Israel

Gemeinsame Erklärung von drei antizionistischen Organisationen in Israel

Als die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Resolution beschloß, die den Zionismus als eine Form des Rassismus verurteilt. erhoben die zionistischen Machthaber in Israel und ihre Sprecher in den imperialistischen Ländern Protest. Sie beeilten sich, ihre alte Waffe der Verschleierung zu schwingen, mit der sie Anti-Zionismus und Anti-Semitismus einander gleichsetzen. Das ist ein altes Manöver, mit dem die Juden in Israel unter der Führung der zionistischen Abenteurer zusammengehalten werden sollen, um die schlimmsten Verbrechen gegen das arabische Volk in Palästina zu unterstützen. Das erfordert, daß die Atmosphäre des Belagerungszustands in Israel selbst aufrechterhalten wird. Gegen diese Propaganda schlossen sich revolutionäre Anti-Zionisten in Israel zusammen um eine Position, die in der folgenden Erklärung vom 23. November 1975 festgehalten ist. Sie wurde von drei Organisationen unterzeichnet: die Israelische Sozialistische Organisation (Matzpen), die Revolutionäre Kommunistische Allianz (Ma'avak) und die Revolutionäre Kommunistische Liga (Vierte Internationale) .

Israelische Sozialistische Organisation (Matzpen), Revolutionäre Kommunistische Allianz (Ma'avak) und Revolutionäre Kommunistische Liga (Vierte Internationale)

Lange bevor die UNO -Vollversammlung in einer Resolution den Zionismus verurteilte, genauer, 80 Jahre vorher schrieb Theodor Herzl, Autor des Buches „Der Judenstaat“: „Wir werden eine Bastion gegen Asien und einen Vorposten in der Verteidigung der Zivilisation gegen die Barbarei darstellen. Als souveräner Staat werden wir unaufhörlich mit den Völkern Europas in Verbindung stehen; sie werden uns ihrerseits unsere Existenz sichern“. Und so ist es. Von allen Voraussagen und Urteilen des Gründers des Zionismus ist dieses vielleicht eines der wenigen, die heute noch volle Gültigkeit und Bedeutung haben. Es beschreibt prägnant, in bürgerlicher Sprache, die Situation Israels heute. Der zionistische Staat stemmt sich gegen die arabischen Massen (=Asien =Barbarei), weil er auf Leben und Tod mit dem Imperialismus verbunden ist.

Als revolutionäre Sozialisten verwerfen wir den Zionismus zutiefst und vollständig. Diese Haltung war uns immer zu eigen, seit wir begonnen haben, uns in politischen Organisationen zusammenzuschließen, um den Kampf für die sozialistische Revolution in unserer Region voranzutreiben. Durch ihre anti-zionistische Haltung sind die Juden unter uns die Vertreter der besten demokratischen und revolutionären Tradition der jüdischen Massen in der ganzen Welt. Die Araber unter uns vertreten durch ihre anti-zionistische Haltung nicht nur die Hoffnungen der arabischen Massen auf nationale und soziale Befreiung, sondern auch das Beste vom Geist und der Tradition der Toleranz, der den Juden zu eigen war, die unter den arabischen Völkern lebten. Zusammen bilden die Juden und die Araber unter uns einen einzigen Block; er soll als Beispiel dienen, auf das wir hinweisen als die einzige Alternative zur jetzigen Situation, in der Juden und Araber den Preis für Besetzung und Unterdrückung, für Diskriminierung und Vertreibung mit dem Blut bezahlen.

Indem wir dies erklären, sagen wir eigentlich, daß uns die Resolution der UNO-Vollversammlung nichts angeht. Denn was wäre geschehen, wenn die Vollversammlung anders über die Frage des Zionismus entschieden hätte? Hätten wir deshalb unsere Meinung über den Zionismus geändert? Ganz und gar nicht. Umso mehr als wir sowohl unter den Gegnern als auch unter den Befürwortern des Zionismus in der Vollversammlung Vertreter von Regierungen finden, die Ausbeutung und Unterdrückung, Diskriminierung und selbst Rassismus üben und sie zur Grundlage ihrer Politik machen. Gleichzeitig kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Resolution der Vollversammlung die Tatsache ausdrückt, daß der Zionismus mehr und mehr offengelegt und exponiert wird und daß seine schönen Tage gezählt sind. Dazu haben die Zionisten mehr als jeder andere beigetragen. Durch ihre Worte und durch ihre Taten.

Unsere Ablehnung des Zionismus gründet sich unter anderem auf die Tatsache, daß der Zionismus die Errichtung eines jüdischen Staates unter Verletzung der nationalen und Menschenrechte des arabischen Volkes von Palästina bedeutet. Es ist eine Tatsache, daß jeder Schritt des Zionismus in diesem Land von der Enteignung des Bodens der Palästinenser und ihrer Vertreibung aus der Heimat begleitet war. Die Zionisten selbst legten ihre Absichten offen, als sie in dieses Land kamen: „die Eroberung der jüdischen Arbeit, die Eroberung des Landes und die Bildung einer durch und durch jüdischen Gesellschaft“. So kam es, daß sie schlicht und einfach die Wirklichkeit leugneten und von einem „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ sprachen.

Der Zionismus bedeutet die Diskriminierung einer nationalen Gruppe gegenüber einer anderen. Zionismus bedeutet eine privilegierte Situation für die Juden in Israel und in der ganzen Welt und gleichzeitig die Verwandlung der Palästinenser unter ihrer Herrschaft in Bürger zweiten Ranges. Man nehme z.B. das berühmte Heimkehrergesetz, das jedem Juden in der Welt automatisch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkennt, während den palästinensischen Massen weiterhin das Recht verweigert wird, in ihre Heimat zurückzukehren.

Man nehme z.B. die Statuten der Jewish Agency, die 1929 verfaßt wurden und heute noch gültig sind: „Dies Land ist als jüdisches Eigentum erobert worden, es wird unveräußerliches Gut des jüdischen Volkes bleiben und nicht übertragbar sein. Die Agentur wird die landwirtschaftliche Kolonisierung fördern, die sich auf die jüdische Arbeit stützt, und in allen Unternehmungen, die siedurchführt oder ermutigt, wird sie das Prinzip, jüdische Arbeit zu beschäftigen, hochhalten. „Oder man nehme die Politik der Beschlagnahmung arabischen Bodens und seiner Übereignung in jüdische Hände -- eine Politik, die alle Regierungen Israels seit der Staatsgründung bis heute betrieben haben. Weder wir noch andere Anti-Zionisten haben den rassistischen Begriff der „Judaisierung Galiläas“ geprägt. Das waren die Führer und Sprecher Israels.

Der Zionismus bedeutet, die imperialistische Schirmherrschaft und die Arbeit im Dienst des Imperialismus zu akzeptieren; in diesem Sinn ist der Zionismus ein Instrument gegen die nationale arabische Bewegung und ein Gendarm gegen den Kampf der arabischen Völker, um das Joch der lokalen und ausländischen Ausbeutung abzuschütteln. Erinnern wir nur an die Unterstützung und den Schutz, den er mehrere Jahrzehnte hindurch der haschemitischen Monarchie angedeihen ließ und an den Krieg, den er 1956 im Dienste Englands und Frankreichs gegen Ägypten führte.

Der Zionismus bedeutet die Resignation gegenüber dem Anti-Semitismus, der als universales, natürliches und ewiges Phänomen betrachtet wird. Das ist wenig, aber es ist genug. Je mutiger und ehrlicher ein Zionist ist, desto offener erkennt er diese Tatsachen an. Je mehr ein Zionist versucht, sich als Liberaler, als Demokrat oder gar als Sozialist zu verkleiden, umso mehr versucht er zu verbergen und zu tarnen, diese Wahrheiten zu trüben oder zu leugnen.

      
Mehr dazu
Jakob Taut: Das Ziel muss ein geeinigter Staat sein, Inprekorr Nr. 267 (Januar 1994).
Position der IV. Inter­nationale zur Palästina-Frage, Inprekorr Nr. 29 (1. März 1974).
Nathan Weinstock: 25 Jahre zionistischer Staat, Inprekorr Nr. 27 (1. Juli 1973).
Interview mit Micha [Jakob Taut]: Zur Entwicklung des Trotzkismus in Palästina, Inprekorr Nr. 19 (15. September 1972).
Interview mit Arie Bober: Der Kampf von „Matzpen“ in Israel, Inprekorr Nr. 4 (15. Juni 1971).
Nathan Weinstock: Palästina, Zionismus, Israel: Mythos und Wirklichkeit (1969), Inprekorr Nr. 239 (September 1991).
 

Der Zionismus, der für sich beanspruchte, einen Ausweg aus dem Unglück der Juden darzustellen, stellt selbst ein wahrhaftiges Unheil für die Juden dar. Der Kapitalismus, nicht zufrieden damit, daß er den Juden tödliche Schläge zugefügt hat, hat ihnen auch eine „Lösung“ angeboten, die nicht weniger tragisch ist als ihre Leiden selbst. In einem gewissen Sinn kann man sagen, daß die Juden, unter den Stiefeln der Herren erdrückt, nun selbst zu neuen Herren geworden sind, die ein andres Volk unterdrücken: das arabische Volk Palästinas.

Deshalb ist es nicht ausreichend, wenn man sagt, der Zionismus habe das palästinensische Problem geschaffen. Der Zionismus hat auch ein jüdisches Problem geschaffen, eine konkrete Gefahr für die Juden in Israel und die Juden anderswo in der Welt, die ihr Schicksal mit dem des Zionismus verbinden.

Unser Kampf gegen den Zionismus ist ein Kampf um die Durchsetzung der nationalen und Menschenrechte des arabischen Volkes Palästinas, aber er ist auch ein Beitrag zur Rettung der Juden Israels.

Die Zionisten, die behaupten, die Juden der ganzen Welt zu vertreten, sagen diesen: „Die ganze Welt ist gegen uns“. Wir dagegen sagen, daß die Juden, wie alle anderen Völker, integraler Bestandteil der Menschheit sind. Die Zionisten sagen, daß die Juden trotz der Geschichte existieren, wir sagen, daß sie durch die Geschichte existieren. Die Zionisten sanktionieren und verewigen die Feindschaft zwischen den Juden und den anderen Völkern, wir arbeiten für die Aufhebung der Feindschaft zwischen den Völkern im allgemeinen und gegenüber den Juden im besonderen. Wir kämpfen gegen den Zionismus, für die Integration des Jüdisch-arabischen Volkes im arabischen Orient. Unser Kampf für den Sozialismus umfaßt den Kampf für die Achtung der nationalen und Menschenrechte sowohl der Araber Palästinas als auch der Juden Israels. Denn der Sozialismus ist die Befreiung des Menschen. Des arabischen wie des jüdischen.

23.November 1975



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 50 (29. Januar 1976). | Startseite | Impressum | Datenschutz