Klima

Schneller und heftiger als erwartet

Der Bericht der Arbeitsgruppe II des Weltklimarats über Auswirkungen und Anpassung an den Klimawandel ist alarmierend: Die Katastrophe ist schlimmer als in den Modellen vorhergesagt, macht sich früher bemerkbar und alle Risiken nehmen zu. Die Autorinnen und Autoren fordern einen inklusiven Ansatz, um die Gesellschaft auf allen Ebenen umzugestalten.

Daniel Tanuro


Was schon ist …


Ökosysteme werden überall durch den Klimawandel beeinträchtigt. Für einige von ihnen sind die Grenzen der Anpassung überschritten (insbesondere in den Polar- und Äquatorregionen) ‒ sie werden sich nicht auf natürliche Weise regenerieren können. Einige Extremereignisse übersteigen die für das Ende des Jahrhunderts projizierten Durchschnittswerte. Arten sterben bereits jetzt aufgrund der Erwärmung aus.

Buschfeuer in Australien

Foto: 80 trading 24

Die Folgen für den Menschen sind besorgniserregend. Wald- und Moorbrände, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und die Entwaldung führen dazu, dass einige Kohlenstoffsenken zu CO2-Emittenten werden (insbesondere der Amazonas-Regenwald). Die Produktivität der Landwirtschaft, der Wälder und der Fischerei nimmt ab, wodurch die Ernährungssicherheit bedroht wird. Das Urteil der Wissenschaftler ist eindeutig: Das globale Ernährungssystem erweist sich als unfähig, die Probleme der Ernährungsunsicherheit und Unterernährung auf nachhaltige Weise zu bewältigen.

Besonders besorgniserregend ist die Wasserproblematik. Während die Hälfte der Weltbevölkerung mindestens einen Monat im Jahr unter starkem Wassermangel leidet, lebt eine halbe Milliarde Menschen in Regionen, in denen die durchschnittlichen Niederschlagsmengen mittlerweile auf einem Niveau liegen, das früher nur alle sechs Jahre erreicht wurde. Das Schmelzen von Berggletschern führt zu Überschwemmungen oder späteren Verknappungen und zusätzliche Millionen Menschen in Asien, Afrika und Mittelamerika leiden unter wasserbezogenen Krankheiten.

Die gesundheitlichen Folgen der Erwärmung sind generell schwerwiegend und verstärken die Ungleichheiten. In Ländern, die durch die globale Erwärmung stark gefährdet sind (in denen 3,3 Milliarden Menschen leben), ist die Sterblichkeit aufgrund von Überschwemmungen, Dürren und Stürmen fünfzehn Mal höher als anderswo auf der Erde. Einige Regionen der Erde nähern sich einem Grad an Hitzestress, der mit der Arbeitstätigkeit unvereinbar ist, oder erleben ihn bereits. Mehrere mit der Erwärmung verbundene Phänomene (Hitze, Kälte, Staub, bodennahes Ozon, Feinstaub, Allergene) begünstigen chronische Atemwegserkrankungen. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume und die Artenwanderung begünstigen die Übertragung von Infektionskrankheiten von Tieren auf Menschen.

Der Klimawandel ist zu einem wichtigen Faktor für die Migration und Vertreibung der menschlichen Bevölkerung geworden. Seit 2008 sind jedes Jahr 20 Millionen Menschen gezwungen, aufgrund extremer Wetterereignisse (insbesondere Stürme und Überschwemmungen) umzusiedeln. Diese menschlichen Tragödien betreffen vor allem Süd- und Südostasien, Afrika südlich der Sahara und kleine Inselstaaten. Andere Menschen sind aufgrund fehlender Mittel oder aus anderen Gründen nicht in der Lage, unwirtlich gewordene Regionen zu verlassen.

Die großen städtischen Ballungsräume im globalen Süden sind besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels und sozialer Verelendung. Dies gilt vor allem für die informellen Siedlungen in Randgebieten ‒ ohne Wasserversorgung und Kanalisation, oft an erdrutschgefährdeten Hängen ‒ (wo Frauen und Kinder in der Mehrheit sind). In Afrika südlich der Sahara leben 60 % der städtischen Bevölkerung in informellen Siedlungen; 529 Millionen Asiat*innen leben unter denselben prekären Bedingungen.


… und was noch kommen kann


Die Prognosen sind noch besorgniserregender als die aktuellen Beobachtungen.

Die Autor*innen gehen davon aus, dass jede weitere kurzfristige Erwärmung die Risiken für die Ökosysteme in allen Regionen erhöht. Der prognostizierte Anteil der Arten, die bei 1,5 °C, 2 °C und 3 °C stark vom Aussterben bedroht sind, liegt bei 9 %, 10 % bzw. 12 % (NB: der Unsicherheitsbereich ist groß, die Realität könnte noch schlimmer sein), mit einem qualitativen Sprung zwischen +1 °C und +3 °C (9 % Artensterben bedeutet mehr als das Tausendfache der natürlichen Rate). Extreme Wetterereignisse und andere Stressfaktoren werden in ihrem Ausmaß und ihrer Häufigkeit zunehmen, was die Schädigung der Ökosysteme und den Verlust von Ökosystemleistungen beschleunigt. Bei einer Erwärmung um 4 °C wird beispielsweise die Häufigkeit von Bränden um 50 bis 70 % zunehmen. Veränderungen in der Schichtung des Meereswassers werden die Nährstoffflüsse verringern. Zeitliche Verschiebungen in der Entwicklung des Phytoplanktons können die Fischbestände verringern.

Jede zusätzliche Erwärmung wird auch den Druck auf das Ernährungssystem und die Ernährungssicherheit erhöhen. Die negativen Auswirkungen der Erwärmung werden auf allen Nahrungsmittelsysteme lasten und die regionalen Ungleichheiten bei der Nahrungsmittelsicherheit werden zunehmen, so die Forscher*innen. Je nach Szenario wird die globale Biomasse der Ozeane im Zeitraum 2080 bis 2099 im Vergleich zu 1995 bis 2014 um 5,7 % bis 15,5 % zurückgehen, und die Zahl der unterernährten Menschen wird bis 2050 um mehrere Dutzend Millionen ansteigen.

Die Problematik einer nachhaltigen Wasserversorgung wird sich weiter zuspitzen. Bei mittleren Szenarien werden bis 2100 in Asien 50 % der Hochgebirgsgletscher verschwinden. Bei einer Erwärmung um 1,6 °C wird die Zahl der durch Überschwemmungen vertriebenen Menschen in Afrika um 200 % steigen (und um 600 % bei 2,6 °C). Bei 2 °C werden extreme landwirtschaftliche Dürren im Mittelmeerraum, in Westchina und in den hohen Breitengraden Nordamerikas und Eurasiens um 150 bis 200 % zunehmen. Bei 2,5 °C werden 55 % bis 68 % der Süßwasserfischarten, die in Afrika kommerziell genutzt werden, vom Aussterben bedroht sein.

Der Anstieg des Meeresspiegels wird immer bedrohlicher: Die Risiken in Küstenregionen werden ab 2050 besonders stark zunehmen und auch danach weiter steigen, selbst wenn die Erwärmung zum Stillstand kommt. Das Risiko steigt bei einem Anstieg um 15 cm um 20 %, bei einem Anstieg um 75 cm um das Doppelte und bei einem Anstieg um 1,4 m um das Dreifache (NB: Ein solcher Anstieg ist in diesem Jahrhundert wahrscheinlich). Auch Afrika ist hierdurch stark gefährdet: 108 bis 116 Millionen Menschen werden ab 2030 betroffen sein, bis 2060 sogar 245 Millionen. Auch die Industrieländer sind nicht immun: In Europa wird sich das Risiko bis zum Jahr 2100 verzehnfachen, bei gleichbleibender Politik sogar noch schneller und stärker.

Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind entsprechend hoch und werden durch die „Verschlechterung und Zerstörung der Gesundheitssysteme“ noch verschärft. Ein Szenario mit hohen Emissionen könnte die jährliche Zahl der Klimatoten im Jahr 2100 um 9 Millionen erhöhen. Bei einem mittleren Szenario könnte diese Zahl bis 2050 um 250 000 pro Jahr steigen. Die Zahl der Opfer von Unterernährung wird steigen, vor allem in Afrika, Südasien und Mittelamerika. In allen Szenarien werden Regionen der Erde, die heute dicht bevölkert sind, unsicher oder unbewohnbar werden.

Wenn die Politik sozialer Ungleichheit anhält, wird die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, bereits 2030 von 700 Millionen auf eine Milliarde ansteigen. Die Autor*innen sprechen in diesem Zusammenhang von der Überschreitung „sozialer Kipppunkte“.


Die Hauptrisiken


Wie in den vorherigen Berichten nennt die Arbeitsgruppe II fünf globale Besorgnisgründe (Major Reasons for Concern, RFC): bedrohte einzigartige Ökosysteme wie Korallenriffe und Bergregionen (RFC 1); extreme Wetterereignisse (RFC 2); die soziale Verteilung der Auswirkungen (RFC 3); aggregierte globale Auswirkungen wie die Zahl der Klimatoten (RFC 4); große Einzelereignisse wie das Auseinanderbrechen der Eiskappen (RFC 5).

Für jede dieser RFCs vergleichen die Autoren das aktuelle Risikoniveau mit dem Risikoniveau, das sich aus dem letzten Sachstandsbericht von 2014 ergeben hat. Das Risikoniveau bezieht sich auf das Ziel der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), die 1992 in Rio verabschiedet wurde, nämlich „eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ zu verhindern. Die Schlussfolgerung dieses Vergleichs sollte alarmieren: Das Risiko ist für die fünf RFCs in allen Szenarien hoch bis sehr hoch geworden (auch wenn die Erwärmung nur mäßig zunimmt). Wenn wir unter 1,5 °C bleiben, würde das Risiko für die RFCs 3, 4 und 5 „moderat“ bleiben, aber für RFC 2 ist es bereits hoch, und für RFC 1 steigt es von hoch auf sehr hoch.

Es ist bekannt, dass einige Emissionsminderungsszenarien auf eine „vorübergehende Überschreitung“ der 1,5 °C setzen, auch wenn sie „deutlich unter 2 °C“ (Pariser Abkommen) bleiben. Dies würde zu schweren Risiken und irreversiblen Auswirkungen führen, sagen die Forscher*innen. Außerdem würde das Risiko steigen, dass große Mengen des in den Ökosystemen gespeicherten Kohlenstoffs freigesetzt werden (durch Brände, schmelzende Permafrostböden usw.), was die Klimakatastrophe beschleunigen würde.


Weder sozial noch nachhaltig


Die Regierungen behaupten, ihre Politik an den unvermeidlichen Teil des Klimawandels anzupassen, so wie es in internationalen Abkommen vorgesehen ist. Der Bericht der Arbeitsgruppe II zieht folgende Bilanz:

  1. Die Anpassungspolitik ist ungerecht und ineffizient und kommt wohlhabenden Einkommensgruppen stärker zugute als den Ärmsten;

  2. Statt die notwendige drastische und schnelle Reduzierung der Treibhausgasemissionen zu ergänzen, dient sie als Ersatz, so dass die Erwärmung weiter zunimmt und die Anpassungsmöglichkeiten zum Nachteil der Armen eingeschränkt werden;

  3. Diese Handlungsspielräume werden durch Maßnahmen zur Umgehung der Emissionsbeschränkung weiter eingeschränkt (z. B: Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, Aufforstung, große Staudämme zur Wasserkraftgewinnung) auf Kosten der indigenen Völker, armen Bevölkerungsgruppen und Frauen.

Der Bericht stellt klar, dass „die vorherrschenden Entwicklungsstrategien einer nachhaltigen Entwicklung der Klimapolitik entgegenstehen“. Dafür werden mehrere Gründe angeführt: zunehmende Einkommensunterschiede, unkontrollierte Urbanisierung, Migration und Zwangsvertreibung, weiterhin steigende Treibhausgasemissionen, anhaltende Landnutzungsänderungen und die Umkehrung des langfristigen Trends einer steigenden Lebenserwartung.

      
Mehr dazu
Ökologiekommission der IV. Internationale: Zur Entwicklung eines ökosozialistischen Programms, die internationale Nr. 1/2022 (Januar/Februar 2022)
Daniel Tanuro: COP26: Eine Verherrlichung des Neoliberalismus, die internationale Nr. 1/2022 (Januar/Februar 2022)
Daniel Tanuro: COP26: Genug Blablabla, nur Kämpfen lohnt sich, die internationale Nr. 6/2021 (November/Dezember 2021) (nur online)
Daniel Tanuro: Am Rande des Abgrunds ‒ und das Szenario, das der Weltklimarat nicht modelliert hat, die internationale Nr. 5/2021 (September/Oktober 2021)
Daniel Tanuro: „Das Schlimmste kommt erst noch …“, die internationale Nr. 5/2021 (September/Oktober 2021) (nur online)
 

Den Autor*innen zufolge ist die Entwicklung einer inklusiven und – auch sozial – gerechten Politik von entscheidender Bedeutung, insbesondere gegenüber indigenen Völkern, deren Wissen aufgewertet werden muss. Die Stärkung marginalisierter Gemeinschaften ist entscheidend für die gemeinsame Schaffung einer nachhaltigen Klimapolitik. Die fehlende soziale Gerechtigkeit der Regierungspolitik wird als größtes Hindernis bezeichnet, insbesondere angesichts des Problemkomplexes von Ernährung, Energie und Wasser.

Gesundheit, Bildung und soziale Grundversorgung sind lebenswichtig, um das Wohlbefinden der Menschen und die Nachhaltigkeit der Entwicklung zu steigern, heißt es in dem Bericht. Daher ist es vorrangig, die Finanzmittel für den globalen Süden zu erhöhen, wo die Kosten für die Anpassung an die Erderwärmung sehr schnell die 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr übersteigen werden, die der Norden für den Grünen Klimafonds zugesagt (aber nicht eingezahlt) hat. Der Bericht nennt Beträge von 127 bis 290 Milliarden US-$/Jahr im Zeitraum 2030 bis 2050, die bis zu einer Billion US-Dollar steigen können.

Der Bericht der Arbeitsgruppe II des Weltklimarats liefert natürlich keine soziale Strategie zur Bekämpfung der kapitalistischen Klimakatastrophe: geprägt ist er vielmehr von guten Absichten und dem Wunschdenken, dass alle sozialen Akteur*innen einbezogen werden sollen. Aber für die Aktivist*innen der sozialen Bewegungen sind daraus zwei Dinge nützlich für ihren Kampf: die wissenschaftliche Bestätigung der extremen Tragweite der Auswirkungen der Erderwärmung und die schonungslose Aufdeckung der systemimmanenten Ungerechtigkeit der Klimapolitik.

28. Februar 2022
Aus gauche anticapitaliste vom 1.3.2022, übersetzt von W. D.



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2022 (Mai/Juni 2022). | Startseite | Impressum | Datenschutz