Israel/Iran

Die Interessen des US-Imperialismus im Irankrieg

Der neue Krieg gegen den Iran verläuft nicht nach Plan. Die USA haben sich auf einen Waffenstillstand eingelassen, obwohl keines der ursprünglichen Ziele erreicht wurde.

Jakob Schäfer

Die Lage am Golf bleibt bedrohlich, denn die US-Regierung schloss einen Waffenstillstand nur deshalb ab, weil sie in einem vorläufig nicht lösbaren Dilemma steckte und keines ihrer Ziele auch nur annähernd erreichen konnte. Nach mehr als fünf Wochen Krieg drohte der Krieg zu einem ökonomischen und politischen Desaster zu werden. Trump brauchte zumindest Zeit, um neue Truppen und Munition in den Golf befördern zu lassen oder auf anderem Weg wenigstens einen Teil seiner Ziele zu erreichen. Auch die Ziele der israelischen Regierung wurden nicht erreicht, sie stimmte nur zähneknirschend dem Abkommen vom 8.3. zu und unternimmt alles, um das Abkommen zu hintertreiben. Deshalb führte sie noch am selben Tag die bis dahin schlimmsten Bombardierungen im Libanon durch.


Die Ziele der US-Regierung


In vielerlei Hinsicht decken sich die Interessen der US-Regierung und der israelischen Regierung, doch man sollte nicht der Mär aufsitzen, die US-Regierung führe den Krieg nur, weil Netanyahu sie dazu gedrängt hat.

Sicher geht es dem US-Imperialismus seit Jahrzehnten darum, eine atomare Bewaffnung des Iran zu verhindern, weil eine Atommacht grundsätzlich schwerer zu kontrollieren ist, als ein Land ohne Atomsprengköpfe Dies war allerdings nicht das Motiv, diesen Krieg zu beginnen, war doch der Iran noch weit von der Produktion von Atomwaffen entfernt. Vor allem aber: In den Verhandlungen in Oman war die iranische Regierung zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Aber sie war – nicht zuletzt nach den Erfahrungen des 12-Tagekriegs vom Juni 2025 – nicht bereit, auf ihr Raketenprogramm zu verzichten. Gegen Angriffe Israels oder der USA stünde das Regime ohne diese Raketen völlig wehrlos da.

Das eigentliche strategische Ziel der USA liegt auf folgenden Ebenen, die eng verknüpft sind:

Erstens sind die USA (seit der zweiten Obama-Regierung, verstärkt seit der Biden-Regierung und noch mehr mit der zweiten Trump-Regierung) bestrebt, alles in Gang zu setzen, um den aufstrebenden Konkurrenten China zu schwächen. Iran spielt für die Ölimporte Chinas eine nicht unbedeutende Rolle und ähnlich groß ist die Bedeutung des Irans für das Projekt der Neuen Seidenstraße:

„Mit der Ankunft des ersten Güterzugs aus der ostchinesischen Stadt Xian am Trockenhafen Aprin bei Teheran wurde eine neue kommerzielle Eisenbahnstrecke offiziell in Betrieb genommen. […] Die Eisenbahninfrastruktur zwischen Iran und China ermöglicht es Güterzügen, die Strecke von Shanghai nach Teheran in nur 15 Tagen zurückzulegen – eine Halbierung der bisherigen 30-tägigen Seeroute.“ [1] Dies verringert die Transportkosten und die Abhängigkeit von küstennahen Frachtzentren und ist auch im Zusammenhang mit dem Bemühen der BRICS-Staaten zu sehen, eigene Handelsstrukturen und eine alternative Reservewährung aufzubauen.

Beim Angriff auf den Iran geht es der US-Regierung um den nächsten Schritt der Behinderung chinesischer Ölimporte. Nach den Sanktionen gegen russische Ölexporte (die im Verlauf dieses Kriegs nur unwesentlich gelockert wurden und für den Export nach China nur eine geringe Bedeutung haben, u. a. weil es eine direkte Pipeline nach China gibt) und nach dem Stopp der Ölexporte aus Venezuela (75 % von dessen Exporten gingen nach China, was immerhin 6 % der chinesischen Importe ausmachte) sollen Chinas Importe aus dem Iran weitgehend unterbunden werden. 2025 gingen 80 % der iranischen Ölexporte nach China (1,38 Mio. Fass/Tag) und zwar mit hohen Abschlägen von bis zu 10 % unter dem Marktpreis. An dieser Stelle sei angemerkt: Saudi-Arabien und Irak liefern insgesamt – mit 1,4 Mio. Fass/Tag bzw. 1,3 Mio. Fass/Tag – mehr als doppelt so viel wie der Iran nach China. Auch diese Exporte drastisch zu verringern, könnte bald das nächste Ziel der US-Regierung sein.

Zweitens geht es der US-Regierung um das Ausschalten jeglicher Regionalmacht, die nicht voll auf US-Linie ist. Hier treffen sich die Interessen der USA und Israels, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Den USA reicht ein Arrangement mit dem Iran (wozu es noch nicht mal eines wirklichen Regimewechsels bedarf): Gute Beziehungen zu den USA und ein Abbruch der Beziehungen zu China würden der US-Regierung sehr wohl reichen, um einen Friedensvertrag abzuschließen.

Die israelische Regierung aber ist selbst mit einem Regimewechsel nicht zufrieden, sondern will eine langfristige Schwächung des Irans (am besten über eine Zerstückelung; siehe dazu den Beitrag von Kate MacMahon in diesem Heft). Die israelische Regierung verfolgt das Ziel, den Iran als funktionierenden Staat auszuschalten, also zu einem „failed state“ zu machen (vergleichbar mit Libyen und Syrien und aktuell dem Libanon). Dies ist nicht nur den persönlichen Interessen Netanyahus geschuldet, der dies zu seiner Lebensaufgabe erklärt hat und nach fünf Wochen Krieg stolz erklärte, Israel sei „klein an Territorium, aber an Geist und Entschlossenheit“, sei das Land jetzt „zur stärksten Regionalmacht und sogar zu einer Weltmacht geworden“. Diese Politik entspricht dem im Zionismus seit Jahren vorherrschenden Bestreben, Israel als die unangefochtene Regionalmacht im Nahen und Mittleren Osten zu etablieren, die alle anderen Staaten in Angst und Schrecken versetzen kann. Strategisch liegt also der israelischen Regierung sehr viel daran, den Krieg nicht so bald enden zu lassen.

Drittens wollen die USA – auch unabhängig von der Konkurrenz mit China – den internationalen Ölmarkt kontrollieren. Hier aber zeigt der Verlauf des Kriegs, dass die USA ihre bisherigen engen Verbündeten in der Golfregion eher verärgern als sie näher an sich zu binden. Diese für die USA gefährliche Entwicklung war einer der Gründe, einem Waffenstillstand zuzustimmen. Denn die gravierenden Beschädigungen der Öl- und Gasförderanlagen sowie die Zerstörung einiger Entsalzungsanlagen wird von den betroffenen Staaten nicht als Segen oder verkraftbares Opfer für ein höheres Ziel wahrgenommen. Diese Länder sind jetzt infrastrukturell um Jahre zurückgeworfen, von dem Verlust etwa der Tourismuseinnahmen noch ganz abgesehen. Sie sind deshalb heute eher als früher geneigt¸ Exporte nach China in einer anderen Währung als dem US-Dollar abzurechnen, in dem Fall mit dem chinesischen CIPS (Cross-Border Interbank Payment System), was die Bemühungen der BRICS-Staaten, langfristig eine Alternative zum US-beherrschten SWIFT-System aufzubauen, nur befördern kann. [2] Auf dieser Ebene ist der geplante Schuss gegen China eher ein Rohrkrepierer.


Das Dilemma der US-Regierung


Der Krieg verlief deswegen nicht wie von Trump und seinen Lakaien gedacht und erhofft, weil der Iran nicht nur ein beachtliches Raketenarsenal zum Einsatz bringen konnte (gestützt auf verstärkte chinesische Lieferungen als Folge des 12-Tagekriegs von 2025; auch die chinesische Satellitenaufklärung spielt wohl eine nicht unerhebliche Rolle), sondern weil er aufgrund seiner geographischen Lage asymmetrisch antworten konnte: Die Sperrung der Straße von Hormus ist solange nicht aufzubrechen, wie die iranischen Pasdaran noch über Kurzstreckenraketen und im Notfall Schnellbote mit Sprengladungen verfügen. Diese Gefahren für den Schiffsverkehr sind mit Bombardements nicht auszuschalten. Daran ändert auch die US-Seeblockade nichts.

Der drastische Einbruch der Ölexporte aus dem Golf spielte für die Verhandlungsbereitschaft der USA die entscheidende Rolle. Trump versuchte zwar seine – wenn auch nur vorläufige! – Niederlage zu vertuschen, aber es bleiben folgende Fakten:

1. Mit der Sperrung der Straße von Hormus kam es zu einem weltweiten Anstieg der Energiekosten (marxistisch ausgedrückt: zu einem deutlichen Anstieg des Marktproduktionspreises). Selbst wenn in den nächsten Wochen ein Friedensabkommen zustande kommt, wird der Rohölpreis nicht auf den alten Stand zurückgehen. Der US-Regierung ist es natürlich schnuppe, dass vor allem die Menschen im Globalen Süden unter den steigenden Energiekosten schwer zu leiden haben. Im internationalen Vergleich werden drei Ländern vergleichsweise wenig betroffen sein: Die USA, weil sie selbst Öl und Gas produzieren und exportieren, China, weil das Land aus strategischen Gründen und wegen der aggressiven Politik der USA gegenüber China die weltweit größten Öl-Vorräte aufgebaut hat (man schätzt sie auf 1,3 Mrd. Fass). Außerdem verfolgt China seit Jahren eine Diversifizierung der Bezugsquellen und treibt dies vor allem in Afrika (besonders in Nigeria) voran. Russland wird gar nicht betroffen sein und im günstigen Fall von den steigenden Preisen sogar profitieren.

Dennoch wird sich diese Entwicklung auch auf den Rohölpreis in den USA auswirken. Schließlich sind auch die US-Ölkonzerne in erster Linie kapitalistische Konzerne und erst in zweiter Linie Patrioten. Sie werden nicht auf Einnahmequellen verzichten, wenn der Markt es hergibt. Diesen Fakt können Trump und seine MAGA-Bewegung nicht ändern. Deshalb hat der Preisanstieg bei den Lebenshaltungskosten schon nach wenigen Wochen Krieg auch in den USA einen Schub bekommen und wird bei anhaltendem Krieg noch zulegen und damit die Kongresswahlen im Herbst stark beeinflussen.

2. In den Golfstaaten wird der Umbruch am größten sein: Viele Anlagen sind heute schon zerstört, der Tourismus wird sich kaum erholen, das Drehkreuz für den Flugverkehr wird großen Schaden nehmen usw. Hinzu kommen die Zerstörungen lebenswichtiger Anlagen, allein die Zerstörung mehrerer Entsalzungsanlagen wird zu massiven Abwanderungen führen (nicht nur von migrantischen Arbeitskräften, sondern auch von hoch qualifizierten Fachkräften). Wie labil die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass in den Golfstaaten drei Viertel der Lebensmittel importiert werden müssen. All diese Verluste lasten die Golfstaaten jetzt natürlich den USA an.

3. Der Ruf der USA ist zwar eh schon stark lädiert (Gazakrieg, Zollkrieg, Überfall auf Venezuela, Versuch, Grönland zu übernehmen usw.), doch mit dem konkreten Verlauf des Irankriegs hat sich die US-Regierung für künftige Verhandlungen – egal mit welchem Staat – den Boden unter den Füßen weggezogen. Wer Verhandlungen führt (wie hier mit Hilfe der Regierung im Oman) und trotz guter Erfolgsaussichten den Krieg vorbereitet und ihn ohne Not und unangekündigt lostritt, der hat einfach keinen politischen Kredit mehr.

4. Staaten, die eine Atomwaffe haben (neben den offiziellen Atommächten sind dies heute Israel, Nordkorea, Pakistan und Indien) werden anders wahrgenommen und vorsichtiger behandelt als solche, die keine Atomsprengköpfe haben. Statt aber auf eine atomare Abrüstung hinzuwirken, hat der Irankrieg das genaue Gegenteil bewirkt. Der Iran hat keine Atomwaffen, deshalb konnte er ohne Rücksicht auf die unmittelbare militärische Reaktion massiv bombardiert werden. Viele Staaten (vor allem Machthaber autoritärer Staaten) werden also jetzt zusätzlich motiviert sein, sich atomar zu bewaffnen.

Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass der Angriff auf den Iran und die Zerstörung von zivilen Einrichtungen sowie das Töten von Zivilist:innen ganz selbstverständlich die Lage der Menschen im Iran nur verschlimmert: Schon mit dem ersten Tag nahm die Repression sprunghaft zu; jede Woche finden mehrere Hinrichtungen statt, Kundgebungen auf der Straße kommen heute einem Selbstmord gleich (Protestierende sind heute mehr noch als in der Vergangenheit „Agenten Israels und der USA“). Die sozialen Folgen für die Zivilbevölkerung sind wegen der Versorgungsprobleme und der jetzt noch stärker galoppierenden Inflation verheerend, von den baulichen und ökologischen Schäden noch gar nicht zu reden.


Düstere Aussichten für die Weltwirtschaft


14,9 Mio. Fass Rohöl werden pro Tag durch die Straße von Hormus transportiert (durchschnittlich 138 Schiffe pro Tag). Es gibt zwei Pipelines zur Umgehung der Straße von Hormus: Die Habshan–Fujairah-Ölpipeline von Abu Dhabi bis ins Emirat Fudschaira sowie die Ost-West-Pipeline quer durch die Arabische Halbinsel bis zum Hafen Yanbu am Roten Meer, aber sie können maximal 8,5 Mio. Fass Rohöl/Tag durchleiten. Die mangelnden Verschiffungskapazitäten in Fudschaira und Yanbu noch nicht berücksichtigt.

Auf seinem Blog schreibt der Internationale Währungsfonds: „Auch wenn noch nicht absehbar ist, welche Folgen der Krieg für die Weltwirtschaft haben wird, so ist doch klar, dass alles darauf hinweist, dass die Preise steigen werden und sich das Wachstum verlangsamen wird.“ [3]

Dabei ist die weitgehend eingeschränkte Ölausfuhr zwar der unmittelbar wichtigste Faktor aber nicht der einzige, der für die Weltwirtschaft von Bedeutung ist. Bei Öl, Flüssiggas und Phosphor liegen die Anteile der Exporte aus der Golfregion am Weltmarkt bei 20 Prozent, bei anderen sind sie noch viel höher: Helium 30 %, Ammoniak 30 %, Schwefel 45 % und Harnstoff 50 %. Der Harnstoff-Dünger ist für die Landwirtschaft vieler Länder von enormer Bedeutung; Brasilien bezieht ihn zu 70 % aus der Golfregion, Indien zu 40 %. Außerdem werden viele migrantische Arbeitskräfte weniger Geld nach Hause schicken (im letzten Jahre waren es 88 Mrd. $; in Jordanien, Ägypten und Pakistan machen diese Überweisungen bis zu 4 Prozent des BIP aus.

Insgesamt ist damit eine Stagflation (kein Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig deutlich steigenden Preisen) absolut sicher, sogar eine ausgesprochene Rezession ist möglich und wird wahrscheinlich, wenn der Krieg länger als 3 Monate andauert, vor allem wenn die Ölförderanlagen noch mehr zerstört werden als bis Anfang Aprill bereits eingetreten. (Vier Wochen nach Kriegsbeginn waren in der Golfregion schon mehr als 30 % der Raffinerien beschädigt oder zerstört.) Dann wird der Rohölpreis auf über 150 $ pro Fass und der Gaspreis auf 120 € pro MWh ansteigen (Letzteres also auf das Vierfache des Vorkriegspreises). Die Analysten von Goldman Sachs gehen davon aus, dass bei einer Kriegsdauer von 10 Wochen und dauerhaften Schäden der Ölförderanlagen der Rohölpreis auf 160 $/Fass steigen wird und auf absehbare Zeit nicht mehr unter 100 $ fallen wird.

Die OECD hat ihre Wachstumsprognosen für fast alle Länder der G 20 deutlich gesenkt, außer für ein Land, nämlich die USA, deren Wirtschaft aufgrund wachsender Öl- und Gasexporte nicht mehr um 1,7 sondern um 2 Prozent wachsen wird, wobei ein Großteil davon auf die für dieses Jahr zu erwartenden Mehreinnahmen der US-Ölkonzerne entfällt. Gleichzeitig wird sich in den USA der Preisanstieg von gegenwärtig 2,9 % auf geschätzte 4,2 % erhöhen.

Doch Wachstum alleine löst nicht die vorhandenen Probleme in den USA. Mit den Folgen des Kriegs türmen sie sich weiter auf: Die Staatsverschuldung wird mit den gewaltigen Kriegskosten (Munition etc.) deutlich zunehmen. [4] Die New York Times berichtete, dass allein in den ersten 6 Tagen Munition im Wert von 11,3 Mrd. $ verballert wurde. Ähnlich dramatisch steigt die Verschuldung im Privatsektor. Anfang März war die Ausfallquote für private Kredite (im Unterschied zu regulären Krediten der Banken) auf 9,2 % gestiegen und war damit schon höher als 2008. Goldman Sachs schätzt, dass in den nächsten zwei Jahren bis zu 70 Milliarden Dollar aus privaten Kreditfonds abfließen könnten und die am stärksten betroffenen Fondsmanager dazu zwingen werden, Kredite zu verkaufen, um Rücknahmeanträge zu bedienen. Je länger die Unruhen im Nahen Osten andauern, desto größer werden die Risiken.


Der Imperialismus wird aggressiver …


Der neue Krieg gegen den Iran ist Ausdruck einer aggressiveren und unberechenbareren Politik des US-Imperialismus und seines engsten Verbündeten Israel. Begründet werden diese Kriege jeweils mit der angeblichen Notwendigkeit, Präventivschläge zu führen, um eine größere Bedrohung auszuschalten. Dies war schon die Rhetorik im Sechs-Tagekrieg Israels 1967 und war es auch im Krieg gegen den Iran im Juni 2025 wie auch in fast allen anderen Kriegen der USA nicht zuletzt 2003 im Krieg gegen den Irak.

Verstärkt wird die Gefahr eines neuen Weltkriegs heute durch zwei Faktoren. Erstens durch die aggressive Zoll- und Handelspolitik der USA und zweitens durch die autoritäre Tendenz der MAGA-Bewegung und ihres derzeitigen Anführers Donald Trump.


… aber seine Macht ist nicht grenzenlos


So erschreckend die autoritären Tendenzen in vielen Ländern sind: Diese Entwicklung ist nicht unaufhaltsam. Dies zeigt sich aktuell in den USA. Beim Vietnamkrieg dauerte es Jahre und es mussten erst Tausende Wehrpflichtige sterben, bevor die Bewegung „Brings the boys home“ Fahrt aufnahm. Heute, mit einer reinen Berufsarmee und bislang vergleichsweise nur wenig gefallenen amerikanischen Soldaten ist die Ablehnung des Kriegs schon früh recht massiv. Ironischerweise kann sich die Antikriegsbewegung in den USA sogar auf Trumps Wahlversprechen (er werde keine Kriege mehr führen) stützen. Nach fünf Wochen Krieg erklärten schon knapp 80 Prozent der amerikanischen Wähler:innen, dass sie den Krieg ablehnen, für die Republikaner eine denkbar schlechte Tatsache ein gutes halbes Jahr vor den nächsten Kongresswahlen.

Wichtiger noch als Stimmungen und mögliche Wahlverluste der Republikaner ist eine andere Entwicklung, die für den weiteren Gang der Dinge von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist: Im Verlauf des letzten Jahres entstand in vielen Städten eine Bewegung von unten vor allem gegen die Einwanderungsbehörde und das Reinregieren in die Belange der Einzelstaaten und der Städte. Die No-Kings-Bewegung brachte bei ihrer dritten Demo am 28. März etwa 8 Millionen Menschen auf die Straße. Die Organisatoren der Kundgebungen in manchen Großstädten sind zwar mit den Demokraten verbündet und wollten die Frage des aktuellen Kriegs gegen den Iran außen vor halten. Aber häufig gingen die Aktiven weit darüber hinaus. Oft dominierte die Parole „No Kings, No ICE, No War“.

Angefacht und wesentlich ermutig wurde diese Bewegung durch den Generalstreik in Minneapolis nach der Ermordung von zwei US-Bürger:innen durch ICE. Diese Stadt hat eine stolze Tradition der Arbeiterkämpfe, eingeleitet 1934 vom Streik der Lkw-Fahrer, der Teamsters Local 574 (angeführt von Genoss:innen der SWP, seinerzeit die Sektion der IV. Internationale in den USA). Damals schon führte eine lokale Organisationskampagne zu einem stadtweiten Generalstreik.

Inzwischen gibt es einen Aufruf diverser kleinerer Gewerkschaften und Teilen der sozialen Bewegung zu einem landesweiten Generalstreik am 1. Mai. Da die großen Gewerkschaftsverbände heute organisatorisch und politisch sehr schwach sind und den Streikaufruf nicht übernommen haben, ist nicht mit einem großen Zuspruch zu rechnen, aber allein die Tatsache, dass es einen landesweiten Aufruf zu „no school, no shopping, no work“ gibt, muss als ein bedeutsames Zeichen für wachsenden Widerstand verstanden werden.

Nicht unerheblich ist auch folgende Entwicklung: Eine von Gallup durchgeführte Meinungsumfrage ergab: 2023 hatten 47 % der Befragten Sympathien für Israel, im März 2026 waren es nur noch 32 %.


Erste Proteste gegen Krieg in Israel


Die Zustimmung zum Krieg gegen den Iran ist in Israel sehr hoch, doch nach vier Wochen Krieg gab es immerhin die ersten Anti-Kriegs-Proteste. Am 29. März waren es in Tel Aviv und anderen Städten insgesamt einige Hundert Menschen und am 11. April waren es 2000 (so der öffentlich-rechtliche Sender Kann), was es beim Gazakrieg zu keinem Zeitpunkt gab! Dass jetzt demonstriert wird, ist kein Wunder, denn jetzt ist die eigene Betroffenheit durch die iranischen Raketen eine ganz andere als beim Krieg im Gazastreifen. Die Demonstrierenden forderten in Sprechchören ein Ende des Krieges gegen Iran. Auf Plakaten waren Aufschriften zu sehen wie „Hände weg von Iran, von Gaza, Libanon und Syrien“ und „Nicht bombardieren – reden! Beendet den endlosen Krieg!“ Andere hielten Schilder hoch mit: „Ich komme mir vor wie in Orwells ‚1984‘“.

      
Mehr dazu
Kate McMahon: Israels Ziel im Iran ist nicht nur ein Regimewechsel, die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026).
Interview mit Ziv Stahl: Auf dem Weg zur Annexion des Westjordanlandes, die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026).
Büro der Vierten Internationale: Für eine Niederlage der imperialistischen Aggressoren!. Stoppt den Krieg der USA und Israels gegen den Iran!, die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026) (nur online). Auch bei intersoz.org.
Redaktion von „Against the Current“: Ein verbrecherischer imperialistischer Krieg, die internationale Nr. 2/2026 (März/April 2026) (nur online). Auch bei intersoz.org.
Büro der Vierten Internationale: USA und Israel: Schluss mit allen Interventionen im Iran!
Keine Befreiung durch US-amerikanische Bomben!
, die internationale Nr. 2/2026 (März/April 2026) (nur online).
 

Doch wir müssen auch realistisch bleiben: Gideon Levy macht uns in einem Beitrag für LE MONDE diplomatique in einem sehr lesenswerten Artikel klar, wie stark die israelische Gesellschaft inzwischen von kriegerischen Bestrebungen geprägt ist.


Und die Rolle Deutschlands?


Die deutsche Regierung ist zwar mit der Art von Trumps Kriegsführung nicht glücklich, weigert sich aber, die USA zu kritisieren. Merz ist noch nicht mal bereit, von einem Angriffskrieg zu sprechen und erklärt stattdessen: „Der Iran muss seine willkürlichen Militärschläge unterlassen“, ganz im Stil seiner Erklärung zu den israelischen Angriffen auf den Iran im Juni 2025 als er sich darüber freute, dass Israel „für uns die Drecksarbeit“ mache. Diese Haltung ist Ausdruck der fortdauernden Abhängigkeit der europäischen NATO-Partner von den USA, wovon man sich zwar abnabeln will, doch dieser Prozess wird viele Jahre in Anspruch nehmen. So traut sich die deutsche Regierung auch nicht, die Nutzung der Airbase Ramstein (was für die Kriegsführung gegen den Iran von zentraler Bedeutung ist) zu untersagen.

Die Forderung nach Schließung der Airbase Ramstein sowie der anderen 40 US-Stützpunkte in Deutschland bleibt ein vorrangiges Anliegen der Antikriegsbewegung in Deutschland. In Büchel lagern US-Atomsprengköpfe und dort sind auch Bundeswehrflugzeuge für die „atomare Teilhabe“ stationiert. In Grafenwöhr sollen dieses Jahr die neuen als Erstschlagwaffen konzipierten Mittelstreckenraketen stationiert werden. In Wiesbaden ist die Multi-Domain Task Force (MDTF) angesiedelt, von wo aus die in Grafenwöhr stationierten Raketen gesteuert werden sollen. [5] Deshalb hier der Hinweis auf die nächste bundesweite Demonstration gegen die Stationierung der US-Mittelstreckenwaffen, und zwar am 30. Mai parallel in Wiesbaden und in Grafenwöhr (mehr Infos unter https://wiesbadener-buendnis.de/demonstrationen-gegen-die-raketenstationierung-in-wiesbaden-und-grafenwoehr-am-30-mai/).

13.04.2026
Jakob Schäfer ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift die internationale, langjähriger Gewerkschaftsaktivist und aktiv in der VKG.



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] https://www.kettner-edelmetalle.de/news/china-und-iran-trotzen-us-sanktionen-neue-eisenbahnverbindung-revolutioniert-den-handel-27-05-2025

[2] Mehr zur Bedeutung von SWIFT: https://www.isw-muenchen.de/online-publikationen/texte-artikel/5360-das-alternative-zahlungssystem-chinas-gegen-swift

[3] https://www.imf.org/en/blogs/articles/2026/03/30/how-the-war-in-the-middle-east-is-affecting-energy-trade-and-finance eigene Übersetzung

[4] Zu den grundsätzlichen Problemen der US-Staatsverschuldung siehe meinen Artikel Krise und Empire, die internationale Nr. 4/2025 (Juli/August 2025). Auch bei intersoz.org.

[5] Mehr Details dazu unter: Jakob Schäfer, Neue Mittelstreckraten. Ein Teil der Zeitwende,https://www.sozonline.de/2025/04/neue-mittelstreckenraketen/