Covid-19-Pandemie

Seuchenbekämpfung und Proteste

In diesem Sommer haben die Minderheits-Proteste gegen die Corona-Restriktionen in Deutschland eine neue Qualität erreicht. Was treibt die Teilnehmer um und in welchem historischen Kontext bewegen sie sich? [D. Red.]

Helmut Dahmer


1
„Corona“ (alias „Covid-19”) begann seinen Zug um die Welt in der zentralchinesischen Millionenstadt Wuhan. Vermutlich sprang auf dem dortigen Markt ein mutiertes Virus von Tieren (Fledermäusen?) auf Menschen über und verbreitete sich dann rasch durch Ansteckung (Tröpfchen- beziehungsweise Aerosol-Infektion). Anders als frühere Epidemien, die den europäischen und den amerikanischen Kontinent nicht erreichten oder nur streiften, machte sich der Erreger der neuen Seuche die von Millionen frequentierten Reise- und Handelsstraßen der Gegenwart zunutze, sprang binnen Tagen und Wochen von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent; „Covid-19“ wurde zur „Pandemie“. Ohne Immunität, unvorbereitet, ohne Vorbeuge- oder Heilmittel befinden wir uns in einer Lage, die derjenigen gleicht, in der sich die Bevölkerungen der altamerikanischen Kulturen Mittel- und Südamerikas befanden, als europäische Eroberer, die Konquistadoren, selbst „immun“, sie mit ihnen unbekannten Krankheiten infizierten, an denen sie massenweise zugrunde gingen. Auch die europäische Bevölkerung wurde Jahrhunderte lang stets wieder von Seuchen heimgesucht, denen sie die längste Zeit hilflos gegenüberstand. Pest und Cholera haben sich dem Kollektivgedächtnis am tiefsten eingeprägt. Manche dieser Epidemien entvölkerten ganze Landstriche, kehrten gelegentlich wieder oder verschwanden ganz. Außer Hygiene- und Quarantäne-Maßnahmen wusste man ihnen jahrhundertelang nichts entgegenzusetzen.


2
Die Auseinandersetzung zwischen der von ihm vorgefundenen „Umwelt“ und dem eigentümlichen Naturwesen Mensch (samt seinen Vorläufern) währt schon etwa eine Million Jahre. Als „Invalide seiner höheren Kräfte“ (nämlich der Sprache und der Technik) und als „nicht festgestelltes“, darum außerordentlich anpassungsfähiges Tier – wie Herder und Nietzsche ihn charakterisierten –, hat dieser transkontinentale Räuber und Wanderer, vor allem seit der „neolithischen Revolution“, dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, seinen Bedürfnissen entsprechend mittels Rodung und Wasserbau weite Territorien umgestaltet und unter der Fauna aufgeräumt. Selbst ein Allesfresser, hat er sich – im Schutzraum seines kulturellen Habitats – dem Schicksal des Gefressen-Werdens entzogen, manche Tiere (wie Mammuts) ausgerottet, ihm gefährliche (wie Bären, Tiger und Wölfe …) dezimiert und die überlebenden in Zoos und Reservate gesperrt. Doch den Kampf gegen die (wie die atomare Strahlung) ohne spezielle Geräte für ihn nicht wahrnehmbaren Menschenfresser, gegen die mikroskopisch kleinen, stets mutierenden parasitären „Virionen“, die zu ihrer Reproduktion auf Wirtszellen von Pflanzen oder Tieren angewiesen sind, hat er noch längst nicht gewonnen. [1] Die Entdeckung von und der Kampf gegen Viren ist ungefähr 150 Jahre alt (der gegen „Bakterien“ währt schon dreieinhalb Jahrhunderte).


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Bis in die (europäische) Neuzeit gab es auf die quälende Frage nach Herkunft und „Sinn“ der großen Seuchen nur eine, nämlich die magische Antwort: Die Menschen haben den Kult der irdischen und himmlischen Götter, denen sie Leben und Nahrung verdanken, vernachlässigt, ihre Gebote missachtet – sie sind also schuldig geworden. [2] Diese Schuld muss abgegolten werden, und es genügt nicht, dass Götter und Dämonen sich selbst mit Hilfe der Krankheit Hekatomben von Menschenopfern holen, sondern es bedarf immer neuer Sühneopfer und Reinigungsrituale von Seiten der schuldig Gewordenen, die unterm Druck ihrer Schuld andere Schuldige suchen und finden. Kandidaten dafür waren nicht nur Pestkranke oder Aussätzige, vermeintliche Brunnenvergifter und Brandstifter, Hostienschänder, Hexer und Hexen, sondern auch Un- und Andersgläubige, „Sünder“ aller Art, „Gezeichnete“, Fremde und Kriegsgefangene … Und so war jede Epidemie, jede Katastrophe, jede Dürre, Überschwemmung und Missernte begleitet und gefolgt von Opferorgien. „Psychische Epidemien“, heißt es in einer Geschichte der Medizin, „traten besonders nach dem Schwarzen Tod auf und fanden ihren Ausdruck in Akten des Massenwahns, wie der Verbrennung von Tausenden von Juden, den Prozessionen der Flagellanten (Geißler) und den Kinderkreuzzügen (1212).“ [3]


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Von der Frühgeschichte bis in die frühe Neuzeit waren die Menschen den Seuchenzügen hilflos ausgeliefert; sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Erst als auf der Grundlage der verallgemeinerten Warenproduktion Nutzenkalküle eine enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität, also der Natur- und Menschenbeherrschung ermöglichten [4], wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert auch Biologie und Medizin revolutioniert. [5] Seitdem sind Epidemien im Prinzip kontrollierbar geworden, man kann ihnen vorbeugen, sie eindämmen oder sie gar abschaffen. [6] Seit 150 Jahren sind Infektionskrankheiten kein Schicksal mehr, so wenig, wie es die Kriege sind oder die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima. An die Stelle vieler Naturkatastrophen von dermal einst sind man-made-disasters getreten. Und wenn Epidemien antiquiert noch immer beschrieben und besprochen werden, als handele es sich um Phänomene wie Meteoriten-Einschläge, Tsunamis oder Vulkanausbrüche, dann wird der unbeherrschbaren Natur zugeschrieben, was nur mehr Produkt der unbeherrschten Weltgesellschaft ist, die, von Imperativen der Kapitalakkumulation getrieben, planlos von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Nicht wenige der vermeintlichen „Natur“-Katastrophen der Gegenwart sind in Wahrheit Sozial-Katastrophen, und deren „naturale“ Camouflage verhindert die Suche nach den Faktoren hinter den (epidemiologischen) Fakten. [7] Rückblickend auf die „Ära der Bakteriologie“ schrieb Erwin Ackerknecht:

„Man machte die Erfahrung, dass die Kenntnis der parasitären Krankheitsursachen und ihrer wirksamen Behandlungsweise nicht zur Ausrottung der Krankheit führen kann, wenn bestimmte soziale und wirtschaftliche Faktoren für die volle Anwendung dieser Kenntnis ungünstig sind. Dies gilt besonders für die Cholera, für die Malaria, für die Tuberkulose und für die Syphilis. Das ärztliche Wissen würde beim [Ende des 19. Jahrhunderts] schon hohen Stand der Mikrobiologie wahrscheinlich ausreichend gewesen sein, um diese Krankheiten allmählich auszurotten. Doch die schlechten hygienischen und sozialen Bedingungen sicherten […] ihr Fortbestehen und lassen bis heute ihre Ausbreitung in der Dritten Welt zu.“ [8]


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Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte boten Höhlen, Zelte, Hütten und Häuser, Städte und Mauern relativen Schutz gegen Naturgewalten und sichtbare Feinde, nicht aber gegen unsichtbare und darum unbekannte. Das änderte sich erst in der Moderne, die es ermöglichte, auch zuvor Unsichtbares sichtbar und messbar zu machen und neuartige Schutzvorkehrungen und Heilmittel (Vakzine) zu kreieren. Aufgrund der Forschungen von Pasteur, Koch und ihren Nachfolgern ist es möglich geworden, das menschliche Habitat mit neuartigen, feineren Filtern besser gegen Bakterien und Viren zu schützen. Doch im Innern dieses Habitats herrscht noch immer die Ungleichheit und toben Verteilungskämpfe zwischen den Klassen. Von deren Ausgang hängt es nun ab, ob weitere Verfahren der Seuchenbekämpfung entwickelt und genutzt werden können und ob sie wenigen, vielen oder allen zugutekommen. [9] Nicht mehr die Wölfe müssen wir fürchten, sondern Menschen, die – unkontrolliert – über finanzielle und militärische Machtmittel verfügen, nicht neue Viren, sondern die traditionell ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die es bisher unmöglich macht, Hunger, Krieg und Seuchen abzuschaffen. It’s the class-structure, stupid! [10]


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In vielen Staaten der Erde gilt die jeweils verfolgte Politik als „alternativlos“; und weil es schon lange keine großen Parteien mehr gibt, die nicht nur bestimmte Mängel der bestehenden Gesellschaft reformieren, sondern ihre Struktur ändern wollen, und weil Sozialwissenschaftler, denen es um solche Alternativen geht, marginalisiert werden, fungieren derzeit einzig Virologen als (technische) Berater jener Regierungen, die das System der Ungleichheit und der Unmündigkeit schlecht und recht verwalten. Die aus ein paar Parteipolitikern ad hoc gebildeten „Corona-Stäbe“ erwiesen sich freilich in diesem, von der Seuche bestimmten Frühjahr 2020 als außerordentlich flexibel. Über Nacht schlugen sie große Breschen in den Käfig alternativloser Reform- und Gedankenlosigkeit und verlegten sich, nach Jahren und Jahrzehnten der „Austeritäts“-Politik, um der Wirtschaft und der Volksgesundheit willen aufs Schuldenmachen und auf staatliche Eingriffe in die „Märkte“, deren Kommando ihnen doch bisher stets Gesetz war.

Offenbar wurde die jüngste Mutation des Corona-Virus und sein Übersprung auf Menschen durch Rodungen, Massentierhaltung und Klimawandel begünstigt. [11] Dass das Virus sich über die heutigen Reise- und Handelsrouten verbreitet, ist unverkennbar. Dass Prophylaxe, Eindämmung, Erforschung und Bekämpfung von den verfügbaren Ressourcen (Viren-Spezialisten, Seuchenärzten, Forschungslabors, Pflegepersonal, Krankenhausplätzen, Intensivstationen, Desinfektionsmitteln, Masken, Beatmungsgeräten usw.), überhaupt vom jeweiligen Zustand des Gesundheitssystems abhängen, liegt auf der Hand. Und das heißt: Die Bevölkerungen der reichen Gläubigerstaaten haben gegenüber denen der Schuldnerstaaten auch und gerade in Pandemiezeiten weitaus bessere Überlebenschancen, so wie im Innern der wenigen Wohlstandsinseln die privilegierten Schichten auch im Zeichen von Corona besser, sicherer und länger leben. [12]


7
Manager, Handelsagenten, Techniker, Entwicklungshelfer, Touristen und Missionare tragen das Virus in alle Welt; es reist mit Schiffen und Flugzeugen. Doch weder in Albanien, noch in Kambodscha, weder auf Haiti, noch auf der Osterinsel wird ein Impfstoff gegen Corona gefunden werden, und falls einer gefunden wird, werden die Pandemie-Opfer in der dritten und vierten Welt zu allerletzt davon profitieren.

Die sogenannten „hotspots“, „cluster“ oder Virenschleudern, von denen die Seuche ausstrahlt oder in denen sie immer wieder aufflammt, sind, abgesehen von Lustbarkeiten (Karneval, Sportveranstaltungen, Après-Ski …), Gottesdiensten und politischen Meetings vor allem Kasernen, Schlacht- und Kreuzfahrtschiffe, Flüchtlings- und Gefangenenlager, Slums und die erbärmlichen Massenquartiere für Hunderttausende von billigen Wanderarbeitern, wie sie in der Landwirtschaft, auf Großbaustellen oder in Fleischfabriken eingesetzt werden. Auf die Existenz dieser Billig-Lohn-Brigaden werden Politiker und Öffentlichkeit jetzt, wo sie zu Seuchenopfern und damit zu Gefährdern geworden sind, zum ersten Mal aufmerksam. Keine Gewerkschaft, kein Philanthrop hat sich je für sie interessiert. Überall, wo pauperisierte Menschen mit geschwächten Immun-Systemen zusammengepfercht werden, in Ghettos und „totalen Institutionen“ – Gefängnissen, Psychiatrien, Alten- und Pflegeheimen –, hält der Tod reiche Ernte. Und gilt das schon für die reichsten Länder, wie wird es den Bevölkerungen der Welt-Armutszonen, der Kriegs- und Hungerländer ergehen, wenn die Seuche sie erreicht?


8
Corona wirft ein grelles Licht auf die feinen und weniger feinen Unterschiede, die, um des immerfort beschworenen, imaginären Zusammenhalts „aller“ Menschen willen, national und international geleugnet, beschönigt, relativiert und ignoriert werden. [13] Zumindest für die, die überhaupt sehen wollen, werden im Zeichen von Corona die Klassenteilung und die Sprossen der Einkommensleiter, wird die gesamte Hierarchie der sozialen Schichtung sichtbar. [14] Wie in Putsch-, Kriegs- oder Besatzungszeiten werden Ausgangssperren (quasi Hausarreste) verhängt. Mit denen ergeht es uns aber ganz dem berühmten Statement von Anatole France entsprechend, wonach das Gesetz es Arm und Reich gleichermaßen verbietet, unter den Brücken (nicht nur von Paris) zu schlafen. [15] „Stay home“ galt für normale Mieter, wobei es Balkon- und Gartennutzer schon besser getroffen hatten, erst recht die Hausbesitzer. Die Bewohner von Slumhütten und Massen-Quartieren waren nicht betroffen. Nicht betroffen war auch die Klasse der Autobesitzer, die sich jederzeit frei bewegen konnten, und freier noch waren die motorisierten Datscha-, Zweitwohnungs- und Residenz-Eigentümer, die weder auf öffentliche Verkehrsmittel, noch auf Hotels angewiesen sind ... Bald kamen Geschäfts- und Vergnügungsreisen mit Privatjets in Mode. „Freie Fahrt für freie Bürger!“


9
Maßnahmen-Konformität erzeugt auf die Dauer Unwillen. Der aber richtet sich nicht gegen die Privilegierten, deren Leben sich unter Corona-Bedingungen nicht ändert, nicht gegen diejenigen, die weder von Kurzarbeit und Verdienstausfall, noch von Arbeitslosigkeit betroffen sind, und kaum gegen die offiziellen Maßnahmen-Verordner und Schönredner, die nur im Fernsehen auftreten, also ungreifbar sind. Aggression trifft erst einmal die Wenigen, die die neuen Regeln weniger strikt oder gar nicht befolgen: Abstandswahrer attackieren Mitbürger, die es mit dem Abstand nicht so genau nehmen, und überall finden sich Ordner, die über Reihenfolge und Distanz von Schlangenstehern wachen. Schwitzende Maskenträger beschimpfen Unmaskierte, mitunter schimpfen die zurück. Sie alle empören sich über die kleinen Ungleichheiten, die ihnen die großen, lebensentscheidenden verdecken. Statt dass sie etwa Risikozuschläge und Lohnerhöhungen für das medizinische Personal verlangten, lassen ganze Straßenzüge die imaginäre Einheit der Corona-Bedrohten hochleben, mit Musik und Tanz auf Balkonen, mit Nationalhymnen und Beifallklatschen, und wehe dem, der bei solchen Ritualen nicht mitmacht.


10
Nach Wochen und Monaten aber macht sich inzwischen der latente Frust Luft, erst in den „sozialen“ Medien, dann auf Straßen und Plätzen.

„Die Protestierenden sprechen nur für sehr wenige. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Restriktionen.“ „Doch gerade jetzt sind alte und neue Dämonen auf den Straßen unterwegs. Vor wenigen Wochen noch haben die Deutschen die Nase gerümpft, als sie waffenschwingende Amerikaner sahen, die gegen den Lock-Down protestierten. Doch ihre Schadenfreude währte nur kurz. Am 8. Mai strömten Tausende von Protestlern auf die Straßen von Großstädten wie Berlin, München und Stuttgart, die ihre Rechte in Gefahr sehen und Verschwörungstheorien favorisieren – eine wilde Mischung von Extremisten, Verschwörungstheoretikern und gewöhnlichen Bürgern, die von der weit rechts stehenden Alternative für Deutschland [AfD] nach Kräften unterstützt wurde.“ [16]

Im Bann der Alternativlosigkeit, die in Deutschland so lange Staatsraison war, weiß niemand, was zu tun und zu fordern wäre. Keiner kommt auf die naheliegende Idee, als Antwort auf die Corona-Krise nicht nur die sofortige Ent-Privatisierung des Gesundheitssystems zu fordern, sondern die Einrichtung eines neuartigen, non-profitablen Gesundheitsdienstes, der allen kostenlos zur Verfügung steht. Kein Gewerkschafter traut sich, angesichts des Kurzarbeiterheers, das demnächst zum Arbeitslosenheer wird, jetzt eine Umverteilung der Arbeit auf die Tagesordnung zu setzen, also die Vier-Tage-Woche (mit 28 Wochenstunden) für alle Beschäftigten und eine Mindestsicherung für alle, für die es keine Arbeit (mehr) gibt. Stattdessen demonstrieren Tausende, denen es zuvor nie eingefallen wäre, überhaupt einmal für oder gegen etwas auf die Straße zu gehen, für die Aufhebung der Restriktionen (nämlich der Ausgangsbeschränkungen, der Masken- und Abstandspflicht), die bisher für geringere Infektions- und Todesraten als in den Nachbarländern (von Russland, den USA oder Brasilien ganz zu schweigen) gesorgt haben. Doch der Protest ist ein nationaler, der Blick der Akteure reicht über die Landesgrenzen nicht hinaus. Nicht die Verselbständigung der Exekutive gegenüber dem Parlament macht ihnen Sorge, nicht die Tendenz zum „starken Staat“. Vorschnell geben sie die parlamentarische Demokratie verloren, schwingen das Grundgesetz als Talisman und wähnen, die „Uniformierung“ der Bevölkerung durch den „Merkel-Maulkorb“ beweise, dass wir uns halb schon im Orwell-Staat, jedenfalls aber im „Faschismus“ befänden. In der ersten Reihe finden sich Leute aus allen sozialen Schichten, die, angstgetrieben, die Pandemie überhaupt leugnen, sie für ein bloßes Gerücht halten, erfunden, um Menschenmassen zu manipulieren. [17] Nazis, die keine sein wollen, versuchen, auf dieser Protest-Welle zu surfen, da die „Flüchtlingswelle“, die sie nach 2015 in die Parlamente von Bund und Ländern spülte, vorläufig verebbt ist.

In Deutschland wühlt der Strudel der Empörung gleich auch die ganze unbewältigte Vergangenheit wieder auf. An Statisten für alte Stücke fehlt es nicht, und in diesen Geisterspielen wähnen die einen sich in der Revolution von 1848, andere versetzen sich lieber noch einmal in die von 1989 („Wir sind das Volk!“); dritte tragen stolz ein T-Shirt mit dem Konterfei Anne Franks zur Schau, während neben ihnen junge Frauen und ältere Männer, strahlend vor Torheit, mit einem „Judenstern“ an der Brust paradieren (Aufschrift: „Ich bin nicht geimpft!“). Viele rufen im Chor gern „Widerstand!“, und das in einem Land, in dem es keine Résistance gab und in dem die wenigen Widerständler noch Jahre nach dem Krieg als „Verräter“ galten. Auch die alte, antisemitisch getönte „antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes“ [18] regt sich wieder. Die Sehnsüchtigen greifen auf das antisemitische Dispositiv zurück und küren Bill Gates, den Gründer von Microsoft, zum Sündenbock. Der ist Programmierer und Mäzen, einer von (weltweit) mehr als zweitausend Milliardären. Vielen Protestlern gilt er darum als das personifizierte Übel, als eine Art Mr. Weltkapitalist, als der ihnen schon George Soros erschien. Was aber werfen sie ihm vor? Nicht etwa, dass das Wirtschaftssystem, von dem er profitiert, der Auspressung von Mehrarbeit dient und ihnen stets mit „Freisetzung“ droht, oder dass Leute wie er sich Regierungen und Parlamente wie Fussballmannschaften, Zeitungen oder Opernhäuser kaufen können, nein: dass er, angesichts der neuen Pandemie, eine Variante der guten alten Pockenimpfung favorisiert … [19]

      
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11
In diesem Sommer haben die Minderheits-Proteste gegen die Corona-Restriktionen in Deutschland eine neue Qualität erreicht. Nach Demonstrationen in Stuttgart und anderen Städten zogen am 29. 8. in Berlin an die 40.000 – vielleicht waren es auch 100.000 – Protestierer auf. [20] Als Organisatoren und Parolen-Geber wirkten Stuttgarter „Querdenker“, die Verfassung und Grundrechte in Gefahr sehen. Ihrem Ruf folgte eine bunte, karnevalistisch anmutende Menge, die ihr „Gefühl der Ohnmacht“ (Erich Fromm), ihre verzweifelte Suche nach „Erklärungen“, ihr Streben nach Ermächtigung, ihre Sehnsucht nach Protektion mehr oder weniger wahnhaft zum Ausdruck brachte. [21] Die Teilnehmer einer solchen Walpurgisnacht am helllichten Tag wissen, dass – trotz Wahlen und Gewaltenteilung – nicht sie, sondern andere über Investition und Nicht-Investition, Arbeit oder Nichtarbeit, Krieg und Frieden entscheiden. Das ist der Erfahrungskern, von dem ihre Phantasmen zehren. Die einen wähnen, dass sie schon wieder im Faschismus (oder in der DDR) leben, die andern, dass mächtige Finanzkapitalisten sie versklaven (oder dezimieren) wollen, die dritten rufen Trump (oder Putin) zu Hilfe. Jahrelang hat man ihnen „Alternativlosigkeit“ gepredigt, und nun mucken sie dagegen auf. Sie rufen nach „Freiheit“, und sei es, wenn andere Freiheiten nicht zu haben sind, die kleinste, nämlich die, keine Schutzmaske tragen zu müssen. Da keine „vernünftigen“, machbaren Alternativen in Sicht sind, werden sie in der nahen oder entfernteren Vergangenheit gesucht. In Berlin wurde (am 29. August) – von einer Vorhut von ein paar Hundert aufgekäscherten Demonstranten (untermischt mit V-Leuten) – die deutsche Novemberrevolution von 1918 nachgespielt – mit „Sturm auf den Reichstag“, Ausrufung einer „Freien Republik“ (wie einst, konkurrierend, von Liebknecht und Scheidemann) und der Forderung nach Neuwahlen und einer neuen Verfassung. Ohnmachtsgefühle wurden durch Allmachtsphantasien kompensiert. [22] Nur gab es weder Räte, noch Massenstreiks, noch gar den Ruf nach „Arbeiterkontrolle“ über Banken, Börsen und Internet-Konzerne. „Draußen im Land“ blieb es ruhig, und auch die den Wallot-Bau mit der Glaskuppel abschirmenden Polizisten waren kaum tauglich, im Historienspektakel Noskes Freikorps (von 1919), oder die SA (von 1933) darzustellen. Dass das „Unbewusste“ keine Gegensätze kennt (Freud), gilt auch für das kollektive Unbewusste. Und so tauchen in einem Land, dessen hitlertreue Mehrheit 1945 versuchte, 12 Jahre aus ihrer Erinnerung zu löschen [23], unter dem Druck von „Corona“ die Gespenster von Revolution und Konterrevolution in Gestalt von seltsamen Mischbildern wieder auf, wobei am Ende immer die Symbole der Konterrevolution die Oberhand gewinnen. Die „Reichstags“-Treppe wurde zur Bühne. Nostalgisch schwenkte die Vorhut der Rebellen (neben anderen) die schwarzweißrote Fahne, die einst über Kaiserreich und Hitlerstaat wehte. (Die rote, die Sowjetsoldaten am 1. Mai 1945 auf dem ruinierten Bau gehisst hatten, kam ihnen nicht in den Sinn …) Und wenn nun Staatsrepräsentanten sagen, da seien „Grenzen des Anstands“ verletzt worden oder es handele sich um einen „unerträgliche[n] Angriff auf das Herz [!] unserer Demokratie“ [24], dann verfehlt die Kritik entschieden die Reichstags-Symbolik, wie sie in Kopf und Herz von „Querdenkern“ herumspukt. Mit dem „Herzen“ der Demokratie hat es in Deutschland eine eigene Bewandtnis. Es schlägt noch nicht sehr lange im Reichstagsgehäuse. Vor 100 Jahren tagte in dem alten Bau der Arbeiter- und Soldatenrat, im Februar 1933 zündelte hier der unglückliche Van der Lubbe, und nur einen Monat später peitschte der Reichstagspräsident Göring – unter Heilrufen, Hakenkreuzfahne und dem „Schutz“ von SA und SS – das „Ermächtigungsgesetz“ für seinen „Führer“ durch …

Alles „Peinliche“, das vergessen werden soll, erzwingt von Zeit zu Zeit seine Darstellung und findet Akteure, die es – wie immer entstellt und unerkannt – auf die Bühne der Gegenwart bringen. Was notierte doch Francisco de Goya 1799 [25] auf seinem 43. „Capricho“? „El sueño de la razón produce monstruos“ – der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer …

(2.9.2020)



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 6/2020 (November/Dezember 2020). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Virionen sind Vorstufen oder Fragmente lebendiger Zellen, und sie sind, wie alle Lebewesen, auf Selbsterhaltung und Replikation programmiert. Pocken, Herpes, Hepatitis, Gelbfieber, Encephalitis, Polio, Corona (Influenza) etc. sind virale Erkrankungen.
[2] In seinem Augenzeugen-Bericht über die Pest in Florenz im Jahr 1348 schrieb Boccaccio: Sie „hatte, durch den Einfluss der Himmelskörper oder durch den gerechten Zorn Gottes wegen unserer lasterhaften Handlungen zu unserer Besserung über die Sterblichen verhängt, einige Jahre zuvor im Orient angefangen […]. Unaufhaltsam drang sie weiter von Ort zu Ort und verbreitete sich auf jammervolle Weise auch über den Okzident.“ Boccaccio, Giovanni ([1349/53] 1472/73): Der Decamerone. Zürich (Manesse) 1957, Bd. 1, S. 13 (Hervorhebungen von mir, H. D.).
[3] Ackerknecht, Erwin H. (1959): Geschichte der Medizin. 7. Aufl., überarbeitet und ergänzt von A. H. Murken. Stuttgart (Enke) 1992, S. 64.
[4] „Erst in der kapitalistischen Welt haben es die Menschen lernen müssen, alle Güter in Marktpreise, alle Arbeit in Kostenpreise, den ganzen Erfolg ihrer Lebensarbeit in Profitgrößen umzurechnen. Erst dadurch wurden die Menschen einer Naturauffassung geneigt, die alle qualitative Individualität in bloße Quanta auflöst. Nur das Messbare, Rechenbare gilt“, heißt es bei Otto Bauer. Bauer (1924): „Das Weltbild des Kapitalismus.“ In: O. Bauer (1961): Eine Auswahl aus seinem Lebenswerk. Hg. von Julius Braunthal. Wien (Wiener Volksbuchhandlung), S. 102-139; Zitat auf S. 113. – Natur, die der Menschen und ihres Milieus, Mikro- und Makrokosmos wurden, als berechenbare, entzaubert, die Welt nach dem Modell der indirekten Vergesellschaftung von Sozialatomen gedeutet, der menschliche Leib als Maschine verstanden, deren Defekte technisch behoben werden können.
[5] „Die grundlegenden bakteriologischen Entdeckungen geschahen zwischen 1878 und 1887 in der Gründerzeit.“ Ackerknecht, a. a. O. (Anm. 3), Kap. 15, S. 128.
[6] Tuberkulose, Pocken, Malaria, Kinderlähmung, Masern …
[7] „Kapitalistische Wirtschaftsweise“ heißt, dass (private und staatliche) Investitionen getätigt werden, sofern sie profitabel sind, und dass sie nicht getätigt werden, wenn sie keinen Gewinn abwerfen. Das gilt für die „Entwicklungshilfe“ wie für die Gesundheitssysteme. Unter dem Imperativ der Profitabilität („Ein Kapitalist schlägt viele tot“, heißt es bei Marx) werden zum einen an den stets weiter vorgeschobenen Grenzen der „Zivilisation“ – sei es im Amazonasgebiet oder in China – immer neue Übersprungchancen für mutationsfähige Viren geschaffen. Zum andern schreitet die Verwüstung unseres Habitats – in Gestalt von Rodung, Luftverschmutzung, Klimaerwärmung, Dürre etc. – in immer rascherem Tempo fort. Zum dritten werden durch Massentierhaltung und Großschlachtereien, Plantagenwirtschaft mit importierten Billiglöhnern in Massenquartieren (gerade auch in den höchstentwickelten Staaten) lauter potentielle Hotspots für neue Seuchen geschaffen.
[8] Ackerknecht (1959), a. a. O. (Anm. 3), S. 131.
[9] Vgl. dazu den Bericht von Conis, Elena, Michael McCoyd und Jessie A. Moravek über die Polio-Seuche und die Entwicklung eines Polio-Impfstoffs: „What to expect when a coronavirus vaccine finally arrives.“ The New York Times, International Edition; 22. 5. 2020, S. 11.
[10] Vgl. dazu auch Friedman, Thomas L. (2020): „How we broke the world.” The New York Times, International Edition; 2. 6. 2020, S. 9 und S. 11.
[11] Vgl. dazu Wallace, Robert G. (2016): Big farms make big flu. Dispatches on infectious disease, agrobusiness, and the nature of science. New York (Monthly Review Press). Ferner die Beiträge zur Corona-Epidemie von Angela Klein u. a. in: SoZ, Sozialistische Zeitung, 35. Jg., Nr. 6, Juni 2020, S. 13-17.
[12] Vgl. dazu Pitzke, Marc, u. a. (2020): „Das Armutszeugnis.“ Der Spiegel, 30. 5. 2020, S. 86-91. Ferner: Beckert, Jens (2020): „Nur vor dem Virus sind alle gleich.“ Der Spiegel, 4. 7. 2020, S. 72-74.
[13] „Seid umschlungen, Millionen“ lockt die Europa-Hymne Tag für Tag, doch wehe, wenn die Vorhut dieser Millionen das ernst nimmt und in Europa Einlass begehrt.
[14] Unsichtbare Schranken trennen Gesunde von Infizierten, Ältere von Jüngeren. Vgl. dazu den Appell zur Humanisierung unserer Gesellschaften. Nein zu einem selektiven Gesundheitswesen: „Unsere Zukunft – nicht ohne die alten Menschen“, den u. a. Manuel Castells, Jürgen Habermas, Adam Michnik und Michel Wieviorka unterzeichnet haben. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 5. 2020, S. 7.
[15] Das Gesetz verbietet es Reichen wie Armen gleichermaßen, „unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.“ France, A. (1894): Die rote Lilie [Le lys rouge]. München 1925, S. 116.
[16] Sauerbrey, Anna (2020): „In Germany, a fraught reopening.” The New York Times, International Edition, 19. 5. 2020, S. 1 und S. 11; Zitat auf S. 11.
[17] „Eine Verleugnung der Angst kann auf zweierlei Wegen versucht werden. Es kann eine gefährliche Situation verleugnet werden oder aber der Umstand, dass man sich ängstigt. ,Reaktiver Mut‘ ist eine häufig anzutreffende einfache Reaktionsbildung gegen eine noch wirksame Angst.“ Fenichel Otto (1945): Psychoanalytische Neurosenlehre. Olten (Walter-Verlag) 1977, Bd. III, Kap. XX, S. 45.
[18] von der Gregor Strasser, der „Reichsorganisationsleiter“ der NSDAP, am 10.5.1932 im Reichstag sprach …
[19] Vgl. dazu Egan, Timothy (2020): „Bill Gates, the right tycoon for a virus age.” The New York Times, International Edition; 25. 5. 2020, S. 10.
[20] Vgl. dazu Bennhold, Katrin (2020): „Germany again wrestles with the far right.“ The New York Times, International Edition; 2. 9. 2020, S. 3.
[21] „Man sieht, hört oder ,weiß‘ nicht oder anders korrespondieren. Aus Misstrauen wird zunehmend Hass gegen die, die nicht sehen, hören, wissen, was man weiß, und keinen Zusammenhang sehen, wo derselbe einem klar scheint: Das ,Normale‘ wird Bedrohung.“ Seeßlen, Georg (2020): „Paranoia, Taktik und Spektakel.“ Neues Deutschland (nd), Berlin, 22./23. 8. 2020, S. 24 f. („Die Woche“).
[22] In einem (über Internet verbreiteten) Aufruf „Auf nach Berlin!“ vom 28. 8. hieß es u. a.: „Wir verfassen uns neu auf Basis des Grundgesetzes. Für Volksentscheide in allen grundlegenden Fragen, imperatives Mandat und eine echte Sozialcharta. […] Schon um 11.30 werden 8.5 Millionen Demonstranten auf dem Berliner Stadtgebiet gemeldet […].“ Der „Einfluss von Globalkonzernen“ solle „strikt begrenzt oder gänzlich beendet“ werden. – „Faschistisches Corona-Regime will Aufzug verbieten […]. Diese Leute werden abgesetzt […].“ Man höre auch schon, „dass das Bundeskanzleramt morgen friedlich von 20.000 [Bundesbürgern] […] eingenommen werden wird und dieser Akt als Proklamation der Freien Bundesrepublik Deutschland zu gelten habe.“
[23] Vgl. dazu meine Broschüre Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen, Münster 2020. (H. D.)
[24] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 8. 2002, S. 1.
[25] Im selben Jahr putschte Napoléon (gegen das „Direktorium“), Beethoven komponierte seine „Sonate pathétique“, und Hölderlin veröffentlichte den 2. Band seines Briefromans Hyperion.