Ökologie

Kampf um Tesla

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass es neue Nachrichten vom deutschen Tesla-Standort Grünheide gibt. Nicht alle dürften Tesla-Chef Elon Musk gefallen. Dennoch spitzen sich die Konflikte um das Werk weiter zu.

Klaus Meier

Vor knapp zwei Jahren, im März 2022, nahm Tesla die Produktion an seinem neuen Standort in Brandenburg auf. Inzwischen produzieren 12 500 Beschäftigte am Standort Grünheide jährlich rund 300 000 Teslas vom Typ Model Y. Ursprünglich war das Werk auf eine Jahresproduktion von 500 000 Fahrzeugen ausgelegt. Doch damit gibt sich Elon Musk nicht zufrieden. Er will in Grünheide eine Gigafabrik. Erweiterungen sind deshalb bereits in Planung. Mittelfristig sollen am Standort eine Million Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden. Und das mitten im Wasserschutzgebiet, wo das Grundwasser schon jetzt knapp wird.


Extremer Wasserverbrauch bei der Lackierung von Fahrzeugen


Die gesamte Automobilproduktion ist mit einem enormen Wasserverbrauch verbunden. Die technisch-wissenschaftliche Literatur geht von 5,20 bis 5,95 m³ Wasser pro Fahrzeug aus. Eine Studie für das Jahr 2020 spricht von 4,94 m³ Wasser. Die meisten Automobilhersteller veröffentlichen ihren Wasserverbrauch nicht. Eine Ausnahme ist das Audi-Werk in Ingolstadt, das 2021 bekannt gab, dass der derzeitige Frischwasserverbrauch von 3,75 Kubikmetern pro Fahrzeug bis 2035 halbiert werden soll. Seit 2019 ist in Ingolstadt ein neues dreistufiges Brauchwasserzentrum in Betrieb. Die Hälfte des anfallenden Wassers kann so in einen Aufbereitungskreislauf eingespeist und wiederverwendet werden. Zur Anlage gehört eine chemisch-physikalische Stufe, die alkalische und saure Elemente neutralisiert und Schwermetalle entfernt.

Tesla ist mit seinen Informationen vergleichsweise deutlich sparsamer. Es gibt bisher lediglich an, das Wasser zu reinigen. In welchem Umfang und mit welcher Technik das geschieht, ist nicht bekannt. Das Unternehmen dürfte dies als Betriebsgeheimnis betrachten. De facto ist eine solche Geheimniskrämerei aber ein Ausdruck dafür, dass ein Unternehmen vor der Öffentlichkeit etwas zu verbergen hat. Dagegen wäre es wichtig, dass Vertreter*innen von Umweltbehörden, unabhängige Wissenschaftler*innen und Umweltverbände ein Informationsrecht und freien Zugang zu den Wasserprozessen von Tesla erhalten.

Der hohe Wasserverbrauch in Automobilwerken ist vor allem auf den Lackierprozess zurückzuführen, der in vier Schichten aufgetragen wird. Bei allen einzelnen Lackiervorgängen kommt neben Wasser viel Chemie zum Einsatz: organische Lösemittel, Acrylatharze, Polyisocyanate und Konservierungsmittel. Überschüssiger Lack wird in der Regel durch Wasserschleier oder Wasserwände entfernt. Um Wasser und Lack zu trennen, werden so genannte Koagulationsmittel eingesetzt, die dafür sorgen, dass sich der Lack zu kleinen Klümpchen zusammenballt. Auf diese Weise können die Farbpartikel aus dem Wasser entfernt werden. Zur Prozessunterstützung werden chemische Entschäumer und Flockungsmittel eingesetzt.

Neben dem Lackierprozess wird in den Automobilwerken viel Wasser für den so genannten Regentest verbraucht. Ziel des Tests ist der Nachweis, dass der Innenraum des Autos bei Regen vollständig wasserdicht ist. Dazu wird ein Gewitter mit 150 Litern Wasser pro Quadratmeter simuliert. Der Regentest variiert von Hersteller zu Hersteller, kann aber durchschnittlich zehn Minuten pro Auto dauern.


Giftige Chemikalien – für eine unabhängige Abwasserüberwachung


Das Abwasser der Autofabriken ist mit gesundheits- und umweltschädlichen Chemikalien belastet, die vor allem aus dem Lackierprozess stammen. Tesla behauptet, das Wasser zu reinigen. Fünfundsechzig Prozent des Wassers würden recycelt, hieß es Mitte 2023. Auch andere Autohersteller behaupten das. In welchem Umfang dies geschieht und ob tatsächlich alle Chemikalien aus dem Abwasser entfernt werden, ist nicht bekannt. Angesichts der Situation, dass Tesla teilweise in einem Trinkwasserschutzgebiet gebaut wurde, sind regelmäßige Kontrollen des Abwassers unerlässlich. Ein Problem bei der qualitativen chemischen Analyse ist, dass man nur das chemisch nachweisen kann, wonach man sucht. Die chemische Analyse dürfte in jedem Fall sehr anspruchsvoll sein, auch weil man Daten über den spezifischen Lackierprozess bei Tesla benötigt.

Normale Wasserverbände dürften damit schnell überfordert sein. Daher sollten wirklich unabhängige wissenschaftliche Labore mit der Wasserüberwachung beauftragt werden. Wichtig wäre, dass diese sowohl von Tesla als auch von der Landesregierung unabhängig sind. So hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass die Landesregierung im Zweifelsfall die Produktionsinteressen von Tesla höher bewertet als die Sicherheit des Grundwassers in der Region Grünheide, z.B. durch viele nachgereichte Genehmigungen, obwohl Tesla bereits mit den Baumaßnahmen begonnen hatte.


Ein expandierendes Industriegebiet mit extremem Wasserverbrauch


Laut einem internen Papier, über das zuerst der Tagesspiegel berichtete, verbrauchte Tesla in Grünheide im Jahr 2023 insgesamt 451 654 Kubikmeter Wasser. Diese Wassernutzung fällt allerdings in eine Zeit, in der maximal 300 000 Fahrzeuge im Unternehmen produziert wurden. Nach den Plänen von Elon Musk sollen in Grünheide aber eine Million Autos gebaut werden. Allein die Produktionshalle könnte am Ende so groß sein wie 60 Fußballfelder. Hinzu kommt eine Batteriefabrik. Außerdem ist davon auszugehen, dass sich weitere Zulieferer in der Umgebung ansiedeln werden. Das jetzige Tesla-Werk ist also nur der Anfang für den Aufbau einer großflächigen Industrieregion.

 

Demonstration gegen die Tesla Grünheide.

Februar 2020, Foto: Leonhard Lenz

Das bedeutet, dass es nicht bei dem Wasserverbrauch von rund 450 000 Kubikmetern im Jahr 2023 bleiben wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Wasserbedarf um ein Vielfaches steigen wird. Und das in einer ariden Region. Elon Musk hat zum Thema Wasser ein sehr einfaches Weltbild. Als er 2021 die Baustelle in Grünheide besuchte, warf er einen Blick auf den Kiefernwald und erklärte der Presse, dass Brandenburg keine trockene Gegend sei: „Bäume würden nicht wachsen, wenn es kein Wasser gäbe. Ich meine: Wir sind hier nicht in der Wüste.“

Die Realität ist leider etwas komplizierter. Brandenburg ist das Bundesland, das in den fünf aufeinanderfolgenden Trockenjahren von 2017 bis 2022 am meisten unter der Dürre gelitten hat. Das Jahr 2023 war eher feucht und auch der aktuelle Winter war nass. Der Regen hat also den Boden befeuchtet. Das betrifft aber vor allem die obere Bodenschicht, in der die Kulturpflanzen und auch die Bäume wurzeln. Weiter unten im Boden sieht es noch schlechter aus. Der Grundwasserspiegel liegt in etwa 20 bis 30 Metern Tiefe. Dort ist es immer noch zu trocken. Wasserexperten sagen, dass der Grundwasserspiegel in dieser Tiefe seit etwa 40 Jahren sinkt. Um ihn wieder aufzufüllen, braucht es viele Jahre. Selbst zwei oder drei feuchte Jahre reichen dafür nicht aus. Das bedeutet, dass das vergangene Jahr und der nasse Winter keineswegs zu einer Entspannung der Grundwassersituation geführt haben. Wenn Tesla in der Region Grünheide zukünftig viele hunderttausend Kubikmeter Grundwasser abpumpt, dürfte dies sehr negative Auswirkungen auf die Wasserversorgung der Bevölkerung haben.


Austin-Texas: Teslas Wasserpolitik wird kritisiert


Für deutsche Klimaschützer*innen dürfte es bedeutsam sein, dass es auch im neuen Tesla-Werk in Austin (Texas) zahlreiche Konflikte um den Wasserverbrauch gibt. In der 2022 eröffneten Fabrik sollen künftig 500 000 Fahrzeuge produziert werden. Darunter Model 3 Limousinen, Y-Fließhecklimousinen und Cybertrucks. Dafür benötigt Tesla auch in Austin große Mengen an Wasser. Die Region um Austin ist zwar nicht so knochentrocken wie Zentraltexas, aber durch das Tesla-Werk und weitere Projekte von Elon Musk könnte auch hier der Wasservorrat schnell knapp werden. Im Jahr 2023 erlebte Texas die heißesten und trockensten Monate aller Zeiten, auch eine Folge des globalen Klimawandels. Die lokalen Wasserreservoirs in der Region sanken auf unter 50 Prozent ihrer Kapazität. Der örtliche Gründer der Waterkeeper Alliance in Austin sprach von einem nicht nachhaltigen Umgang mit dem Grundwasser in der Region. Er sah darin eine kontrollierte Erschöpfung dieser lebenswichtigen Ressource. Tesla erklärte, dass das Unternehmen etwa 25 Prozent des Regenwassers auffangen und zur Kühlung der Maschinen verwenden werde. Außerdem solle ein Wasserfilter installiert werden, um Wasser zu sparen. Darüber hinaus sprach Elon Musk davon, dass um die Fabrik herum ein „ökologisches Paradies“ geschaffen werden soll, was auch immer das bedeuten mag.

Gleichzeitig gab Tesla bekannt, dass das Unternehmen im Jahr 2,3 Millionen Kubikmeter Wasser benötige. Eine Gemeindeverantwortliche äußerte sich erschrocken über diese große Menge. Tesla ist nicht das einzige Unternehmen von Elon Musk in der Region. Ihm gehört auch die Boring Company. Sie liegt nur wenige Kilometer entfernt. Die Fabrik soll neuartige Bohrmaschinen entwickeln, die es ermöglichen, große unterirdische Autotunnel in kürzester Zeit zu bauen. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es, ganz im Stil eines Elon Musk: „Ein ausgedehntes Tunnelnetz kann die Verkehrsüberlastung in jeder Stadt verringern; egal, wie groß eine Stadt wird, es können immer mehr Ebenen von Tunneln hinzugefügt werden.“

Das Problem mit der Boring Company ist die Verschmutzung des Colorado Rivers. Die Fabrik wurde kritisiert, als sie 570 Kubikmeter verschmutztes Abwasser in den kleinen Colorado River [1] einleitete. Dazu gab es weitere Kritiken an nicht genehmigte Abwassertanks zusammen mit einer nicht genehmigten Kläranlage. Ein Kritiker der Politik der Boring Company meinte dazu: „Im Grunde bauen sie einfach, was sie wollen, ohne vorher die Vorschriften und lokalen Anforderungen zu prüfen“. Er fügte hinzu: „Erst wenn sie Verstöße und gerichtliche Verwarnungen erhalten, scheinen sie sich an die Gesetze zu halten.“ Die Umweltschützer sorgen sich vor allem um das Grundwasser: „Jedes Einfamilienhaus in der Gegend ist an einen Brunnen angeschlossen, alle Nachbarn trinken das Wasser und einige sind mit ihren kleinen Betrieben darauf angewiesen.“

Doch damit nicht genug: Elon Musk hat weitere große Pläne für die Region um Austin am Colorado River. Der Milliardär will dort eine eigene Stadt gründen, vermutlich als Gegenentwurf zum Silicon Valley in Kalifornien. Tausende Hektar Ackerland soll Musk dafür erworben haben. Seine neue Stadt soll Snailbrook heißen. Sie soll es seinen Mitarbeitern ermöglichen, vor Ort am Colorado River zu leben. Ein strategisch wichtiger Ort für Elon Musk, denn in der Region befinden sich nicht nur seine Tesla-Fabrik, sondern auch SpaceX und die Boring Company. Die weitreichenden Pläne des US-Multimilliardärs zeigen einmal mehr, dass er gewohnt ist, in großen Dimensionen zu denken.

Das sollte auch der Region Grünwald eine Warnung sein, wenn sie nicht schnell in Beton und Verkehrsströmen versinken will. Die Brandenburger Klimaschützer sollten daraus den Schluss ziehen, dass es sinnvoll sein könnte, auch in der Auseinandersetzung mit dem Milliardär groß zu denken. Der Aufbau einer weltweiten Tesla-kritischen Klimakoalition zusammen mit den Protestbewegungen in Austin und Fremont könnte eine mögliche Antwort sein.


Grünheide gegen Tesla-Erweiterung


Die Erweiterungspläne von Tesla wurden bisher von der brandenburgischen Landesregierung massiv unterstützt. Die große Frage war bisher, wie die in der Region lebende Bevölkerung die Umwandlung der Region in ein großes Industriegebiet mit viel Verkehr, neuen Straßen und immer mehr Fabrikanlagen bewertet. Eine Antwort sollte eine Abstimmung unter den rund 5400 Einwohnern der Gemeinde Grünheide geben, die im Februar stattfand. Die Frage lautete: „Sollen weitere 100 Hektar Wald (im Landschaftsschutzgebiet) in der Gemarkung Grünheide (Bebauungsplan Nr. 60) in eine Industriefläche umgewandelt werden, die für Logistik, Lagerhaltung und soziale Gebäude genutzt wird?“ Der Abstimmung ging eine wochenlange Kampagne von Tesla und den Gegnern der Fabrikerweiterung voraus. Das Abstimmungsergebnis war dann eindeutig: 3499 Einwohner stimmten dagegen, 1882 dafür. Das entspricht einer Ablehnung von 62 Prozent der Bevölkerung - und das bei einer hohen Wahlbeteiligung.

Obwohl das Bürgervotum nicht bindend ist, hatten mehrere Gemeindevertreter betont, dass sie das Votum respektieren würden, darunter auch der parteilose Bürgermeister. Tesla erklärte, das Unternehmen sehe in der logistischen Optimierung der Fabrik weiterhin „einen großen Gewinn für die Gemeinde“. Die Niederlage ist für den Autokonzern zwar ärgerlich, die unmittelbaren Folgen dürften aber überschaubar sein. Der geplante Ausbau des Werks in Grünheide ist nicht gefährdet. Aber die Abstimmung zeigte den Tesla-Gegnern, dass es möglich ist, die Bevölkerung vor Ort zu gewinnen. Wenn sie ihre kontinuierliche und ruhige Basisarbeit fortsetzen, könnte Grünheide für Tesla so problematisch werden wie Gorleben einstmals für die Atomindustrie. Brandenburgs Innenminister scheint das ähnlich zu sehen, wenn er sagt: „Viele träumen von einem Lützerath des Ostens.“


Das Klimacamp und die Attacken der Landesregierung


Lackierprozess in vier Schichten – extremer Wasserverbrauch

Der hohe Wasserverbrauch in Automobilwerken wird vor allem durch die Lackierung der Fahrzeuge verursacht. Vier verschiedene Lackschichten werden auf die Fahrzeuge aufgetragen. Im ersten Schritt werden die Fahrzeuge durch ein großes Becken gezogen, das mit Lackflüssigkeit gefüllt ist. Dabei tauchen die Fahrzeuge vollständig ein. Der leitfähige Tauchlack lagert sich dabei an die negativ geladene Karosserie an. Anschließend müssen die überschüssigen Lackpartikel abgespült werden, natürlich wieder mit viel Wasser. Insgesamt wird bereits in dieser ersten Lackierphase viel Wasser verbraucht. Anschließend wird eine zweite Schicht aufgetragen, der so genannte Füller, der Unebenheiten auf der Fahrzeugoberfläche ausgleichen soll. Er wird in der Regel als Spritzlackierung mit Robotern aufgetragen. Je nach Fahrzeugtyp und Herstellerrezeptur enthält der Füller bereits erste Farbanteile. Als dritte Schicht wird der so genannte Basislack auf das Fahrzeug aufgetragen. Er enthält die Farbpigmente, organische Lösemittel und Wasser. Und als vierte Schicht wird ein farbloser Klarlack aufgespritzt. Er soll die Oberfläche der Autos edel aussehen lassen und auch vor Kratzern schützen.

 

Eine weitere Aktion gegen Tesla war der Aufbau eines Klimacamps im Wald nahe der Fabrik des US-Autobauers. Es könnte eine wichtige Basis für einen längerfristigen Widerstand bilden. Brandenburgs Landespolitiker jedenfalls nehmen die Aktion sehr ernst. Mitte März kündigte Innenminister Michael Stübgen (CDU) vor Journalisten an, dass ab sofort elf strenge Auflagen gelten und die Räumung unmittelbar bevorsteht. Verboten wurden unter anderem die Nutzung der Baumhäuser, die Erweiterung des Geländes um weitere Zelte und jegliches offene Feuer. „Wir werden das kontrollieren“, drohte Stübgen. Er habe sich entschlossen, die Polizeikräfte rund um die Tesla-Fabrik noch einmal deutlich zu verstärken. Hinzu kam die übliche Warnung vor angeblich gewaltbereiten Personen, die auf dem Weg nach Grünheide seien.

Die ganze gut orchestrierte Räumungskampagne der Landesregierung brach dann allerdings in sich zusammen, als das Verwaltungsgericht in Potsdam einem Eilantrag der Besetzer*innen nachgab und die Auflagen der Landesregierung zurückwies. Eine Räumung des Autowerk-Camps ist damit vorerst nicht möglich. Die „allgemeinen Erwägungen zu einer Unvereinbarkeit des Protestcamps einschließlich der Baumhäuser mit naturschutzrechtlichen und baurechtlichen Vorschriften für die versammlungsrechtlich gebotene Gefahrenprognose“ reichen laut dem Gericht nicht aus.


Tesla-Werksleitung kritisiert die Beschäftigten


Tesla-Chef Elon Musk verlangt von seiner Belegschaft eine hohe Arbeitsintensität. Beschäftigte bei Tesla in Grünheide kritisieren dagegen eine zu geringe Personaldecke. Wenn Maschinen ausfielen, würden die Vorgesetzten die Arbeiter*innen zu Pausen zwingen, die sie nicht gebrauchen könnten. Die Zeit werde dann von den eigentlichen Pausen abgezogen. Das Handelsblatt [2] zitierte in einem Artikel einen Tesla-Mitarbeiter, der aussagte, dass die Arbeitsbelastung immer weiter steige. Es bleibe „kaum Zeit, sich zu erholen.“ Der Werksleiter Andre Thierig sieht das anders. Das Werk in Grünheide müsse seine „Produktionszahlen weiter steigern“. Derzeit würden knapp über 36 Fahrzeuge pro Stunde gebaut. „Das ist noch lange nicht da, wo wir hinwollen.“ Er erklärte auf einer Betriebsversammlung am 5. Juli 2023, dass es zu viele Langschläfer und Simulanten bei Tesla gäbe: „Wir werden das nicht dulden, dass manche sich den Rücken krumm buckeln für andere, die einfach keinen Bock haben, zur Arbeit zu kommen.“ Und weiter erklärte er, dass es in der Fabrik keinen Platz für Leute gäbe, die morgens „nicht aus dem Bett“ kämen.

Auch den angeblich hohen Krankenstand kritisierte er. Das Management werde sich „das viel genauer anschauen in nächster Zeit, ob es da gewisse Muster gibt.“ Die IG Metall erklärte dagegen, dass es noch viel zu tun gäbe bei Tesla in Grünheide. Und Christiane Benner, die neue Vorsitzende der IG Metall fand auf ihrer Antrittsrede klare Worte zu Elon Musk und den Praktiken bei Tesla: „Wir werden keine gewerkschaftsfreien Zonen zulassen.“

Tatsächlich stellt sich Tesla klar gegen die IG Metall. Elon Musk erklärte auf einer Rede vor der Belegschaft im März 2024, dass Tarifverträge nach seinen Erfahrungen dazu führen würden, ein „Unternehmen zu spalten“. Damit positionierte er sich klar gegen Tarifverträge. Der Geschäftsführer Steinmetz sprach von „Vertrauen“, das erschwert würde, wenn von Leuten „Unwahrheiten“ verbreitet würden. Gemeint waren offensichtlich Info-Aktionen der IG Metall. All dies deutet bereits auf eine sehr angespannte Atmosphäre im Werk.

Ein Problem war auch, dass die ersten Betriebsratswahlen bei Tesla stattfanden, als das Werk nur 2000 Beschäftigte zählte. In der Folge ist es dem Unternehmen gelungen, den Betriebsrat mit Teamleitern und Projektmanagern zu besetzen, die der Geschäftsführung eher nahestehen. Die derzeitige Vorsitzende des Gremiums, Michaela Schmitz, liegt auf der Linie von Tesla. In einer Rede vor der Belegschaft erklärte sie: „Was wir nicht brauchen, ist eine Gewerkschaft.“ Eine Gewerkschaft würde das Unternehmen nur ausbremsen.

Von der IG Metall wurde der bisherige Betriebsrat dafür kritisiert, dass er in der Regel Kündigungen widerspruchslos hingenommen habe und dabei die Kolleg*innen noch nicht einmal angehört habe. Bei der neuen Betriebsratswahl im März 2024 stellte die IG Metall dann eine Liste „Tesla Workers“ auf. Die Liste von Schmitz firmierte unter dem Namen „Giga United“. Im Ergebnis gewann die IG Metall-Liste 39,4 % und damit die Mehrheit. Sie erhielt 16 Sitze. Dicht dahinter folgte die Liste von Schmitz mit 35,9 % und 15 Sitzen. Rund 25 % der Stimmen fielen auf zahlreiche kleinere Listen. Obwohl die IG Metall die meisten Stimmen gewann, ist damit nicht sicher, dass sie auch den Betriebsratsvorsitz stellen wird. Dafür wären 20 Stimmen notwendig.


Tarifverträge für Tesla: Schweden als Vorbild?


Die Auseinandersetzung um bessere Arbeitsbedingungen und einen Tarifvertrag im Werk wird auf jeden Fall weitergehen. Die IG Metall will damit Personalfragen, Bandpausen, Urlaubszeiten und Gesundheitsschutz im Werk regeln. Wie der Kampf für einen Tarifvertrag bei Tesla prinzipiell geführt werden könnte, zeigt das Beispiel Schweden.

Tesla betreibt in unserem nördlichen Nachbarland keine Fabriken, sondern bietet nur Fahrzeugwartung, Reparaturen und Ladeinfrastruktur an. Das Unternehmen hat sich die letzten fünf Jahre geweigert, einen Tarifvertrag für seine Werkstattbeschäftigten im ganzen Land auszuhandeln. Im Laufe der Zeit gelang es aber der schwedischen Gewerkschaftsbewegung zunehmend, bei Tesla ihre Organisation aufzubauen. Im Oktober 2023 konnte dann die Gewerkschaft IF Metall einen Konfrontationskurs gegen den Elektroautohersteller beginnen.

Zunächst wurde ein Streik gegen Reparaturwerkstätten anderer Unternehmen verhängt, die Tesla-Fahrzeuge warten. Im zweiten Schritt verhängte IF Metall dann eine Blockade gegen das Unternehmen Hydro Extrusion, das ein für die Produktion des Model Y von Tesla in Deutschland benötigtes Bauteil herstellt. IF Metall wird dabei von neun anderen schwedischen Gewerkschaften unterstützt. In der Folge kommt es zu Solidaritätsstreiks. Dabei legen die zur Solidarität aufgerufenen Belegschaften die Arbeit nicht komplett nieder. Stattdessen werden keine Tätigkeiten mehr ausgeführt, die mit Tesla in Verbindung stehen. So weigert sich die Gewerkschaft der Elektriker, Wartungen und Reparaturen von Teslas Ladestationen und Werkstätten durchzuführen. Die Gewerkschaft der Postangestellten blockiert die Lieferungen von Nummernschildern für Neufahrzeuge an alle Tesla-Einrichtungen und die Transportgewerkschaft verhindert außerdem das Entladen von Tesla-Autos in den schwedischen Häfen. In der Folge können praktisch keine Tesla-Autos mehr nach Schweden geliefert werden.

      
Mehr dazu
Klaus Meier: Ökologischer Umbau der Autoindustrie erforderlich, die internationale Nr. 6/2023 (November/Dezember 2023)
Paul Michel: Dringender denn je: Konversion der Autoindustrie, die internationale Nr. 4/2020 (Juli/August 2020) (nur online). Auch bei intersoz.org
Jakob Schäfer: Die Orientierung auf Elektroautos – ein verhängnisvoller Irrweg, die internationale Nr. 4/2019 (Juli/August 2019)
Paul Michel: Elektroautos - ein Teil des Problems, die internationale Nr. 4/2018 (Juli/August 2018)
Kai Hasse: Die Krise des Individualverkehrs, die internationale Nr. 1/2018 (Januar/Februar 2018)
Lars Henriksson: Die doppelte Krise - eine Konversionsstrategie, intersoz.org (06.05.2020)
Lars Henriksson: Gestaltet die kränkelnde Autoindustrie um!, Inprekorr Nr. 460/461 (März/April 2010)
 

Klimaschutz und die soziale Frage zusammen denken: Partielle Bündnisse


In dem Konflikt [in Grünheide] bietet sich ein partielles Bündnis zwischen den Klimaschützer*innen und der IG Metall an. Das bedeutet, dass Klimaaktivist*innen sich beispielsweise bereit erklären könnten, Flugblätter zum Thema Tarifvertrag mitzuverbreiten, dass sie Themen des Arbeitsschutzes und der Arbeitssicherheit bei Tesla beleuchten könnten und dass sie auch IG Metall-Mobilisierungen unterstützen und dafür offensiv werben. Gleichzeitig gibt es natürlich den Tesla-Ausbau, den die IG Metall-Spitze bedauerlicherweise unterstützt. Das kann die Klimabewegung natürlich nicht mittragen. Sie sollte die IG Metall in dieser Frage solidarisch und geduldig kritisieren und gleichzeitig die Gemeinsamkeiten in der Frage des Arbeitsschutzes und der Tarifbindung betonen. Ziel sollte es auf Dauer auch sein, dass die Klimabewegung organisierte Unterstützer*innen in der Belegschaft gewinnt.


Perspektive Produktionsumstellung


Die Klimakrise wird sich weiter verschärfen. Damit wird aber auch die Einsicht wachsen, dass wir uns kein weiteres profitgesteuertes Giga-Wachstum leisten können. Perspektivisch wäre es sinnvoll, einen ökologischen Umbau und eine Vergesellschaftung des Tesla-Werks in Grünheide zu propagieren: für eine Konversion hin zur Herstellung von Nahverkehrszügen und Bussen. Dafür werden alle heutigen Arbeitsplätze benötigt. Ein derartiges Werk könnte dann mit den bestehenden Eisenbahnproduktionsstätten in Hennigsdorf, Görlitz und Bautzen vernetzt werden. Öffentliche Verkehrsmittel werden zukünftig benötigt. Und dafür muss systematisch eine Infrastruktur aufgebaut werden. Klimaschädliche und ressourcenfressende Autos, auch überschwere Elektro-Limousinen, gibt es dagegen bereits jetzt viel zu viele.


Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2024 (Mai/Juni 2024). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Der kleinere Colorado River in Texas, an dem auch die Stadt Austin liegt, darf nicht verwechselt werden mit dem großen Colorado River, der durch die Bundesstaaten Colorado, Utah und Arizona fließt und dann in den Golf von Mexico mündet.

[2] „Tesla-Werksleiter kritisiert die Belegschaft“, Handelsblatt, 20. November 2023