Iran

Warum Khomeini?

Die Massenbewegung scheint ihr Vertrauen in Khomeini zu setzen. Die Ursache dafür liegt nicht in der „tiefen Religiosität“ der iranischen Massen, sondern eher im historischen Scheitern der Stalinisten und der bürgerlichen Nationalisten.

Saber Nikbin

Eines der hervorstechenden Merkmale der politischen Situation im Iran seit eineinhalb Jahren ist, welchen Einfluß die schiitische Hierarchie der Massenbewegung gegen den Schah ist. Dieser Einfluß hat sich als sehr stark erwiesen. insbesondere in letzter Zeit. Die schiitischen Führer, vor allem der Ayatollah Khomeini, haben sich als die hauptsächliche politische Kraft an der Spitze der Massenbewegung herausgestellt.


Um die Massen zu diskreditieren


Die iranische herrschende Klasse hat, um die Massenbewegung zu diskreditieren, versucht, in Zweifel zu ziehen, welche Unterstützung die religiösen Führer durch das Volk genießen. Der Schah hat, indem er die wichtigste Opposition gegen das Regime als „religiös und reaktionär“ hinstellte, die öffentliche Meinung hinters Licht zu führen versucht, daß die Monarchie total gescheitert ist und wie progressiv die Bewegung wirklich ist.

Die Herrschenden behaupten, daß im Gegensatz zum Schah, der die „große Zivilisation“ verspricht, die Opposition zurück zur „finsteren Vergangenheit“ drängt. Derartiges ist auch von den Imperialisten verbreitet worden, um ihre Unterstützung des blutigen Schah-Regimes zu rechtfertigen. Auf diese Weise versuchen Carter und mehr als ein Sozialdemokrat, ihre Erklärung für die „Einhaltung der Menschenrechte“ und ihre faktische oder proklamierte Unterstützung der alltäglichen Massaker an den iranischen Massen in Einklang zu bringen. Für die Imperialisten können Leute, die sich weigern, brutal ausgebeutet und unterdrückt zu werden, nicht als menschliche Wesen angesehen werden!

Wir haben schon dargestellt (siehe Saber Nikbin: Der wirtschaftliche Hintergrund, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978) und Die Entwicklung der Massenbewegung, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978)), was die Massenmobilisierungen wirklich ausdrücken, und wie sinnlos es ist, sie als „religiöse Bewegung“ zu bezeichnen. Egal, welche Kraft sich an ihre Spitze setzt, und unabhängig von den Forderungen, die sie zum Teil zum Ausdruck bringen, haben die Mobilisierungen nichts mit der Religion als solcher zu tun und noch viel weniger mit einer reaktionären Religion.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine Oppositionsbewegung gegen eine äußerst brutale Diktatur, welche die Mehrheit der Bevölkerung dank ihrer vom internationalen Kapital durchgesetzten „Reformen“ an den Rand des Desasters gebracht hat.

Die Bewegung gegen das Schah-Regime hat sich spontan entwickelt. Jeden Monat hat sie einen größeren Teil der Bevölkerung erfaßt, bis sie eine breite Mehrheit einnahm. Diese Bewegung hat sich trotz der furchtbaren Repression entwickelt, trotz des Kriegsrechts, trotzdem mehr als 10 000 Personen von Polizei und Armee ermordet wurden. Sie hat das Regime bis, auf die Grundfesten erschüttert. Das als „rechte religiöse Bewegung' zu kennzeichnen, ist nicht nur der Gipfel der Hypokrisie, sondern auch der Dummheit.

Wie kann man sich erklären, daß diese Bewegung ihr Vertrauen in Khomeini und in die anderen religiösen Führer gesetzt zu haben scheint und daß sie bereit ist, auf die Straße zu gehen, obwohl ihr die blutigste Repression droht, um vor aller Welt ihre Unterstützung diesen religiösen Führern zu proklamieren? Eine der sowohl bei der Rechten als auch bei der Linken sehr weit verbreitete Erklärung ist die, daß die iranischen Massen tief religiös und politisch wenig reif seien. Also konnte sich ihre Teilnahme am Klassenkampf und ihre Opposition gegenüber dem Schah-Regime nur über die Religion ausdrücken.

Die Linke benutzt diese Erklärung, um ihre opportunistische Politik, nämlich ihr eigenes Programm zu liquidieren und den religiösen Führern zu folgen, zu decken. Die Rechte dagegen gebraucht diese Erklärung, um zu „beweisen”, daß die iranischen Massen noch nicht reif für die Demokratie seien!

So gelingt es allen politischen Kräften, mithilfe dieser Art von Erklärungen sich hinter der Religion zu verstecken. Die bürgerlichen Nationalisten wie die Stalinisten sind drauf und dran, zu bekennen, daß sie schon immer heiße Anhänger der schiitischen Führer waren. All das zeugt eher vom Mißerfolg und von der Falschheit dieser politischen Strömungen als vom „religiösen Fanatismus der rückständigen Massen“.

Man braucht nur eine bestimmte Überlegung über die Geschichte der politischen Bewegung im Iran im XX. Jahrhundert anstellen, um die ganze Naivität obiger Erklärungen aufzudecken. Wenn so viele Iraner religiös und politisch unreif sind, sind sie denn das mehr als vor 70 oder 30 Jahren?

Wie kann man behaupten, die Iraner wären politisch reifer während der Konstitutionellen Revolution vor 70 Jahren gewesen als heute? Damals gab es keine einzige entwickelte politische Partei im Iran, und doch war die politische Führung nicht in den Händen der religiösen Hierarchie.

Oder: wie will man beweisen, daß die Massenbewegung im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg weniger religiös als die derzeitige war? Zur damaligen Zeit verfügte die breite Mehrheit der Bevölkerung über keinerlei anderes soziales Kommunikationsmittel als dem von der Religion angebotenen. Und dennoch lag die Führung der Bewegung entweder in den Händen der stalinistischen Partei (der Tudeh-Partei) oder in denen der Nationalen Front.

Zwar spielten die religiösen Führer zu beiden Gelegenheiten eine Rolle in der politischen Führung der Massenbewegung. Aber sie bildeten nur eines der Elemente innerhalb einer viel breiteren Führung. Und diese Rolle war momentan und trat zurück, als die anderen Formationen eine größere Rolle einnahmen. Und wie kommt es dann, daß einige Jahrzehnte später eine der massivsten Bewegungen, die der Iran jemals erlebt hat, religiöse Führer total unterstützt, die nicht mehr eine untergeordnete Rolle spielen, sondern als unabhängige politische Kraft agieren?


Warum die Stalinisten und die bürgerlichen Nationalisten scheiterten


Zahlreiche Faktoren sind es, die es der schiitischen Hierarchie ermöglicht haben, eine derart führende Position in der Massenbewegung gegen den Schah einzunehmen.

Der wichtigste liegt in der Krise der politischen Führung im Iran. Das muß sowohl im konjunkturellen als auch im historischen Sinn verstanden werden.

Im historischen Sinne hat die stalinistische Bürokratie während einer ganzen Periode sich der Herausbildung einer proletarischen Führung im Iran widersetzt. Mit Ausnahme einer kurzen Periode während der Konstitutionellen Revolution, die von den Aktivitäten eines ersten sozialistischen Kerns gekennzeichnet ist (der sich 1906 bildete), und mit Ausnahme der allerersten Jahre der politischen Arbeit der KP (1920 entstanden) fehlte eine wirkliche Arbeiterpartei, die einen gewissen Einfluß auf die politischen Entwicklungen im Iran hätte ausüben können.

Die Kreml-Bürokratie zwang die junge KP, Reza Schah zu unterstützen, und während der Moskauer Prozesse (1936/37) ließ sie alle ihre fähigen Führer hinrichten.

Als später, Anfang der 40er Jahre, die Bürokratie zur Bildung einer neuen Partei (der Tudeh) beitrug, zwang sie diese, sich nicht als Arbeiterpartei zu definieren. Wie der Name selbst der Partei – „Massenpartei“ – schon andeutet, versuchte der Kreml in dieser Form, seine Volksfrontstrategie auf die spezifische Bedingungen des Iran anzuwenden. Da es nennenswerte bürgerliche Parteien einfach nicht gab und die KP so klein war, konnten die Stalinisten unmöglich eine Volksfront bilden, indem sie die Arbeiterparteien zur Koalition mit den bürgerlichen Parteien zwangen. Deshalb bildeten sie einfach eine einzige und neue Partei! Eine Partei mit „Volks“-Progamm, die von Beginn an auf Klassenkollaboration ausgerichtet war und unter ihrer Kontrolle stand.

Diese Partei, die Tudeh, hat die Revolution im Iran offen verraten. Die Kreml-Bürokratie hat die revolutionäre Bewegung zynisch zugunsten ihrer unmittelbaren Interessen geopfert.

Während die anti-imperialistische Bewegung sich kräftig entwickelte und die Massen forderten, daß die dem Imperialismus zugestandenen kolonialen Konzessionen, unter anderem im Erdölsektor, annulliert würden, organisierte die Tudeh-Partei Demonstrationen dafür, daß Konzessionen im Erdölbereich der Sowjetunion gemacht würden. Um diese zu erhalten, nahm die Tudeh-Partei an einer reaktionären und offen pro-imperialistischen Regierungskoalition teil, liquidierte die Streikbewegung, welche die britischen Erdölanlagen lähmte, und opferte die nationale Bewegung von Aserbeidschan. Die Politik der Tudeh-Partei hatte zur Konsequenz, daß eine andere bürgerliche Formation ohne Format, die von Mossadegh geführte Nationale Front, sich an die Spitze der Massenbewegung setzte. Die Nationale Front wollte nur die Früchte der Ausbeutung der iranischen Arbeiter und Bauern zugunsten der einheimischen Bourgeoisie neu verteilen. Sie mußte die Massenbewegung in die Niederlage führen.

Sie demobilisierte die Massen, beschränkte sich auf Aktionen innerhalb der Verfassung und versuchte, die Monarchie zu erhalten. Damit erleichterte sie die Aufgabe der CIA, den Militär-Staatsstreich von 1953 vorzubereiten.

 

Die Tudeh-Partei: Ein Verrat nach dem anderen

Im Gegensatz zur gesamten islamischen Welt (außer der Türkei) drang der Marxismus im Gefolge der Russischen Revolution und nicht nach dem Zweiten Weltkrieg in den Iran. Die ersten Kader der kommunistischen Bewegung des Iran stammen von den 300 000 persischen Arbeitern, die über die Grenze gingen, um in der Erdölindustrie von Baku in der Sowjetunion zu arbeiten. Die Anfang der zwanziger Jahre geschaffene KP zählte bald mehrere Tausend Mitglieder und organisierte die Gewerkschaftsbewegung. Aber der Stalinismus hat schnell durchgegriffen. Ende der zwanziger Jahre wurde der Georgier Ordschonikidse geschickt, um die iranische Partei zu „bolschewisieren“, in Wirklichkeit, um sie zu säubern. Ihr bedeutendster Führer, Sultansadeh, einer der hervorstechendsten kommunistischen Intellektuellen des Nahen Ostens, wird nach Moskau gerufen, wo er in den Säuberungen Stalins verschwindet. Die ausgeblutete Partei konnte der Repression, die auf die Machtergreifung von Reza Schah, dem Vater des derzeitigen Schah, folgte, nicht standhalten.

Die Erinnerung an die Niederlage ist im Gedächtnis des Volkes noch sehr lebendig. Der Verrat der Tudeh-Partei und die Freiheit der Nationalen Front sind nicht in Vergessenheit geraten. Aber in der Zwischenzeit ist keinerlei alternative Kraft aufgetaucht, die dieses Vakuum hätte ausfüllen können. Die Avantgarde, die ihre Lektionen aus der Niederlage gezogen hat, fiel in sämtliche Fallen des Maoismus und der verschiedenen Varianten des kleinbürgerlichen Radikalismus, statt mit dem Stalinismus und dem bürgerlichen Nationalismus zu brechen.


Religiöse Führer im Vordergrund


So war es unausweichlich, daß eine andere Kraft das Vakuum ausfüllen mußte. Die objektiven Bedingungen wie die politische Entwicklung der jüngsten Periode, insbesondere nach der „Weißen Revolution“ des Schah, führten dazu, daß diese Alternative in Gestalt der religiösen Führer erschien. Schon nach dem Putsch von 1953 hatte eine gewisse Anzahl von bürgerlichen Politikern Oppositionszirkel, die sich auf den Islam beriefen, gebildet.

Zum ersten Mal fand sich die religiöse Hierarchie an der Spitze der Opposition während der Ereignisse zu Anfang der 60er Jahre, als die vom Imperialismus ermunterten „Reformen“ verwirklicht zu werden begannen. Sowohl die Tudeh-Partei als auch die Nationale Front (die sich inzwischen reformiert hatte) versagten wieder, als es darum ging, Widerstand gegen diese „Reformen“ zu leisten. Die Tudeh-Partei kapitulierte völlig, und die Nationale Front schwankte. Auf jeden Fall organisierte keine von beiden einen ernsthaften Kampf gegen diese „Reformen“.

Die Tudeh-Partei bezeichnete sie als „progressiv“ und behauptete, daß in ihnen ein „Rückzug des Weltimperialismus gegenüber dem sozialistischen Lager“ zum Ausdruck komme. Und die Nationale Front stand völlig entwaffnet da – ergriff der Schah doch Maßnahmen, die von ihr immer als Grundlage einer Politik der „Unabhängigkeit des Iran“ beschrieben worden waren. Das beste, was diese Parteien zu bieten hatten, wurde in dem Slogan zusammengefaßt: „Reformen – ja, Diktatur – nein“.

Der einzige Sektor, der konsistente Opposition äußerte, das war eine Fraktion der religiösen Opposition, an deren Spitze Khomeini stand. Sie organisierte Massenmobilisierungen (Juni 1963) in einer Reihe von wichtigen Städten. Die Demonstrationen wurden von der Armee blutig unterdrückt. Tausende von Demonstranten wurden getötet, religiöse Führer wurden verhaftet und Khomeini ins Exil geschickt.

Das iranische Regime behauptet, die schiitische Opposition gegen die „Weiße Revolution“ sei auf ihre Rückständigkeit, ihre Gegnerschaft zur Befreiung der Frau und der Agrarreform zurückzuführen. Sicher, viele religiöse Führer sehen in diesen Reformen eine Bedrohung ihrer eigenen Autorität und ein Ankratzen der „islamischen Werte“. Aber an erster Stelle ihrer Kritik stand etwas anderes: die Aufhebung der Unabhängigkeit des Iran zugunsten des Imperialismus. Die schiitische Opposition mit ihre Verbindungen zum Basar und zur Kleinbourgeoisie, die durch diese Reformen direkt infrage gestellt waren, bekämpfte fast instinktiv die „Weiße Revolution“.

Jetzt, nach 15 Jahren Erfahrung sind die verheerenden Ergebnisse dieser „Reformen“ offensichtlich für jeden. Ihr wahres Wesen hat sich klar offenbart. Was den Massen in Erinnerung ist, das sind nicht die besonderen Gründe, die Khomeini Anfang der 60er Jahre dazu trieben, in Opposition zum Schah und seiner Politik zu gehen, sondern daß er dies von Anfang an standhaft tat.


Eine radikale Opposition


In diesem Kontext muß man die Entwicklung der Massenbewegung gegen den Schah in den letzten 20 Monaten erfassen. Während in den sechziger Jahren aufgrund der Schwankungen in der Politik von Tudeh und Nationaler Front gefördert wurde, daß die religiöse Opposition als unabhängige politische Kraft in Erscheinung trat, hilft derzeit die Tatsache, daß diese beiden Formationen politisch versagen, Khomeini, der der festeste Gegner des Schah war, sich an die Spitze der Massenbewegung zu setzen.

Khomeini erscheint radikaler als Tudeh-Partei und Nationale Front in der wichtigsten Aufgabe der Stunde zu sein: dem Sturz des Schah-Regimes. Innerhalb weniger Monate verallgemeinerte sich die Bewegung, die sich um eine Reihe von demokratischen Forderungen entwickelte, auf eine zentralen Parole: „Nieder mit dem Schah!“ Parallel dazu muß das Ansehen Khomeinis anwachsen. Er widersetzte sich unaufhörlich jedem Kompromiß mit dem Monarchen. Die Nationale Front dagegen verlangte nur die „Rückkehr zur Konstitutionellen Monarchie“, wo sich doch alle Kräfte des Imperialismus und der Reaktion eben um diese „Konstitutionelle Monarchie“ scharten! Die Massenbewegung war nicht bereit, sich in eine Richtung kanalisieren zu lassen, die auf eine Verfassung hinzielt, in der steht: „Der Schah ist ein Gott, der dem iranischen Volk geschenkt wurde“. Dagegen identifizierte sie sich mit Khomeini, der alle Versöhnungsversuche mit dem Schah immer als „Täuschungsmanöver eines bedrohten Regimes“ denunziert hatte.

Die Politik, die die Tudeh-Partei entwickelte, war noch schlimmer als die der Nationalen Front. Bis zur Ausrufung des Kriegsrechts im September 1978 blieb sie höchst nebulös in der brennendsten Frage, die auf der Tagesordnung stand: die Monarchie. Sie begnügte sich damit, von der „Bildung einer Regierung der Nationalen Koalition“ zu sprechen, an der auch „die Teile der herrschenden Klasse, die gegen die individualistische Diktatur des Schah eingestellt sind“, mitmachen sollten. Und in ihrem Programm bot sie eben dieser Teile der herrschenden Klassen das Versprechen an, daß „sie mithilfe der sozialistischen Länder sich eines einheimischen Marktes erfreuen könnten, der vor der Konkurrenz der Waren aus den imperialistischen Ländern geschützt ist“.

Die Kreml-Bürokratie hat klargestellt, warum die Tudeh-Partei in Opposition zum Schah-Regime stand. Sie machte deutlich, daß diese Opposition vor allem ein Mittel zur diplomatischen Erpressung war, um den Schah zu zwingen, auch die Unterstützung Moskaus zu suchen. Dabei ließ die Tudeh-Partei immer durchblicken, daß sie bereit war, das herrschende Regime zu unterstützen und direkte Vereinbarungen mit dem Schah zu treffen, trotz der Vorhaben, mit den oben erwähnten Sektoren der herrschenden Klassen Vereinbarungen zu treffen.

Basierend auf einer konsistenten Politik, „den amerikanischen Imperialismus unter Druck zu setzen“, rechtfertigte Moskau die offenste Unterstützung für den Schah. Zum Beispiel lud der Kreml, als die Massenbewegung 1977 ihren Aufschwung nahm und sogar Carter einige Reserven gegenüber dem Schah-Regime äußerte, diesen ein, eine Tournee durch Osteuropa zu machen. Moskau gab diesem Henker die Ehrendoktorwürde der Jurisprudenz!

In einem Land, das seit Jahrzehnten unter der imperialistischen Dominanz leidet, bleibt den Massen nichts an Unterstützung für den Schah verborgen, auch wenn sie unter dem Mantel der stalinistischen Demagogie geleistet wird, die behauptet, „den amerikanischen Imperialismus zum Nachgeben zwingen“ zu wollen.

Deshalb war es klar, daß die Massen sich für Khomeini, den Gegner der ersten Stunde, entscheiden würden und nicht für die Tudeh-Partei oder die Nationale Front. Jedenfalls steht fest, daß die Massen deutlich gemacht haben, daß sie denen, die irgendwann einmal in dieser oder jener Weise mit dem Schah zusammengearbeitet haben, keinerlei Vertrauen entgegenbringen.


Kapitulation oder Organisierung der Opposition


Schließlich muß man, um den Einfluß der religiösen Würdenträger richtig einzuschätzen, ein zweites Element berücksichtigen. Unter den Bedingungen scharfer Repression konnte die Massenbewegung die Moscheen als Versammlungszentren und Orte politischer Arbeit ausnutzen.

Dies war umso wichtiger, als weder die Tudeh-Partei noch die Nationale Front bereit waren, die Mobilisierung der Massen zu organisieren. Die Nationale Front entwickelte die irreführende Idee, die Sektoren an der Macht stünden unter dem Druck des amerikanischen Imperialismus und müssten eine Reihe von Veränderungen vornehmen in Richtung auf die Liberalisierung des Regimes. Also unternahm sie alles, um diese „mächtigen Interessen“ davon zu überzeugen, wie vorteilhaft eine Öffnung sei, und welch guten Willen sie hätte.

Die Nationale Front konnte also nicht das geringste Risiko mit den Massenmobilisierungen eingehen. Erstens, weil sie merkte, daß eine Massenbewegung zum Sturz des Schah zu einer unkontrollierbaren Situation führen mußte. Dann, weil die Nationale Front beweisen mußte, daß die Massenbewegung, wenn sie schon existierte, sich „verantwortlich“ verhielt, um die Behauptung zu widerlegen, daß „wenn der Schah abreist, alles einstürzt“. Diese Kompromißstrategie lief also jeglicher effektiven Mobilisierung des Volkes zuwider; die Nationale Front hielt sich also von den Mobilisierungen fern. Sie denunzierte diese sogar als „bedauernswerte Zwischenfälle, die vom Regime provoziert wurden“.

Die Tudeh-Partei wollte, ausgehend von den gleichen politischen Positionen, beweisen, daß sie über gewissen politischen Einfluß verfügt und also Teilnehmer einer zukünftigen und möglichen nationalen Koalition sein mußte. Aber seine Basis ist sehr schwach. Außerdem erlaubt ihr ihr ungenügender Apparat nicht, eine strikte Kontrolle über die Mobilisierungen auszuüben. Auf jeden Fall machen die Explosivität und die Spontaneität der Massenbewegung es völlig unmöglich, daß die Stalinisten sie kontrollieren.


Der Druck der Massen


Wenn man all diese Elemente in Betracht zieht, dann ist also die Ursache, warum es die Massenbewegung zu den Moscheen zog, mehr als deutlich. Das war der Ort, wo sich die Individuen und die Schichten, die gegen den Schah opponieren wollten, versammeln und organisieren konnten. Das trug seinerseits dazu bei, den Einfluß der religiösen Hierarchie zu stärken, umsomehr, als eine religiöse Opposition schon seit Anfang der sechziger Jahre existierte und die schiitische Hierarchie gegenüber dem Druck der Massenbewegung ziemlich sensibel war.

      
Mehr dazu
Vereinigtes Sekretariat der Vierten Internationale: Die dritte iranische Revolution hat begonnen, Inprekorr Nr. 103 (Mai 1979).
Brian Grogan, F. Eteffany, Michel Rovère und Cindy Jaquith: Drei Tage fegten das Regime hinweg, Inprekorr Nr. 98 (März 1979).
Michel Rovère: Nach der Abreise des Schah, Inprekorr Nr. 97 (Februar 1979).
Vereinigtes Sekretariat der Vierten Internationale: Nieder mit dem Schah!, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978).
Saber Nikbin: Der wirtschaftliche Hintergrund, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978).
Saber Nikbin: Die Entwicklung der Massenbewegung, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978).
Javad Sadeeg und Azar Tabari: Die Revolution schreitet voran, Inprekorr Nr. 94 (Dezember 1978).
Der neue Gendarm am Arabischen Golf, Inprekorr Nr. 30 (Juni 1974).
Iran: Schah im Schafspelz, Sozialistische Politik (Juli/August 1964)
 

Denn im Unterschied zu anderen religiösen Hierarchien ist die schiitische finanziell vom Staat unabhängig. Die finanziellen Ressourcen werden über ein den Moscheen zugeordnetes Netz eingesammelt. Dieses Geld kommt unter die Kontrolle der religiösen Führer der verschiedenen Gegenden, das heißt der Ayatollahs. Es dient zur Unterhaltung der Moscheen, religiösen Schulen und karitativer Einrichtungen. Diese Einnahmen können nicht investiert werden; deshalb ist die religiöse Hierarchie auch nicht finanziell an die herrschende Klasse und ihren Staat gebunden. Sie ist also direkt nur mit den „Gläubigen“ liiert. Das stellt sie in eine besondere Situation gegenüber den Massen und der Monarchie, eine Situation, die zu permanenten Reibereien mit dem Regime führte und sie sehr aufnahmebereit für Gefühle der Massen macht.

Die Pahlewi-Monarchie, das Instrument des Imperialismus im Iran, hat Versuche unternommen wie bei anderen Sektoren der Gesellschaft, sich diese Kirche unterzuordnen. Sie tat das auf zweierlei Arten. Erstens, indem sie eine andere Hierarchie aufbaute, die von ihr und finanziell vom Staat abhing. Zweitens, indem sie direkt in die religiöse Hierarchie eingriff, um die Elemente, die sich für den Schah aussprachen, zu unterstützen.

Unter dem gleichzeitigen Druck der Monarchie von der einen und der anschwellenden Massenbewegung von der anderen Seite gab es Veränderungen innerhalb der Hierarchie zugunsten des Flügels, der am radikalsten gegen den Schah eingestellt ist, nämlich des von Khomeini geführten. Es sind die den Massen am nächsten stehenden Schichten – die untere Ebene der „religiösen Macht“ die als Treibriemen fungierten. Die religiösen Führer konnten also so ihr Ansehen vergrößern.

Sicher, diese Opposition, wie radikal sie auch ist, drückt sich immer durch eine religiöse Ideologie aus mit all den reaktionären Elementen einer solchen. Aber man darf nicht die Zunahme des Prestiges der religiösen Führer mit einer Renaissance des religiösen Gefühls bei den Massen verwechseln. Die Massen schlagen sich nicht für den Islam oder einen islamischen Staat. Wenn Khomeini über solche Autorität über die Massen verfügt, dann deshalb, weil er nach und nach von einer Oppositionshaltung gegenüber bestimmten Maßnahmen des Regimes zur Forderung nach dem Sturz des Schah und seines Regimes übergegangen ist. Diese Wende des religiösen Führers spiegelt ihrerseits die wachsende Radikalisierung der Massen und ihr zunehmendes Bewußtsein aus.

November 1978



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 97 (Februar 1979). | Startseite | Impressum | Datenschutz