts seines Todes – dazu, Hermann zu einem Heroen zu stilisieren, ihn aufs Stockerl zu stellen: „Hermann war so toll, so wie Hermann könnten wir nie sein! Hermann ist unerreichbar!“ Klar: Niemand ist wie Hermann, er war ein einmaliges, unersetzbares Individuum mit einem eigenen unverwechselbaren Stil. Aber Hermann hätte jeden Kult um seine Person schroff zurückgewiesen und sofort mindestens fünf praktische Punkte skizziert, was jede:r gleich selbst tun kann. Alle können Beiträge zur Bewegung leisten, alle sind wichtig, und keiner ist zu klein!


Resümee


Hermann hat sich aus ganzem Herzen, mit Wissen, Intelligenz und mit voller Kraft dafür eingesetzt, dass jede, auch noch so kleine demokratische und soziale Errungenschaft verteidigt bzw. erweitert wird. Und er war gleichzeitig überzeugt: „Eine andere, eine bessere Welt ist notwendig und möglich.“ Er hat sich sein Leben lang dafür engagiert, dass diese Möglichkeit weiterhin offen bleibt. Dieses Ziel zu erreichen, dafür war seine Lebenszeit zu kurz, dafür reichte seine Kraft nicht mehr.

Wir haben noch ein Stück unseres Lebens – sei es länger oder kürzer – vor uns.

Lieber Hermann, was wir an deinen Zielen und deinem Engagement gut finden, führen wir weiter. Wir kämpfen weiter – auch, um dich zu ehren! Danke für deinen Einsatz und dein Beispiel!

Wilfried Hanser, im Namen der Sozialistischen Alternative (SOAL), 13. Februar 2026
[Anmerkungen] und Fußnote von der Web-Redaktion
Quelle: soal.at



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 2/2026 (März/April 2026) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, hrsg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Redaktion: Siegwald Ganglmair, Brigitte Lichtenberger, Wolfgang Neugebauer, Wien: Österreichischer Bundesverlag, 3. Aufl. 1979; 4. Aufl. 1980; 5. überarbeitete u. ergänzte Aufl. 1981.
Siehe auch die Informationen in dem Wikipedia-Artikel zum DÖW.