Im Oktober 2025 legten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eine Analyse des „demokratischen Faschismus“ vor. [1]
Jakob Schäfer
Unabhängig davon, ob die von Amlinger und Nachtwey vorgelegte Analyse in jedem Einzelpunkt stichhaltig und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen restlos überzeugend sind, das Buch hat zwei Vorzüge: Erstens stützt es sich auf eine umfangreiche empirische Untersuchung und zweitens geht es sozialpsychologisch in die Tiefe, indem es sich auf die Errungenschaften materialistisch fundierter Sozialpsychologie stützt, allen voran auf die Arbeiten von Erich Fromm. [2] Nicht alle Einordnungen und Schlussfolgerungen von Amlinger / Nachtwey können wir teilen, sind aber der Überzeugung, dass eine weitere Beschäftigung mit den Fragen des Rechtspopulismus und des heutigen Faschismus kaum an diesem Buch vorbeigehen kann. Lobenswert sind auch die gute Dokumentation im Anhang, die nachvollziehbare Erläuterung der Methode sowie das Sachregister. Man hätte sich allerdings den Abdruck des vollständigen Fragebogens gewünscht. Die Auflistung der „Faktoren und Items“, die zur „Analyse des Zusammenhangs von Destruktivität und Einstellungen“ verwendet wurden, reicht nicht, um die Ergebnisse der empirischen Untersuchung in vollem Umfang nachzuvollziehen.
![]() G. Meloni auf der CPAC, 2022 Foto: Vox |
Mit diesem Begriff bezeichnen Amlinger und Nachtwey die Rechte, die in einer wachsenden Zahl von Ländern an Bedeutung gewinnt und zum Teil schon an der Regierung ist (siehe Meloni, Trump, Milei, Orban usw.) Der „demokratische Faschismus“ strebt demnach (im Gegensatz zum klassischen Faschismus) keine offene, gewaltsame Konfrontation mit dem bestehenden System an, sondern will seine Ziele von innen heraus erreichen, und zwar im Wesentlichen über zwei Wege: a) indem durch populistische Kampagnen Druck auf das gesamte bürgerliche Spektrum (ich ergänze: bis hin zur Sozialdemokratie, wie die Migrationsdebatte zeigt) ausgeübt wird, um die allgemeine Stimmung, die vorherrschende Ideologie und die praktizierte Politik nach rechts zu verschieben; b) indem die entsprechende rechtspopulistische (und in Teilen faschistische) Partei sich als die einzig konsequente Kraft präsentiert und damit früher oder später die Wahlen gewinnt (mindestens als unverzichtbarer Koalitionspartner, der dadurch weitere Verschiebungen nach rechts durchsetzen kann). Die vorrangigen Ziele sind eine verschärfte Migrationspolitik und die Einschränkung der Pressefreiheit sowie der richterlichen Unabhängigkeit.
Meines Erachtens wird auf diese Weise recht treffend die vorherrschende Strömung der deutschen und internationalen Rechten beschrieben, doch warum die Autor:innen dafür den in sich widersprüchlichen Begriff „demokratischer Faschismus“ benutzen, erschließt sich mir nicht. Dass diese Parteien bis jetzt meist gemäß den Regeln der parlamentarischen Demokratie agieren, reicht m. E. nicht als Begründung. Ich meine, dass der Begriff „Rechtspopulismus“ völlig ausreicht. In dieser internationalen Strömung spielen auch ausgemachten Faschisten eine gewisse Rolle, aber Rechtspopulisten und erst recht Faschisten sind niemals demokratisch.
Rechtspopulistische Parteien und ihre Führer (zuweilen auch Führerinnen) bedienen vor allem die Klaviatur der Emotionen. [3] Sie knüpfen am Scheitern des Liberalismus an, der vor dem Hintergrund der Polykrise versagt (Klimawandel, gesteigerte Kriegsgefahr, verschärfte wirtschaftliche Konkurrenz und Betriebsschließungen, Aushöhlung der sozialen Sicherungssysteme, Komplikationen, die sich aus neuen Technologien ergeben usw.). Das aktuelle System kann das Wohlfahrts- und das Aufstiegsversprechen des Liberalismus nicht einlösen, bietet aber auch kein anderes überzeugendes Narrativ an. Der Liberalismus setzt weiterhin auf die Segnungen der Konkurrenz und stetigen Wachstums, das aber gar nicht mehr zustande kommt. Eine Sicherstellung oder gar Verbesserung der Lebenslage erscheint demnach vielen Menschen auf der Grundlage des bestehenden Systems nicht mehr möglich.
Entscheidend sind die Schlussfolgerungen, die die Menschen (genauer: der größte Teil der Bevölkerung) aus diesen Tatsachen ziehen: Die „vertikale Ungleichheit“ wird nicht als Klassenfrage verstanden, sondern als eine Identitätsfrage und eine Frage des „Außen“ und „Innen“, in der zugespitzten Form also als die Frage, wer zur Volksgemeinschaft gehört. Ich füge hinzu: Eine historisch fortschrittliche Alternative ist in den Augen breiter Bevölkerungsschichten nicht sichtbar oder zumindest nicht überzeugend.
Die verbaute Zukunft (Amlinger/Nachtwey nennen es die Wahrnehmung eines „blockierten Lebens“) wird auch von vielen anderen Autor:innen thematisiert (Oliver Decker, Hartmut Rosa usw.). Die Ergebnisse der Untersuchung, auf die sich die Analyse des vorliegenden Buchs stützt, zeigen, dass es bei den Anhänger:innen des „demokratischen Faschismus“ nicht nur um Abstiegsängste geht. Eine wichtige Rolle spielen Elemente wie die Undurchsichtigkeit politischer Entscheidungen, der Glaubwürdigkeitsverlust „der Politiker“ und die Maßnahmen, die mit dem Kampf gegen den Klimawandel begründet werden, aber auch ein allgemein komplizierter werdendes Regelwerk (eine Flut von immer neuen Gesetzen und Verordnungen, die über die Menschen hereinbrechen).
Wichtig für das Verständnis der breiten Unterstützung rechter Parteien: Die Wählerschaft setzt sich sozialstrukturell aus sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen, und zwar aus „(1) ökonomisch benachteiligten und abgehängten Menschen insbesondere aus der Arbeiterklasse, die sich einen Wohlfahrtschauvinismus wünschen; (2) Personen aus der Mittelschicht, die sich in der Reziprozität der Beiträge zum Gemeinwesen verletzt sehen, da Migrant:innen weniger leistungs- und insbesondere integrationsbereit seien und (3) Angehörigen der oberen Mittel- sowie Oberklasse, die vor allem aus ideologischen Gründen rechts wählen.“ (S. 171)
Für all diese Menschen steht eine bestimmte Logik im Mittelpunkt ihres politischen Denkens: das Nullsummendenken [4]. „Dass viele Menschen den Eindruck gewinnen, die Zukunft halte keine Verbesserungen mehr bereit, verändert die Grammatik sozialer Konflikte. Auseinandersetzungen entzünden sich nicht mehr vorrangig an der gerechten Verteilung wachsenden Wohlstands, sondern an der Frage, wie begrenzter oder gar schrumpfender Reichtum aufgeteilt werden soll. In der Zeit nach dem Fortschritt werden Gewinne und Verluste in einer Nullsummenlogik miteinander verknüpft: Was die eine gewinnt, muss zwangsläufig ein anderer verlieren. Verteilungskonflikte kippen in die Horizontale. […] An der maroden Infrastruktur sind die Linken, am blockierten Aufstieg die Geflüchteten schuld. Aus dem Gefühl des blockierten Lebens erwächst eine hyperindividualistische Weltwahrnehmung, in der Fortschritt nur noch auf Kosten anderer möglich ist.“ (S. 16f.)
Die Menschen fühlen sich „fundamental blockiert“, zum einen aufgrund des nicht mehr einhaltbaren Aufstiegsversprechens, das sich spätestens seit der Durchsetzung des Neoliberalismus als Illusion erweist, zum anderen wegen der großen Entfremdung gegenüber den „institutionellen Arrangements“ der „liberalen Demokratie“ (S. 78). Die meisten Wähler:innen rechter Parteien fühlen sich in dieser Situation als „eigentlich rechtmäßig Etablierte, nehmen sich aber als Außenseiter wahr. […] Aber wir müssen im Blick behalten, dass sich der derzeit so dynamische Strom der rechten Mobilisierung aus unterschiedlichen Quellen speist. […] Im Fall der regressiven Revolte haben wir es […] mit einer klassenübergreifenden Koalition zu tun, an der sich mehrere Gruppen aus ganz unterschiedlichen Motiven beteiligen: Konservativen und rechten Eliten sowie Angehörigen der oberen Mittelklasse geht es um die Verteidigung von Traditionen und hierarchischen Ordnungsvorstellungen; Teile der unteren Mittel- sowie der stagnierenden oder real abgestiegenen Arbeiterklasse werden von materiellen Sorgen umgetrieben und rufen daher nach sozialer Gerechtigkeit und ethnonationalistischer Abschottung.“ (S. 170f.)
Der „demokratische Faschismus“ ist polymorph, ein „Netzwerk von Netzwerken“. Entscheidend ist: Im Ergebnis finden die sehr unterschiedlichen Strömungen sehr gut zusammen, mindestens bei Wahlen, aber auch in bestimmten Kampagnen. Die einen, die „Libertären“, lehnen staatliche Regeln und Interventionen ab, die anderen wollen zurück zu einer Gesellschaft, in der (vermeintlich) alles „noch in Ordnung“ war. In beiden Fällen handelt es sich um eine Rebellion gegen Anpassung und Einschränkungen, die mit der Modernisierung einhergehen oder etwa mit dem Klimawandel begründet werden.
Von Erich Fromm übernahmen die Autor:innen – m. E. zu Recht – die Analysekategorie „Destruktivität“ [5]. Für Fromm reagieren die Menschen auf ihre Umwelt, indem sie sich selbst innerlich verändern. Die „Furcht vor der Freiheit“ ist ein Ausdruck des Verlorenseins und der Isolation in einer sich schnell wandelnden Welt, was den Menschen ihre Sicherheit nimmt. Die moderne Individualität ist von einer paradoxen Grundstruktur geprägt. Die Menschen entfalten sich nicht, sie sind vielmehr (oft fühlen sie es nur) durch äußere Zwänge und Hindernisse blockiert. Ihre Wut richtet sich deshalb gegen alles, was sie mit der sie betreffenden Entfremdung und Blockade in Verbindung bringen. Bei Fromm ist die Destruktivität ein bedeutendes Element in der Analyse des autoritären Charakters, ohne dass er dieses Element als das alles andere dominierende kennzeichnet.
Amlinger und Nachtwey schreiben: „Die rechte Rebellion beruht, das ist die These, die wir im Folgenden darlegen und mit empirischer Evidenz unterfüttern wollen, auf einem Bedürfnis nach Zerstörung. Destruktivität ist dabei sowohl ein Modus der Wahrnehmung der politischen Welt als auch eine eigenständige Handlungsweise. [Mit dem Konzept der Destruktivität bekommt man] das projektive Element besser in den Blick, das die Schuld für die subjektiven Statusblockaden auf andere überträgt: Liberale Institutionen, die Demokratie, die Woken, die Migrant:innen – sie alle werden für die Vereitelung des eigenen Lebens verantwortlich gemacht. Diese Blockaden müssen endlich aus dem Weg geräumt werden.“ (S. 171f.)
Doch ihre These – die Destruktivität ist der treibende, der entscheidende Faktor für das Anwachsen rechter Parteien – wird anscheinend durch ihre empirischen Untersuchungen nicht bestätigt. Sie schreiben zwar (ohne empirischen Beleg): „Die verbindende Klammer bildet die Zerstörungslust.“ (S. 10) Aber sie schreiben auch – im Widerspruch dazu, jedoch im Einklang mit ihren empirischen Untersuchungen: „Die Gruppe der Destruktiven ist immer noch in der Minderheit, aber sie geht im demokratischen Faschismus eine Koalition mit Angehörigen der oberen Mittelklasse und der Oberklasse ein, mit Ultranationalisten und Rassisten.“ (S. 306)
Die Rettung ihrer These gelingt ihnen, wie es scheint, nur dadurch, dass sie Gefühle und Handlungen als destruktiv bezeichnen, die dieses Prädikat nicht verdienen. Sie schreiben etwa: „Viele [wie viele? ein wie großer Prozentsatz? Anm. J. S.] der Menschen, mit denen wir gesprochen haben, empfinden das erdrückende Gefühl, dass die Gesellschaft insgesamt die Probleme nicht mehr zu bearbeiten vermag. Dieses Gefühl verursacht eine innere Unruhe, die nach Auflösung strebt – sei es, indem man ein Kreuz auf einem Wahlzettel macht, sei es, dass man selbst auf Spurensuche geht, um herauszufinden, wer einen in diese quälende Situation manövriert hat.“ (S. 187). Was ist destruktiv an diesem Gefühl, an dieser Unruhe, an diesen Aktivitäten?
Die Kategorie Destruktivität hat ihren eigenen empirischen Untersuchungen zufolge ein unterschiedliches Gewicht in der Motivation der breiten Masse der Wähler:innen rechter Parteien. Hier müssen künftige Umfragen und erst recht die Interviews breiter aufgefächert, also die Fragen mehr spezifiziert werden, um präzisere politische Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dafür müssten Interviews auch mit Aktivist:innen des Rechtspopulismus (bzw. des „demokratischen Faschismus“) geführt werden, um die zu vermutenden Unterschiede erkennen zu können.
Die regressive Revolte speist sich aus dem Erleben der Blockade (im Zusammenhang mit Abstiegsängsten oder auch vor dem Hintergrund immer umfangreicherer und als hinderlich empfundener Vorschriften und Verbote). Die Revolte wird weitgehend von Gefühlen beherrscht. [6] „Die Wirksamkeit des Faschismus hängt an seiner Macht, emotional zu affizieren – Wahrheit braucht er nicht.“ (S. 284)
Als Reaktion auf das Blockadeempfinden ziehen sich manche aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Bei anderen allerdings führt dies – je nach Ausprägung ihres autoritären Charakters – zur offenen Rebellion, und sei es nur mit dem Stimmzettel. „[…] genau darin liegt der kritische Impuls von Fromm: Der kapitalistische Zwang zur Anpassung unterdrücke [so Fromm] das Begehren der Menschen und resultiere in Ängsten sowie Aggressionen – und schließlich in einer negativen Entfesselung der Affekte.“ (Amlinger/Nachtwey S. 175)
Was bewirkt die Unterstützung des Autoritarismus bei den Menschen? Fromm: „Indem man Bestandteil einer Macht wird, die man als unerschütterlich, stark, ewig und bezaubernd empfindet, hat man auch teil an ihrer Stärke und Herrlichkeit. Man liefert ihr sein Selbst aus und verzichtet auf alles, was an Kraft und Stolz damit zusammenhängt, man verliert seine Integrität als Individuum und verzichtet auf seine Freiheit. Aber man gewinnt dafür eine neue Sicherheit und einen neuen Stolz durch Teilhabe an der Macht, in der man aufgeht. Außerdem gewinnt man Sicherheit gegenüber quälenden Zweifeln. Der masochistische Mensch – ganz gleich, ob sein Herr eine Autorität außerhalb seiner selbst ist oder ob er seinen Herrn als Gewissen oder als psychischen Zwang internalisiert hat – braucht nichts mehr selbst zu entscheiden, er ist nicht mehr für das Schicksal seines Selbst verantwortlich und ist hierdurch von allen Zweifeln befreit, welche Entscheidung er treffen sollte.“ (Fromm: 127)
Wenn das stimmt, dann bedeutet das, dass wir noch längst nicht am Ende der Rechtsentwicklung angekommen sein müssen. Denn selbst eine Verschlechterung der eigenen sozialen Lage führt nicht automatisch zu einem Umdenken. Und autoritäre Regimes müssen nicht von selbst zusammenbrechen, nur weil etwa die wirtschaftliche Entwicklung sich mit einer solchen Regierung noch weiter verschlechtert. So hat etwa Milei in Argentinien im Oktober 2025 die Zwischenwahlen gewonnen. Und dass Trump bei den anstehenden Zwischenwahlen im Herbst 2026 abgestraft wird, ist längst nicht ausgemacht, obwohl doch gerade aufgrund seiner Politik die Lebenshaltungskosten steigen, der Jobverlust zunimmt und auch sonst sich die Lage der Mehrheit der Bevölkerung nicht gerade verbessert. Ein Großteil der Wähler:innen urteilt emotional und kann mit einer intensiven Kampagne davon überzeugt werden, dass sie mit einer Selbstaufgabe (Unterwerfung unter die Autorität) sich selbst aus ihrer Isolation bringen.
Die sadomasochistische Bestrebung, mit der eigenen Unterwerfung und dem Aufgehen in eine (bewunderte) Gemeinschaft die eigene missliche Lage zu vergessen, hat Erich Fromm in seinen Untersuchungen 1929–1931 an den Tag gefördert und sozialpsychologisch analysiert: „Die autoritäre Weltanschauung kennt den Begriff der Gleichberechtigung nicht. […] Für ihn [den autoritären Menschen] setzt sich die Welt zusammen aus Menschen mit und ohne Macht, aus Über- und Untergeordneten. […] Die Beschreibung der sado-masochistischen Strebungen und des autoritären Charakters gilt vor allem für die extremeren Formen der Hilflosigkeit und dementsprechend für die extremen Formen der Flucht in eine symbiotische Beziehung zum Gegenstand der Verehrung oder der Beherrschung.“ (Fromm: 141)
In ihrem kurzen Schlusskapitel fassen die Autor:innen die eingetretene und fortschreitende Rechtsentwicklung zusammen. Das meiste, was sie zu diesem „Vibe-Shift“ (also der kollektiven Veränderung von Trends und Einstellungen) schreiben, trifft die Sache recht gut und dürfte unter Linken kaum umstritten sein. Die Entwicklung bewerten sie folgendermaßen: „Die heutige Gesellschaft unterliegt einem beschleunigten sozialen Wandel, die Bilanz ist allerdings bestenfalls gemischt, wir erleben eine regressive Modernisierung.“ (S. 312) Aber die Charakterisierung (der verschiedenen Strömungen) der Rechten bleibt unklar: „Der Faschismus der Gegenwart will die liberale Demokratie überwinden und so technologischen Fortschritt und eine neue kapitalistische Dynamik entfesseln.“ (S. 312) Mit dieser unbestimmten Charakterisierung wird m. E. das Verständnis der unterschiedlichen Motivlagen und die Unterscheidung zwischen den Aktiven und den Wähler:innen einer rechtspopulistischen Partei erschwert. Rechtspopulismus und („demokratischer“) Faschismus sind nicht dasselbe, jedenfalls nicht bei einem Großteil der AfD-Wähler:innen. Auf die Anhänger:innen rechtspopulistischer (und autoritärer) Strömungen kann eine Gegenbewegung mit linker Politik einwirken, bei Faschist:innen ist das kaum bis gar nicht möglich. Genau das wird aber mit Amlingers und Nachtweys Formulierung verwischt.
Leider bleiben Amlinger und Nachtwey in ihrem extrem kurzen Abriss zum „neuen Antifaschismus“ bei zu allgemeinen Feststellungen stehen. Sie beschränken sich auf einen Vorschlag, der zwar im Kern in die richtige Richtung weist, aber nicht konkret genug ist, um daraus eine Strategie des Antifaschismus zu entwickeln: „Während der gegenwärtige Faschismus den Markt entfesseln will, sollte ein postliberaler Antifaschismus für das Gegenteil kämpfen: eine demokratisch eingebettete und zum Teil geplante [warum nur zum Teil geplante?] Ökonomie und eine Gesellschaft, die sich ehrlich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, vor denen wir heute stehen: Ungleichheit und einem verbreiteten Gefühl mangelnder Teilhabe, nachlassendem Wachstum und den ökologischen Grenzen des fossilen Kapitalismus.“ (S. 320) Sie deuten nicht einmal an, wie man zu einer solchen Gesellschaft kommen könnte.
An dieser Stelle können wir die erforderliche Strategie gegen die Rechte nicht ausführlich darlegen. Aber ein paar Kernelemente wollen wir doch kurz benennen:
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Eine Aufklärungsarbeit über die Übel des klassischen Faschismus ist nicht schädlich, geht aber an den eigentlichen Problemen vorbei. Selbst die Aufdeckung der Widersprüche rechtspopulistischer oder faschistischer Propaganda ist nicht erfolgversprechend, denn die autoritären Strömungen kümmern sich darum gerade nicht. Dem Rechtspopulismus und Faschismus das Wasser abzugraben, erfordert eine linke Politik von unten, die sich auf eine aktive Beteiligung nennenswerter (bzw. bedeutender) Teile der Bevölkerung gründet und in der Lage ist, wenigstens Teilsiege zu erzielen. Nur dann kann die Propaganda einer Alternative an Überzeugungskraft gewinnen.
Die Ausarbeitung einer gesellschaftlichen Alternative muss in einer breiten Debatte linker und klassenkämpferischer Kräfte erfolgen. Sie kann nicht losgelöst von der antirassistischen und antimilitaristischen Praxis entwickelt werden und muss mit Initiativen zur Verteidigung und zum Ausbau der sozialen Sicherungssysteme verbunden werden.
Eine aktive Politik gegen Rechts muss bestrebt sein, alle einzubeziehen, die dem Autoritarismus Einhalt gebieten wollen, unabhängig von ihren sonstigen gesellschaftspolitischen Zielen. Gleichzeitig gilt es aber, in der Bewegung die Einsicht zu vermitteln, die Horkheimer seinerzeit so formulierte: „Wer aber vom Kapitalismus und vom Liberalismus [diese Ergänzung durch Amlinger/Nachtwey ist voll zu unterstreichen] nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Denn ein Appell an „die Demokratie“ (bzw. der Aufruf zur Wiederherstellung „der Demokratie“) geht am Kern der Auseinandersetzung vorbei. Wir müssen den Aufschwung der Rechten als eine Krise des kapitalistischen Systems erklären und deswegen die Systemfrage von Links stellen, sonst fördert man nur Illusionen und lenkt von den entscheidenden Fragen ab.
Eine Änderung der Kräfteverhältnisse wird dann am ehesten gelingen und nicht nur von kurzer Dauer sein, wenn diejenigen auf die politische Bühne treten, die überhaupt das Potential haben, nicht nur bedeutende (Teil-)Siege durchzusetzen, sondern à la longue die kapitalistische Gesellschaftsordnung aus den Angeln zu heben: die lohnabhängige Bevölkerung und hier vor allem die Beschäftigten in der Warenproduktion und im Dienstleistungssektor. Es ist gewiss nicht einfach, kurz- oder mittelfristig große Teile dieser Klasse für eine aktive Beteiligung an einer solchen Politik zu gewinnen, aber schon, wenn ein beachtlicher Teil aktiv wird und in der Lage ist, bedeutende Kämpfe anzustoßen und Teilsiege zu erringen, kann dies eine Änderung der Kräfteverhältnisse einleiten. Eine diesbezügliche Arbeit in den Gewerkschaften ist für eine erfolgversprechende antirassistische und antifaschistische Arbeit unerlässlich.
Für welche unmittelbar anstehenden Ziele sollten wir uns in und außerhalb der Gewerkschaften engagieren, um diese alternative Perspektive zu entwickeln? Ganz oben sollte der Kampf gegen die wachsende Kriegsgefahr und die gewaltige Aufrüstung stehen. Gegen den Kurs in Richtung Kriegstüchtigkeit sollten wir fordern: Kein Geld für die Rüstung! Stattdessen ein umfangreiches Programm für Bildung, Gesundheit und Ausbau der sozialen Sicherungssysteme. [7]
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Jakob Schäfer ist Redakteur der Zeitschrift die internationale, langjähriger Gewerkschaftsaktivist und aktiv in der VKG |
Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 2/2026 (März/April 2026). | Startseite | Impressum | Datenschutz