Ökologie

Menschliche Zivilisation vor dem Aus?

„Wie alles zusammenbrechen kann“, so lautet der Titel eines 2015 erschienenen Buches. Darin knüpfen die Autoren, Pablo Servigne und Raphaël Stevens, an die These vom Zusammenbruch der Zivilisation an, die von dem Erfolgsautor Jared Diamond gestreut worden ist. Mit dem Anspruch, sich auf die Feststellung eines unvermeidlichen Zusammenbruchs im Lichte wissenschaftlicher Diagnosen zu beschränken, schufen die beiden Autoren den Begriff der „Kollapsologie“, also die Wissenschaft der ökologischen Katastrophe, die zum Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft führt. Im folgenden Text setzt sich der Autor kritisch mit dieser „Theorie“ auseinander.

Daniel Tanuro

Die „Kollapsologie“ und der Ökosozialismus haben einige Gemeinsamkeiten, aber auch gravierende Unterschiede. Es ist zu hoffen, dass die Debatte es ermöglichen wird, sie zu glätten oder wenigstens zu klären. Dazu wollen wir hier einen Beitrag leisten. In einem wichtigen Punkt besteht Einigkeit: Dies ist keine Krise im Sinne einer Wirtschaftskrise oder akuter Bauchschmerzen, also eines temporären Phänomens. Was wir hier erleben, ist unendlich viel ernster. Aber trotz alledem ist die künftige Entwicklung weiter offen und und Kampf steht auf der Tagesordnung, nicht Trauer und Resignation.

Nach dem Internationalen Geosphären-Biosphärenprogramm (IGBP) hängt die Nachhaltigkeit der menschlichen Zivilisation von neun ökologischen Parametern ab. Für jeden einzelnen ist eine Gefahrengrenze festgelegt, die nicht überschritten werden darf. Die fortschreitende Erholung der Ozonschicht ist dabei der einzige positive Punkt. Für zwei weitere Parameter ist diese Gefahrengrenze unbekannt. Für drei der sechs anderen ist sie bereits überschritten: der Verfall der Biodiversität, die Beeinträchtigung des Stickstoffkreislaufs und die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre.

Beschränken wir uns auf einen Indikator für den Klimawandel: Wissenschaftler schätzen den Kipppunkt auf +1 °C bis +4 °C (im Vergleich zur vorindustriellen Ära), ab dem die grönländische Eiskappe auseinanderbrechen wird, was letztlich dazu führt, dass der Meeresspiegel um sieben Meter steigt. Seit 2016 liegt die globale Erwärmung über 1 °C, so dass wir uns in der Gefahrenzone befinden. Auf jeden Fall ist ohne drastische Maßnahmen ein Anstieg des Meeresspiegels um 60 bis 80 cm in den kommenden Jahrzehnten sehr wahrscheinlich. Mehrere hundert Millionen Menschen werden dann gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen.

Wir wären nicht in dieser tragischen Situation, wenn im Gefolge der Konferenz von Rio 1992 eine ernsthafte Reduzierung der Treibhausgasemissionen beschlossen worden wäre. Aber die Emissionen sind schneller als je zuvor gestiegen. Im Jahr 2017 wurde sogar ein Rekord gebrochen: eine Zunahme um 3,7 %! Beim derzeitigen Rhythmus wird das Kohlenstoffbudget, das eine Zweidrittel-Chance auf eine Erwärmung von nicht mehr als 1,5 °C bietet, im Jahr 2030 ausgeschöpft sein; das „2°C-Budget“ wird im Jahr 2050 ausgeschöpft sein.

Die „Kollapsologen“ kommen zu dem Schluss, dass ein Zusammenbruch unvermeidlich ist und bereits begonnen hat [1]. Sie folgen dabei der Analyse von Jared Diamond: Die Gesellschaft sägt den (ökologischen) Ast ab, auf dem sie sitzt; daher wird sie zusammenbrechen, so wie andere Zivilisationen in der Vergangenheit zusammengebrochen sind (die Osterinsel, die Mayas etc.). [2] Was bedeutet das? Es handelt sich dabei nicht nur um den Zusammenbruch einer politisch-staatlichen Struktur, wie es beim Fall des Römischen Reiches der Fall war, sondern um einen „Ökozid“, der zur Überschreitung der „Tragfähigkeit“ und zum Untergang eines großen Teils der Bevölkerung oder gar der Mehrheit davon führen wird. Die Resonanz auf diese These wurde durch die Übertragung vermeintlicher Vorgänge auf der Osterinsel erzielt. Laut Diamond vermehrten sich die Inselbewohner zunächst auf 30 000 und hätten dann das Ökosystem zerstört, indem sie die Palmenwälder gefällt hätten, um ihre Statuen aufstellen zu können. Damit wäre die Bevölkerung um 80 % dezimiert worden. Der heutige Planet sei in der gleichen Situation und ein globaler Zusammenbruch stehe bevor.

Diese Sichtweise wird von Pablo Servigne und Raphaël Stevens aufgegriffen. Bloß ist es so, dass diese Ereignisse auf der Osterinsel überhaupt nicht so passiert sind. Inzwischen steht fest, dass die Insulaner nie mehr als 3500 gezählt haben. Die Palmenwälder sollen durch die Vermehrung von Nagetieren, die von den Polynesiern eingeschleppt worden waren, vernichtet worden sein. Das Geheimnis, weswegen die Errichtung von Statuen eingestellt worden ist, lässt sich durch soziale Faktoren erklären. Den Gnadenstoß erhielt die dortige Zivilisation von außen: dem Einfall der Sklaveneintreiber, die die Bevölkerung dezimiert haben.

Fachleute für die verschiedenen von Diamond zitierten Beispiele haben sich zusammengetan, um gemeinsam ein lesenswertes Buch zu schreiben: Questioning Collapse [3]. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, kein weit verbreitetes Buch, hatte also nicht die Resonanz wie der „Zusammenbruch“. Aber warum zitieren Wissenschaftler wie Pablo Servigne und Raphaël Stevens immer wieder Diamond und erwähnen nicht Questioning Collapse, das zu dem Schluss kommt, dass die These vom ökologischen Untergang von Zivilisationen in der Vergangenheit unbegründet ist? Sie könnten dies getrost tun, weil in Bezug auf die Gegenwart die „Kollapsologen“ völlig Recht haben: Die Umweltzerstörung bildet eine echte Gefahr für den Untergang der Zivilisation. Die Ökosozialist*innen teilen diese Sorge voll und ganz. Andererseits sind wir überhaupt nicht einverstanden mit der resignativen Art und Weise, diesen Untergang als ein unvermeidliches und daher hinzunehmendes Ereignis zu betrachten.

Pablo Servigne erklärt in einem Interview, dass diese Unvermeidlichkeit durch ein „Bündel wissenschaftlicher Erkenntnisse“ gestützt werde [4]. Diese Aussage ist äußerst fragwürdig. In Wahrheit, wenn Fachleute für Umweltgefahren von der strikten Tatsachenfeststellung ausgehen, ergeben sich zwei grobe Orientierungen.

Die erste ist diejenige von Wissenschaftler*innen, für die das Wachstum eine heilige Kuh ist. Sie glauben, dass Wundertechnologien Katastrophen werden verhindern können, ohne etwas am Wirtschaftssystem zu ändern. Diese Ausrichtung repräsentiert eindeutig die Mehrheit. Im fünften Weltklimaratsbericht (der die bestehenden Arbeiten zusammenfasst) basieren mehr als 90 % der Szenarien, um unter der Zwei-Grad-Grenze der Erwärmung zu bleiben, auf der Annahme eines massiven Einsatzes von Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung (eine Form des Geo-Engineerings voller ökologischer und sozialer Risiken).

Die zweite, stark minderheitliche Orientierung kommt von Forscher*innen, für die Wachstum unheilvoll ist, die aber die Verantwortung für die Katastrophe der Menschheit zuschreiben. Technologie und gesellschaftliche Produktion, so argumentieren sie, seien per definitionem produktivistisch. Die Vorstellung, dass die heutige Gesellschaft direkt an die Wand fährt, weil sie auf den Profit von Kapitalist*innen abzielt, die um Marktanteile kämpfen, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Infolgedessen ist die Reduzierung der Bevölkerung die einzige Lösung für diese Leute. Einige von ihnen sagen, dass die Erde an der Menschheit krankt. Der Untergang der Menschheit scheint ihnen leichter vorstellbar als der des Kapitalismus, der notabene erst seit zweihundert Jahren existiert.

Generell haben diese beiden Denkschulen gemeinsam, dass sie so tun, als würden die sozialen Beziehungen der kapitalistischen Gesellschaft durch Naturgesetze geregelt. Anstatt „die Wissenschaft“ in diesem Punkt zu kritisieren, äffen die „Kollapsologen“ sie jedoch nach.

In dem oben zitierten Interview erklärt Pablo Servigne, dass der Zusammenbruch unvermeidlich sei, weil „unsere Gesellschaft sowohl auf fossilen Brennstoffen als auch auf dem Schuldenwesen basiert“: „Um zu funktionieren, braucht sie immer mehr Wachstum“, oder „ohne fossile Brennstoffe gibt es kein Wachstum mehr“, „daher werden die Schulden nie zurückgezahlt“, „und demnach wird unser gesamtes sozioökonomisches System zusammenbrechen“, sagt er. Die gleiche Analyse wird in dem Buch ausgebreitet, das er mit Stevens verfasst hat.

Man darf jedoch nicht Äpfel (fossile Brennstoffe) mit Birnen (Schulden) vergleichen. Die fossilen Energiekonzerne und ihre Aktionäre wollen nicht aufhören, die fossilen Energiereserven auszubeuten, weil sie damit eine Finanzblase platzen lassen würden, einverstanden. Aber diese Blase besteht aus fiktivem Kapital und ist das Ergebnis von Spekulationen. Das hat nichts mit der physischen Welt zu tun. Es gibt kein Naturgesetz, das besagt, dass die Rechnung für das Platzen der „Kohlenstoffblase“ vom Rest der Gesellschaft bezahlt werden muss. Und ebenso wenig ist es ein Naturgesetz, dass das Platzen dieser Blase den Zusammenbruch der Weltbevölkerung zur Folge hätte. Genauso wenig besagt ein Naturgesetz, dass der einzige Weg, dieser Bedrohung zu entkommen, darin besteht, zu „trauern“ und sich aufs Land zurückzuziehen, um kleine widerstandsfähige Gemeinschaften aufzubauen (interessante Erfahrungen übrigens; sie sind jedoch nicht Gegenstand der Debatte). Sollen die Aktionär*innen die Kosten ihres Missmanagements tragen und das Schuldenproblem ist gelöst.

      
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Mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen ist auf die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zurückzuführen. Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs wird für die Bedürfnisse der Reichen verwendet. Wenn wir die Energieverschwendung bei der Herstellung von Waffen (zur Verteidigung der Interessen der Reichen) und von Produkten mit programmierter Obsoleszenz (zur Steigerung der Gewinne der Reichen) sowie die Verschwendung von fast der Hälfte der weltweiten Nahrungsmittelproduktion (hauptsächlich aufgrund des von den Reichen verantworteten Profitstrebens) hinzurechnen, ergibt sich eine grundlegend andere Analyse. Ist die Situation äußerst ernst? Jawohl! Besteht die Gefahr eines Zusammenbruchs? Jawohl! Aber dieser Ausgang ist keineswegs „unvermeidlich“. Er kann unvermeidlich werden, wenn wir keine antikapitalistischen Alternativen durchsetzen. Nuance! Die alternativen Gemeinschaftsprojekte müssen daher mit einer sozialen Strategie und antikapitalistischen Kämpfen kombiniert werden, insbesondere um die Expansionspläne des fossilen Kapitals zu blockieren.

Indem sie sich weigern, diese einfache Schlussfolgerung zu ziehen, begeben sich die Kollapsologen auf sehr rutschiges Gelände, nämlich das der fatalistischen Resignation gegenüber der Gefahr, dass Hunderte von Millionen Menschen mit ihrem Leben für die Zerstörung der Umwelt durch den wachstumsfixierten Wahnsinn des Kapitals bezahlen. Servigne und Stevens beschwören in ihrem Buch völlig kritiklos die Prognosen des Untergangs von mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung. Ihr fatalistischer Aufruf, „die Trauer hinzunehmen“, könnte daher eine unheimliche Bedeutung annehmen. Diese drohende Entgleisung ergibt sich exakt daraus, dass die „Kollapsologie“ die sozialen Beziehungen als genauso naturgegeben ansieht wie die Forscher*innen, die die oben genannte zweite Orientierung verfechten, von denen einige (z. B. Diamond) Neomalthusianer sind. Pablo Servignes zögerliche Einlassungen zu Malthus sind übrigens aufschlussreich: Sein „kollapsologisches“ Leseraster hindert ihn zu erkennen, dass der Autor des Bevölkerungsgesetzes kein Ökologe ante litteram [5] war, sondern der zynische Ideologe der Ausrottung der Armen zugunsten der Akkumulation durch die Reichen [6].

In einem zweiten Buch (geschrieben mit Gauthier Chapelle) greift Pablo Servigne Kropotkins Gedanken über die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt auf [7]. Das ist ein zentraler Punkt. Insbesondere, dass die Zusammenarbeit ein Merkmal des Homo sapiens als soziales Tier ist. Der Kapitalismus, der auf dem Kampf aller gegen alle basiert, ist daher eine unnatürliche Produktionsweise. Es ist zu hoffen, dass diese Feststellung es den „Kollapsologen“ ermöglicht, aus ihrer Trauer und Resignation herauszukommen. Aber es reicht nicht aus, die Biologie zu Hilfe zu rufen. Denn die menschliche Natur existiert konkret nur durch ihre historischen Formen. Wahre gegenseitige Hilfe, die sich spontan, aber flüchtig in Katastrophenfällen offenbart, kann sich nur in der Selbstorganisation des Kampfes gegen die kapitalistische Zerstörung festigen. Letztendlich muss sie, um sich durchzusetzen, die Grundlagen für eine andere Gesellschaft legen, die auf der Befriedigung der echten menschlichen Bedürfnisse beruht, die demokratisch und umsichtig unter Achtung der Ökosysteme bestimmt werden. Es ist dieser Kampf und diese historische Form, was wir Ökosozialismus nennen.

Aus Moins!, Zeitschrift für politische Ökologie in der französischsprachigen Schweiz
Übersetzung: MiWe.



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 5/2019 (September/Oktober 2019). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Comment tout peut s’effondrer. Petit manuel de collapsologie, Pablo Servigne und Raphaël Stevens, Seuil, 2015.
[2] Jared Diamond, Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen., S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2005
[3] Questioning Collapse. Human Resilience, Ecological Vulnerability, and the Aftermath of Empire, Patricia A. McAnany et al., Cambridge University Press, 2010
[4] Reporterre, 7. Mai 2015
[5] Ökologe ante litteram svw. Vorläufer der Ökologie, ein Ökologe, bevor es diesen Begriff überhaupt gab
[6] Interview in Contretemps vom 7. März 2018. Die Kollapsologen sagen, dass die armen Bevölkerungen des Südens vom Zusammenbruch am wenigsten betroffen sein werden, weil sie ein weniger künstliches Dasein führen. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was zu passieren droht und bereits vor unseren Augen passiert – aber wundert uns das?
[7] L’entraide. L’autre loi de la jungle, Pablo Servigne und Gauthier Chapelle, Les liens qui libèrent, 2017.