Israel zieht einen gescheiterten und durch einen Bürgerkrieg gespaltenen Iran jedem anderen Szenario vor. Das Ziel besteht nicht nur in einem Wechsel des iranischen Regimes, sondern im Zusammenbruch des Staates selbst.
Kate McMahon
Vielleicht haben die USA nach Jahrzehnten verheerender Kriege im Nahen Osten endlich eine Lektion gelernt: Ein Regimewechsel ist äußerst schwierig zu erreichen. Einen Staatschef zum Verschwinden zu bringen, ist der einfache Teil – der schwierigere kommt danach. Wenn das eigentliche Ziel in einem Regimewechsel besteht, dann wäre zu erwarten, dass die USA eine alternative Führung zur Lenkung eines mehr oder weniger funktionierenden Staates aufbauen. Doch das ist ein heikles Unterfangen, das in der Regel nicht klappt, und deshalb arbeiten nur wenige ernsthaft auf einen Regimewechsel hin.
![]() Kriegsplaner Netanjahu, Hegseth (Foto: U.S. Secretary of Defense) |
Es gibt etliche Beispiele für solche gescheiterten Versuche. 2003 drangen die USA in den Irak ein und 2006 töteten sie Saddam Hussein. Zwanzig Jahre später sind sie immer noch im Irak. Die vorschnellen Erklärungen, die Mission sei erfüllt, stehen im Widerspruch zu den langwierigen Problemen beim nachfolgenden Staatsaufbau. Heute ist der Irak tief gespalten und verfügt über ein verworrenes politisches System, das von ethnischen Spaltungen geprägt ist. Der Staat funktioniert zwar, aber das brauchte zweieinhalb Jahrzehnte, kostete Milliarden von Dollar, eine Million Tote und brachte eine Welle des Terrors in die gesamte Region. Welche Stabilität der Irak auch immer erreicht hat, sie ist eher auf die politische Anpassungsfähigkeit der irakischen Bevölkerung als auf Konzepte der USA zurückzuführen.
In Afghanistan versuchten die USA zwei Jahrzehnte lang, die Taliban zu entmachten – nur um am Ende wieder die Taliban zu bekommen. Und in Syrien bewaffnete Washington rivalisierende Gruppen, die Baschar al-Assad stürzen wollten. In der Folge kam es zu ethnischen Spannungen und einem Bürgerkrieg. Zeitweise kämpften vom Pentagon bewaffnete Milizen gegen von der CIA bewaffnete Milizen.
Libyen hingegen liefert ein abschreckendes Beispiel anderer Art. 2011 trugen US-Luftangriffe dazu bei, dass Muammar al-Gaddafi getötet wurde. Die Obama-Regierung zeigte jedoch keine besonderen Bemühungen, einen Nachfolger zu installieren, und wollte sich auch nicht in die heikle Aufgabe des Staatsaufbaus verstricken. Stattdessen überließ sie es der libyschen Bevölkerung, mit den Folgen und dem entstandenen Machtvakuum zurechtzukommen. Während Libyen 2010 noch zu den reichsten Ländern Afrikas gehörte und sich durch einen hohen Lebensstandard auszeichnete, ist es heute ein gescheiterter Staat, der vor allem von gewalttätigen Milizen und Sklavenhändlern beherrscht wird und unter den Auswirkungen der jahrelangen Bürgerkriege leidet.
Nun haben die USA Khamenei, den Obersten Führer des Irans, unter dem Vorwand ermordet, man wolle dem Land Demokratie bringen. Eine weitere Begründung ist, der Iran verfüge bald über Atomwaffen – was nicht zutrifft. Was kommt als Nächstes?
Auch wenn offizielle Stellen in Washington so tun, als bemühten sie sich um die Wiedereinsetzung des Schahs, ist dies bestenfalls ein Pro-forma-Versuch. Der im Exil lebende Sohn des brutalen iranischen Diktators, welcher 1979 durch die Islamische Revolution gestürzt wurde, verfügt über keine Stellung, die es ihm erlauben würde, auf einem Schimmel in Teheran einzuziehen und das Land als strahlender Monarch wieder ins Lot zu bringen. In den Vereinigten Staaten hat er zwar immer noch eine treue Anhängerschaft unter der iranischen Diaspora – insbesondere unter den Angehörigen wohlhabender Familien, die während der gewalttätigen Monarchie zu Wohlstand gelangt sind –, im Iran selbst aber ist er äußerst unbeliebt. Kaum jemand glaubt ernsthaft an eine reibungslose Wiedereinsetzung eines Königs, der in den letzten vier Jahrzehnten in Amerika gelebt hat.
Da die Idee einer Wiederherstellung der Monarchie weitgehend vom Tisch ist, richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die interne Nachfolgeordnung der Islamischen Republik Iran. Als Trump letzte Woche über einen möglichen Nachfolger für Khamenei sprach, sagte er zu einem Reporter: „Der Angriff war so erfolgreich, dass er die meisten Kandidaten ausgeschaltet hat. Es wird niemand sein, an den wir gedacht haben, denn sie sind alle tot. Auch der Zweit- oder Drittplatzierte ist tot.“ Nach der Ernennung von Khameneis zweitem Sohn zum Obersten Führer haben israelische Regierungsvertreter angekündigt, ihn und jeden seiner Nachfolger zu töten.
![]() Kriegsopfer Teheran (Foto: Naser Jafari, Tasnim News Agency) |
Durch die amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran wurden bedeutende Oppositionsführer ausgeschaltet, darunter auch inhaftierte Kritiker der Islamischen Republik. Berichten zufolge nehmen die USA auch gezielt linke Aktivisten ins Visier.
Denn letztendlich scheint die Ablösung der Islamischen Republik nicht das hauptsächliche oder nicht einmal ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Es wird vielmehr eine ethnische Balkanisierung und ein Zusammenbruch des Staates angestrebt. Nicht der Ersatz des iranischen Regimes steht im Vordergrund, sondern die Zerstörung des Staates selbst. Die militärischen Angriffe sollen die staatlichen Institutionen zerschlagen und ethnische Spannungen und Abspaltungsbewegungen fördern, sodass der Iran auseinanderfällt und in Bürgerkrieg und sektiererischer Gewalt versinkt – ähnlich wie Syrien im Jahr 2015.
Ein politischer Zusammenbruch könnte separatistische Bestrebungen unter Bevölkerungsteilen im kurdischen Nordwesten, in Belutschistan im Südosten und in Aserbaidschan im Norden verstärken, insbesondere wenn äußere Mächte versuchen würden, ethnische Konflikte für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die Trump-Regierung hat bereits darüber diskutiert, separatistische Gruppen im Iran zu bewaffnen, was eine Wiederholung der unheilvollen Strategie wäre, die in Syrien und Afghanistan angewandt wurde: die Unterstützung brutaler, sich bekämpfender Milizen. In diesem Fall jedoch ohne amerikanische Bodentruppen.
Das „Kriegsministerium“ vermeidet also das Irak- und Afghanistan-Syndrom, da es offenbar nicht die Absicht hat, sich in eine weitere Runde des Staatsaufbaus und des endlosen Kriegs zu verwickeln. Das Ziel besteht vielmehr darin, den Iran zu destabilisieren, ihn den Wölfen zu überlassen und sich selbst zurückzuziehen.
Dieser dystopische Kurs ebnet Israel den Weg, jegliche nennenswerte militärische Opposition in der Region auszuschalten. Letztes Jahr bombardierte Israel in Syrien die militärische Infrastruktur und zerstörte ihre Kapazitäten – und dies, obwohl sich die neue Regierung mit dem Westen verbündet hatte und keinerlei Drohungen gegen Israel aussprach. Offenbar wird niemand in der Region geduldet, der auch nur das Potenzial hat, Israel herauszufordern.
Im Mittelpunkt der israelischen Sicherheitsdoktrin steht seit Langem die Aufrechterhaltung eines „qualitativen militärischen Vorsprungs“ – also die Sicherstellung einer klaren technologischen und operativen Überlegenheit gegenüber allen regionalen Rivalen. Dieser auch im US-amerikanischen Recht verankerte Grundsatz fußt auf einem klaren Prinzip: Kein Nachbarstaat darf die Fähigkeit entwickeln, die militärische Vorherrschaft Israels infrage zu stellen. In diesem Rahmen stellt ein zersplitterter Staat eine weitaus geringere langfristige Bedrohung dar als eine unabhängige Regionalmacht, die ihre Streitkräfte wieder aufbauen kann.
Netanjahu strebt offensichtlich die Auslöschung aller regionalen Mächte an. Seit 1990 warnt er, der Iran stehe kurz vor der Erlangung der Nuklearfähigkeit, und seit drei Jahrzehnten sucht er nach einem Vorwand, damit die USA zugunsten von Israel intervenieren und den Iran angreifen. Auch wenn die Achse des Widerstands geschwächt ist stellt sie nach wie vor ein wichtiges Hindernis für Israels Bestreben dar, seine Grenzen zu einem „Groß-Israel“ auszuweiten. Israel will nicht nur die restlichen palästinensischen Gebiete besetzen, sondern sich auch nach Syrien und in den Libanon ausdehnen. Dazu muss die Achse des Widerstands beseitigt werden, und der Weg dorthin führt über den Iran.
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Diese Woche erklärte Danny Citrinowicz, leitender Forscher am Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, der Financial Times die Haltung seiner Regierung gegenüber dem Iran so: „Wenn es zu einem Staatsstreich kommt – großartig. Wenn die Menschen auf die Straße gehen – großartig. Wenn es zu einem Bürgerkrieg kommt – großartig. Israel schert sich keinen Deut um die Zukunft [oder] die Stabilität des Irans.“
Aus israelischer Sicht ist ein zersplitterter, in einem Bürgerkrieg gefangener Iran einer neuen Regierung vorzuziehen, egal wie sehr sich diese den Interessen des Westens verpflichten sollte (siehe Syrien). Offiziell mag Trump einen Regimewechsel dem Zusammenbruch des Staates vorziehen, doch die dafür erforderlichen Ressourcen will er nicht bereitstellen. Wenn die Kosten steigen, wird er sich deshalb über kurz oder lang zurückziehen.
Sollte das iranische Regime zusammenbrechen, und zwar nicht nur die Führungsspitze, sondern der ganze Staatsapparat, dann würde dies unweigerlich zu einer massiven Destabilisierung und zu einem „Libyen 2.0“ führen, wenn nicht zu noch Schlimmerem. Das ist so gewollt. Die USA geben sich nicht der Illusion hin, den Iran demokratisieren zu können. Dies ließe sich vielleicht erreichen, indem man die Opposition oder die Reformkräfte im Iran unterstützt, anstatt sie zu bombardieren. Aber Israel will den Iran nicht in eine souveräne Demokratie verwandeln, sondern ihn handlungsunfähig machen – damit der Weg frei wird, Israels militärische Macht in der Region ungehindert zu entfalten.
Der iranische Sicherheitsapparat ist gut verankert und wird sich wahrscheinlich nicht so schnell zerstören lassen. Sollten anhaltende Angriffe jedoch dazu führen, dass nicht nur die Führung geschwächt, sondern der Staat selbst zerschlagen wird, wären die Folgen katastrophal. Ein Land mit fast neunzig Millionen Einwohner:innen bricht nicht im Stillen zusammen. Es könnte dazu kommen, dass Hunderttausende sterben und Millionen weitere vertrieben werden. Denn Bomben befreien nie – sie zerreißen: Körper, Länder, Gesellschaften.
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9. März 2026 |
Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026). | Startseite | Impressum | Datenschutz