Ukraine

Die Eroberung der Ukraine und die Geschichte des russischen Imperialismus

In diesem Krieg, einem Ereignis von weltweiter Bedeutung, kämpft die ukrainische Nation für den Erhalt ihrer Unabhängigkeit, die sie nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft und einer erbitterten Russifizierung vor dreißig Jahren erst erlangt hat. Letztere sollte sie zu einem Ableger des „drei-einigen“ russischen Volkes [Weiß-, Klein- und Großrussen, AdR] machen, das in der Zarenzeit ausgedacht wurde und auf das heute Wladimir Putin sich beruft. Die russische herrschende Klasse kämpft für die Wiedergeburt eines im Niedergang begriffenen russischen Imperialismus, der ohne Kontrolle über die Ukraine von der historischen Bühne zu verschwinden droht.

Zbigniew Marcin Kowalewski

Bei einem Empfang anlässlich des zwanzigsten Jahrestages der Oktoberrevolution (1937) brachte Josef Stalin einen Toast aus „auf die Vernichtung aller Feinde, ihrer selbst, ihrer Sippe – bis zum Ende!“ Wie der Augenzeuge Georgi Dimitroff in seinem Tagebuch vermerkte, erklärte Stalin beim Aussprechen dieses Toasts, dass die Zaren „eine große Sache vorzuweisen haben: sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert – bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erbe erhalten. Und wir Bolschewiki haben diesen Staat gefestigt, zu einem einheitlichen, unteilbaren Staat“. „Jeder, der danach strebt, einzelne Teile und Nationalitäten von ihm abzutrennen, ist ein Feind, ein geschworener Feind des Staates, der Völker der UdSSR. Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.“ [1]

Seit jeher beruht der russische Imperialismus auf den Ideen der „Sammlung der russischen Länder“ und des Aufbaus eines „einheitlichen und unteilbaren Russlands“. Dieser Imperialismus war immer – und ist es noch – so eigenartig wie die Gesellschaftsformation Russlands selbst in den aufeinanderfolgenden historischen Phasen ihrer Entwicklung eigenartig war, beginnend mit dem Zarentum Russland (1547-1721). Als Wladimir Iljitsch Lenin den „modernen kapitalistischen Imperialismus“ theoretisierte, wies er darauf hin, dass dieser in Russland schwach, hingegen der „militärisch-feudale stärker“ war. [2] Letzteren feudal zu nennen, war eine übertriebene Vereinfachung. Zweifellos war die russische Gesellschaftsformation ab der Mitte des 16.  Jahrhunderts, zur Zeit Iwans des Schrecklichen, im Wesentlichen eine Kombination aus zwei verschiedenen vorkapitalistischen Ausbeutungsformen. Die eine, die feudale, beruhte darauf, dass die Grundherren von den Bauern Mehrarbeit in Form von Renten erpressten. Die andere, die tributäre, war nach dem Vorbild des Osmanischen Reiches, des damals mächtigsten Imperiums, geformt [3] und beruhte darauf, dass die staatliche Bürokratie den Bauern eine Steuer abverlangte.

In der Sowjetunion galt das stalinistische Dogma der uni-linearen Entwicklung der Menschheit in nur fünf aufeinanderfolgenden Stadien. Die tributäre Ausbeutungsform hatte in diesem Schema keinen Platz, zumal sie (oberflächlich gesehen, aber nicht ganz unbegründet) mit der Herrschaft der stalinistischen Bürokratie in Verbindung gebracht werden konnte. Einige sowjetische Historiker haben, ohne formell gegen dieses Schema zu verstoßen, das Verbot geschickt umgangen, indem sie sie, im Unterschied zum „privaten“ und „westlichen“ Feudalismus, als „Staatsfeudalismus“ oder „orientalischen“ Feudalismus bezeichneten. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an und nahezu bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 war die dritte (und für die Bauernschaft schlimmste) Form der Ausbeutung die Sklaverei (Menschenhandel inklusive), zu der die russische Leibeigenschaft in Wirklichkeit herunterkam.


Ein minimales Mehrprodukt


Keine dieser Ausbeutungsformen stellte (entgegen der gängigen Behauptung vorgeblich marxistischer Diskurse) eine Produktionsweise dar, da sie sich weder formal noch real die Produktivkräfte unterordnen konnten und folglich deren nachhaltige und systemische Entwicklung nicht gewährleisteten. Dennoch bildete sich eben auf der Grundlage dieser Ausbeutungsformen der so besondere russische Staat heraus. Wie Ruslan Skrynnikow, einer der führenden Experten für die Opritschnina Iwans des Schrecklichen, der den allerersten Großen Terror in Russland auslöste und in ihm unterging, bemerkte, „enthielten einige ihrer Praktiken in embryonaler Form die gesamte spätere Entwicklung der absoluten Adels- und Bürokratenmonarchie“. [4] Tatsächlich nicht nur die jener, sondern die aller despotischen Regime Russlands bis ins 20. und 21. Jahrhundert hinein.

Ein anderer zeitgenössischer Historiker, Leonid Milow, vertritt sehr wichtige Thesen zu den Besonderheiten der historischen Entwicklung der russischen Gesellschaft. Ausgehend von einer Untersuchung der natürlichen und klimatischen Bedingungen der Produktion entwickelte er eine grundlegende Konzeption, die die „Geschichte Russlands als die einer Gesellschaft mit minimalem Mehrprodukt“ [5] begreift. Die Gründe dafür liegen in einer im Vergleich zu anderen Agrargesellschaften sehr kurzen, klimatisch bedingten Agrarsaison in Zentralrussland, die nur von Anfang Mai bis Anfang Oktober dauerte (in Westeuropa arbeiteten die Bauern nur im Dezember und Januar nicht auf den Feldern) und im Vorherrschen humusarmer Böden.

Dies hatte „bis zur Mechanisierung dieser Art von Arbeit eine geringe Fruchtbarkeit zur Folge und damit ein geringes Volumen des gesamten gesellschaftlichen Mehrprodukts“, was „in dieser Region die Bedingungen für die jahrhundertelange Existenz einer relativ primitiven Agrargesellschaft schuf“. So „war es, um ein Mindestergebnis zu erzielen, notwendig, die Arbeit so weit wie möglich auf einen relativ kurzen Zeitraum zu konzentrieren. Ein einzelner Bauernbetrieb konnte den unerlässlichen Grad der Konzentration der Arbeitsanstrengungen in den objektiv gegebenen Zeiten landwirtschaftlicher Arbeit nicht aufbringen“, so dass seine hieraus erwachsene Anfälligkeit „fast während der gesamten tausendjährigen Geschichte des russischen Staates durch die sehr große Rolle der bäuerlichen Gemeinschaft ausgeglichen wurde“. [6]


Einheit der Gegensätze


Die Mehrarbeit der Bauern konnte – in großem Umfang, wenn nicht sogar vollständig – nur auf Kosten der für ihre eigene Reproduktion notwendigen Arbeit ausgepresst werden, d. h. durch Methoden der absoluten Ausbeutung (statt relativer Ausbeutung mittels Erhöhung der Arbeitsproduktivität). Dies war nicht möglich, ohne ihnen das härtest mögliche Regime der Leibeigenschaft aufzuerlegen, zumal aufgrund der allgemeinen Produktionsbedingungen eine starke gemeinschaftliche Organisation der Arbeit erforderlich war. Es war zwingend notwendig, „den Umfang des gesamten Mehrprodukts zu optimieren“ – es im Interesse des Staatsapparats und der herrschenden Klasse zu vergrößern –, doch „auf dem Weg zu dieser ‚Optimierung‘, d. h. der objektiven Notwendigkeit, die Ausbeutung der Bauern zu intensivieren, stand eben jene Ackerbaugemeinde, die eine Bastion des dörflichen Zusammenhalts und ein Mittel des bäuerlichen Widerstands“ war. [7]

Daraus ergab sich „eine Art Einheit der Gegensätze: Was die unvermeidliche Existenz der Gemeinde aufwog, war ein Gegengewicht in Form der brutalsten und schärfsten Variante der persönlichen Abhängigkeit jedes Mitglieds dieses Organismus“. Die Unmöglichkeit, diesen Widerspruch ohne eine beträchtliche Entwicklung der Produktivkräfte zu überwinden, was die vorkapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse nicht zuließen, führte dazu, dass die Rolle des Staates darin bestand, „eine mächtige, monolithische herrschende Klasse zu schaffen, die in der Lage war, die Agrargemeinschaft zu entwurzeln bzw. die Abwehrmechanismen, die sie gegen den Prozess der unablässigen Ausbeutung der Bauernschaft entwickelt hatte, zu neutralisieren“. Zusammenfassend meint Milow: „Die Unvermeidlichkeit der Existenz der Gemeinschaft, die sich aus ihrer produktiven und sozialen Funktion ergab, hat schließlich die härtesten und brutalsten Mechanismen zur Erpressung eines möglichst großen Mehrprodukts hervorgebracht. So entstand das Regime der Leibeigenschaft, das die Dorfgemeinde als Basis des bäuerlichen Widerstands neutralisieren konnte. Dieses Regime der Leibeigenschaft wiederum wurde erst möglich durch die Entwicklung der despotischsten Formen der Staatsmacht – das Regime der russischen Selbstherrschaft.“ [8] Das war‘s, was die herrschende Klasse zusammenschweißte.


Wo die Peripherie beginnt


 

Russisches Reich (1792)

Karte: Kleiner Atlas

Gleichzeitig jedoch „führten der extrem extensive Charakter der landwirtschaftlichen Produktion und die objektive Unmöglichkeit, sie zu intensivieren, dazu, dass das historische Hauptterritorium des russischen Staates die Zunahme der Bevölkerungsdichte nicht verkraften konnte. Daraus ergab sich über Jahrhunderte hinweg die ständige Notwendigkeit für die Bevölkerung, auf der Suche nach fruchtbarerem Ackerland, günstigeren klimatischen Bedingungen für die Landwirtschaft usw. in neue Gebiete auszuwandern.“ [9] Darüberhinaus „gingen die Migrationsprozesse mit der Stärkung des absolutistischen Staates, der bereit stand, war, große Teile des Landes zu kontrollieren und zu verteidigen, einher“, und somit mit dem Aufbau einer enormen Streitmacht, obwohl „die extrem geringe Größe des gesamten Mehrprodukts objektiv äußerst ungünstige Bedingungen für die Bildung des sogenannten Überbaus über den Basiselementen schuf“. [10]

Diese jahrhundertelange koloniale, militärische und staatliche Expansion nach Süden, Südosten und Osten umfasste nach und nach große Gebiete, immer größere „allogene“ Territorien an der Peripherie und immer weiter entfernte Nachbarländer, die Opfer der Eroberung wurden. Diese Expansion ging einher mit einem mehrere Jahrhunderte dauernden Kampf des Zarentums Russland (1547–1721) und später des Russischen Kaiserreichs (1721–1917) um den Zugang zu eisfreien Häfen an den Meeren im Westen und im Osten. Daher die berechtigten Fragen, auf die korrekte Antworten so schwer zu finden sind: „Wann hat der russische Kolonialismus begonnen – mit der Besetzung des ethnisch fremden Kasan oder der des ethnisch nahen Nowgorod?“ Die Republik Nowgorod fiel 1478 unter dem Ansturm der Moskauer Armee, das Khanat Kasan 1552. „Wo liegen die Grenzen der russischen Metropolen, wo beginnen die russischen Kolonien und wie lassen sie sich unterscheiden?“ Denn sie waren sehr veränderlich. „Die Grenzen Russlands dehnten sich sowohl vor dem Aufstieg des Zarismus als auch während der Zarenzeit mit einer solchen Geschwindigkeit aus, dass selbst die Unterscheidung zwischen ‚außen‘ und ‚innen‘ fließend und unbestimmt war.“ [11]


Militärisch-koloniale Eroberungen


Die historische Formation Russlands wurde im Prozess der militärisch-kolonialen Eroberung der russischen Länder und Bauern und der dadurch ausgelösten, eigentlich antikolonialen Bauernkriege, der internen und externen Kolonialisierung, der Eroberungen, Plünderungen und kolonialen Unterdrückung anderer Völker ausgebildet. Wie Alexander Etkind richtig sagt: „Sowohl in seinen fernen Grenzen als auch in seiner dunklen Tiefe war das Russische Reich ein riesiges Kolonialsystem.“ [12] Im Gegensatz zur russischen Mythologie hat die Eroberung eines so riesigen Landes wie Sibirien nicht „das Moskauer Territorium bis zur chinesischen Grenze ausgedehnt“, sondern Sibirien zu einer typischen Kolonie gemacht. Dennoch wurde es üblich, Sibirien als untrennbaren Teil Russlands wahrzunehmen, ebenso wie später Polen, Litauen, Finnland, den Kaukasus, Buchara und Tuwa – unter anderem.

Einige russische Historiker, die damit ihren theoretischen Beitrag zur Entwicklung der vorherrschenden und, wie sich heute zeigt, zeitlosen „russischen Idee“ leisteten, haben dieses Phänomen sehr geschickt als „Selbstkolonisierung Russlands“ bezeichnet: Die Länder, die Russland nach und nach in Besitz nahm, wurden nicht zu seinen Kolonien, sondern es „kolonisierte sich selbst“ [13], denn es war grenzenlos (und ist es, wie in seiner vorherrschenden Ideologie offen oder verdeckt behauptet wird, weiter). Nachdem Russland im 17. Jahrhundert die Linksufrige Ukraine (östlich des Dnepr) eingenommen hatte, konnte es durch seine Teilnahme an der Teilung der Republik der Beiden Völker (Polen-Litauen) in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts den Großteil der Rechtsufrigen Ukraine einnehmen – insgesamt achtzig Prozent des ukrainischen Territoriums. Dies erwies sich als grundlegender strategischer Gewinn, der weit nach Europa hineinreichte und die Spannweite und den eurasischen Charakter des Russischen Reichs festlegte.

Wenngleich der russische Adel der herrschende Stand war, wurde das Land nie vollständig zum Privateigentum eines Adligen. Das wäre den primären Interessen dieses imperialen Staates zuwider gelaufen, bei dessen Aufbau keine soziale Klasse eine so wichtige Rolle spielte wie er selbst – seine Apparate und sein bürokratisches Personal. Es ging dabei nicht nur um den Aufbau einer riesigen Armee um den Preis fünfundzwanzigjähriger Wehrpflicht von Bauern und einer riesigen militärischen und zivilen Infrastruktur, die durch die Zwangsarbeit von Hunderttausenden anderer Bauern finanziert wurde, die sowohl dem Staat als auch den Landbesitzern gehörten, sondern auch darum, dass ganze Brigaden von Lehrmeistern zu wirklicher Zwangsarbeit in verschiedene Teile des Landes geschickt wurden. Außerdem, so Milow, „war die Staatsmaschinerie gezwungen, den Prozess der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und vor allem die Trennung von Industrie und Landwirtschaft voranzutreiben“, und zwar gegen die vorherrschenden Ausbeutungsformen, die diesen Prozess behinderten.


Industrielle Leibeigenschaft


Dementsprechend „führte die Beteiligung des Staates am Aufbau der Industrie im Land zu einem gigantischen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte, obwohl die Übernahme „westlicher Technologie“ durch die archaische Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert einen monströsen sozialen Effekt hatte: Es entstand eine Masse von Arbeitern, die für immer an Fabriken und Arbeitsstätten gebunden waren (die „ewig Unterworfenen“), was das Abgleiten der Gesellschaft in die Sklaverei förderte“. [14] Der riesige russische militärisch-industrielle Komplex, dessen Kern die Metallurgie im Ural war, wurde nicht auf der Grundlage der Entwicklung kapitalistischer Verhältnisse aufgebaut, sondern im Rahmen feudaler und tributärer Beziehungen. [15]

Zwar blühte das Kapital, aber es war vorkapitalistisch und beeinträchtigte die Entwicklung des Kapitalismus – „das Handelskapital entwickelte sich nicht in die Tiefe, nicht vermittels einer Umwandlung der Produktion, sondern in die Breite, durch Vergrößerung seines Operationsradius“, indem es „vom Zentrum zur Peripherie vorrückte, hinter den siedelnden Bauern her, die auf der Suche nach neuem Land und Befreiung von Abgabenlasten in neue Territorien vordrangen“. [16] Auf nichtökonomischem Zwang beruhend, haben vorkapitalistische Ausbeutungsformen die kapitalistische Produktionsweise in Russland bis zur Revolution von 1917 dominiert, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Industrie, lange noch nach der Reform von 1861.

Als die russische Sozialdemokratie sich als Partei formierte, war die Arbeit von etwa dreißig Prozent der Industriearbeiter immer noch die Arbeit von Leibeigenen und nicht die von Lohnarbeitern, was diese Sozialdemokratie, die Iskra inbegriffen, nicht gesehen hat, die die Industrie (d. h. Produktivkräfte, nicht Produktionsverhältnisse) mit dem Kapitalismus in Verbindung brachte. „Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mehr als die Hälfte der Industrieunternehmen des wichtigsten industriellen Kerns (die Eisen- und Stahlindustrie) nicht kapitalistisch im engeren Sinne“, schreibt Michail Woejkow. Die noch vorherrschenden vorkapitalistischen Methoden der Extraktion des Mehrprodukts der Arbeit der direkten Produzenten „erlaubten dem nationalen Kapital die notwendige Akkumulation nicht“, weshalb „das ausländische Kapital so stark war“. [17] Da, wo in der russischen Wirtschaft das Kapital dominierte, war es praktisch sofort das Großkapital und es kam rasch zu Monopolbildungen.


Vielzahl von Revolutionen


In Russland entsteht also „der moderne kapitalistische Imperialismus“, aber er ist „sozusagen“ – schrieb Lenin kurz vor der Revolution von 1917 – „mit einem besonders dichten Netz vorkapitalistischer Verhältnisse überzogen“, einem Netz, das derart dicht ist, dass „im großen und ganzen in Russland der militärische und feudale Imperialismus überwiegt“. [18] Die Grundlage dieses Imperialismus ist „das Monopol der militärischen Macht, des unermeßlichen Gebiets oder der besonders günstigen Gelegenheit, nationale Minderheiten, China usw. auszuplündern“, d. h. nichtrussische Völker innerhalb Russlands selbst und Völker in den Nachbarländern. Durch dieses Monopol, so Lenin, „wird [in Russland] das Monopol des heutigen, modernen Finanzkapitals zum Teil ergänzt, zum Teil ersetzt“. [19] Nahezu alle Exegeten von Lenins Schriften über den Imperialismus sind über diesen theoretischen Ansatz, der für das Studium der russischen Gesellschaftsformation von weitreichender Bedeutung ist, stillschweigend hinweggegangen. [20]

Borotba (Kampf)

Quelle: Encyclopedia of Ukraine

 

Die Auflösung dieser Verflechtung des russischen „militärischen und feudalen“ Imperialismus mit dem kapitalistischen Imperialismus war nicht das Werk einer einzigen Revolution, sondern das verschiedener Revolutionen, die konvergierten und divergierten, die Bündnisse schlossen und gewaltsam aneinander gerieten. Die Russische Revolution war eine von ihnen. Im Zentrum des Reiches war sie eine Arbeiter- und Bauernrevolution, an der kolonialen Peripherie stützte sie sich auf die russischen und russifizierten Minderheiten in den Städten und Siedlungskolonien. Sie hatte ebenso wie die russische Räteherrschaft, die sie errichtete, einen kolonialen Charakter, wie der Bolschewik Georgi Safarow in seinem einst klassischen Werk über die „Kolonialrevolution“ in Turkestan nachwies. „Die Zugehörigkeit zum Industrieproletariat in der zaristischen Kolonie war ein nationales Privileg der Russen. Deshalb nahm hier auch die Diktatur des Proletariats von Anfang an eine typisch kolonialistische Erscheinungsform an“. [21]

Doch unter den unterdrückten Völkern löste die Russische Revolution auch nationale Revolutionen aus. Die territorial ausgedehnteste, gewaltsamste, dynamischste und unvorhersehbarste von ihnen war die ukrainische Revolution. Ihr Ausbruch und noch mehr die Dynamik, die sie entwickelte, waren unverhofft. Eine Bauernnation ohne „ihre“ Grundbesitzer und „ihre“ Kapitalisten, mit einer winzigen Schicht von Kleinbürgern und Intelligenzlern und einer verbotenen Sprache schien nicht dazu auserkoren oder fähig, sie zu verwirklichen. Seit die russische Armee 1775 die Saporoger Sitsch, die Hochburg der freien Kosaken, vernichtet hatte, forderte das ukrainische Volk zum ersten Mal seine Unabhängigkeit. Aufgeschreckt durch die soziale Revolution, die in Petrograd und Moskau die Bolschewiki an die Macht gebracht hatte, rief die Zentralrada der kleinbürgerlichen ukrainischen Parteien in Kiew die Unabhängigkeit aus und verstrickte sich sofort in einen Krieg mit jenen.


Ukrainische nationale Revolution


Ein Teil der ukrainischen Bolschewiki (der Anteil der Ukrainer unter den Mitgliedern der bolschewistischen Partei in der Ukraine war indes unbedeutend) wünschte sich jedoch auch eine revolutionäre Ukraine, sowjetisch wie Russland, aber unabhängig. Vor allem aber wollte in der radikalen Linken die von den Bolschewiki getrennte, aus dem linken Flügel der ukrainischen Sozialrevolutionäre und einem Teil des linken Flügels der ukrainischen Sozialdemokratie hervorgegangene Ukrainische Kommunistische Partei (Borotbisten) die Unabhängigkeit. Mit den Bolschewiki verbündet, hatte diese Partei eine unvergleichlich breitere soziale Basis als jene.

Das Bündnis der Borotbisten mit den Bolschewiki war sehr schwierig. So verkündete der Chef der bolschewistischen Regierung, die 1919 nach der zweiten Besetzung Kiews durch die Rote Armee gebildet wurde, der aus Bulgarien stammende Christian Rakowski: „Die ukrainische Sprache zur Staatssprache zu erklären, wäre eine reaktionäre Maßnahme, die niemand braucht“, denn im Allgemeinen „sind die ukrainische Frage und die Ukraine weniger eine reale Tatsache als eine Erfindung der ukrainischen Intelligenzija“. [22] Damit stand er unter den Marxisten nicht allein. Rosa Luxemburg behauptete, der ukrainische Nationalismus sei „eine lächerliche Posse“, „nichts als eine einfache Schrulle“, „eine Fatzkerei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern“. [23] Mit der Ansicht, „die Ukraine sei für Russland das, was Irland für England ist“, sie sei eine Kolonie und ihr unterdrücktes Volk müsse die Unabhängigkeit erlangen, war Lenin eine Ausnahme; öffentlich geäußert hat er diese Ansicht indes nur ein einziges Mal. [24]

Zur Politik der Rakowski-Regierung in der nationalen Frage kam eine ultralinke Politik in der Agrarfrage hinzu, die im Gegensatz zum bolschewistischen Dekret über den Grund und Boden nicht auf die Aufteilung des Grundbesitzes zugunsten der Bauern abzielte, sondern auf die Umwandlung dieses Grundbesitzes in Kollektivfarmen von Landarbeitern. Die Requirierung von Getreide durch den Staat und der „Kriegskommunismus“ im Allgemeinen gossen Öl ins Feuer. All dies führte 1919 zu einer starken Welle antibolschewistischer Bauernaufstände (es wurden 660 große und kleine gezählt), was die Ukraine von Ungarn abschnitt und die ukrainische Rote Armee daran hinderte, der ungarischen Räterepublik zu Hilfe zu kommen, obwohl dies deren einzige Hoffnung auf Überleben war. In der Ukraine selbst machten diese Aufstände den Weg frei für die Offensive der Truppen der Weißen Garde unter General Anton Denikin auf Moskau. [25] Es ist richtig, dass Rakowski dann schnell selbst aus der katastrophalen Politik seiner Regierung Konsequenzen zog, aber das tat er erst, nachdem diese gescheitert war.


Kommunisten für die Unabhängigkeit


In weiten Teilen der Dnepr-Ukraine ruhte der Kampf gegen die Besetzung durch die russische Weiße Garde auf den Schultern von Partisanenbewegungen und Aufständen, die von den Kommunisten-Borotbisten, der stärksten Partei im Untergrund, und den Anarcho-Kommunisten um Nestor Machno angeführt wurden. Nach Denikins Niederlage sicherte die Rote Armee zum dritten Mal in Folge den Bolschewiki die Macht. Erst dann, im Februar 1920, beschlossen diese in der Ukraine, ihren doktrinären Ansatz in der Agrarfrage aufzugeben und das Land an die Bauern zu verteilen. Obwohl selbst in der Minderheit, machten sie die auf verschiedene Weise unterworfenen Borotbisten zu ihren Juniorpartnern in einer Koalition.

Lenin hatte große Angst, dass es nach dem Ende des Bürgerkriegs und der ausländischen Intervention zu einem bewaffneten Aufstand der Borotbisten gegen die Bolschewiki kommen könnte, wenn diese sich gegen die Unabhängigkeit der Sowjetukraine aussprächen. Er forderte von seinen Genossen „größtmögliche Vorsicht in Bezug auf nationale Traditionen, strengste Achtung der Gleichberechtigung der ukrainischen Sprache und Kultur, Verpflichtung aller Beamten, Ukrainisch zu lernen“. [26] Denn er wusste sehr wohl: „Kratze manch einen Kommunisten, und du wirst auf einen großrussischen Chauvinisten stoßen“. [27]

Er erklärte öffentlich: „Darum ist es ganz offensichtlich und allgemein anerkannt, dass nur die ukrainischen Arbeiter und Bauern selbst auf ihrem Gesamtukrainischen Sowjetkongress die Frage entscheiden können und entscheiden werden, ob die Ukraine mit Russland [zu einer einzigen Sowjetrepublik] verschmelzen oder ob sie eine selbständige und unabhängige Republik bleiben soll, und welcher Art im letzteren Fall die föderative Verbindung zwischen ihr und Russland sein soll“. Wegen dieser Fragen, so erklärte er, „dürfen wir uns nicht entzweien“. Eine Konföderation akzeptierte er nicht. Aufgrund der Tatsache, dass die ukrainische Nation historisch eine von Russland unterdrückte Nation war, erklärte er, „müssen wir großrussischen Kommunisten bei Meinungsverschiedenheiten mit den ukrainischen Kommunisten-Bolschewiki und den Borotbisten Nachsicht üben, wenn die Meinungsverschiedenheiten die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, die Formen ihres Bündnisses mit Russland und die nationale Frage überhaupt betreffen.“ [28]


„Dieser Sieg ist ein paar tüchtige Schlachten wert“


Doch genau das Gegenteil trat ein. Letztere mussten Ersteren in diesen Fragen den Vortritt lassen – und das unter der Drohung der „Liquidierung“. Hinter verschlossenen Türen forderte Lenin eine „vorläufig unabhängige“ Ukraine in „enger Föderation“ mit Russland und einen „zeitweiligen Block mit den Borotbisten“ sowie eine „gleichzeitige Propaganda für die vollständige Verschmelzung“ der Ukraine und Russlands zu einem Einheitsstaat. Er fügte schnell hinzu, dass „der Kampf gegen die Losung einer möglichst engen Union“ mit Russland „den Interessen des Proletariats zuwiderläuft“, so dass in der Ukraine „die gesamte Politik systematisch und unermüdlich auf die Liquidierung der Borotbisten in naher Zukunft ausgerichtet sein muss“, und er drängte darauf, „dass die Borotbisten nicht des Nationalismus, sondern konterrevolutionärer und kleinbürgerlicher Tendenzen angeklagt werden.“ [29]

 

Rakowski und Trotzki (1924)

Foto: unbekannt

Zur „Liquidierung“ kam es nicht, weil die Borotbisten – sei es um der Sache der internationalen sozialistischen Revolution willen oder einfach, weil sie merkten, dass man ihnen einen Revolver an die Schläfe gesetzt hatte – ihre Partei selbst auflösten. [30] Wie Lenin erklärte: „Statt eines Aufstands der Borotbisten, der unvermeidlich schien, ist es so gekommen, dass die besten Elemente der Borotbisten unter unserer Kontrolle und mit unserer Zustimmung in unsere Partei eintraten, während alles übrige von der politischen Bühne verschwunden ist. Dieser Sieg ist ein paar tüchtige Schlachten wert.“ [31]

Im Lichte der beeindruckend konsequenten ideologischen Kämpfe, die Lenin für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einschließlich des Rechts auf staatliche Abtrennung geführt hat, und seiner tatsächlichen Politik auf diesem Gebiet bleibt die Art und Weise, wie er dieses seinem Denken inhärente Recht wirklich begriff, wenn nicht ein Geheimnis, so doch zumindest etwas vollkommen Unerforschtes. Die gesamte marxistische oder sich als solche ausgebende Literatur, die seinem Verständnis dieses Rechts gewidmet ist, hat exegetischen, apologetischen oder epigonalen Charakter. Sie steckt den Kopf in den Sand angesichts der historischen Tatsache, dass überall in den kolonialen Randgebieten Russlands, wo sich die Macht seiner Partei durchsetzte, oder genauer gesagt, wo die Rote Armee eben dafür sorgte, dieses Recht nicht verwirklicht wurde und es keine Möglichkeit gab, zu versuchen, es durchzusetzen, ohne als Konterrevolutionär angeklagt zu werden.


Widerspruch im Kern der Revolution


Die Revolution in Russland hat den russischen Imperialismus nicht zerstört. Zusammen mit dem Kapitalismus stürzte sie den „modernen kapitalistischen Imperialismus“ und beseitigte die vorkapitalistische (feudale und tributäre) Basis des militärischen Imperialismus. Aber sie beseitigte nicht die Bedingungen für die Reproduktion des russischen nicht-wirtschaftlichen Monopols, „die militärische Macht, das unermessliche Territorium oder die besonders bequemen Bedingungen für die Ausplünderung“ anderer Völker an der inneren und äußeren Peripherie Russlands. In dem Maße wie die Revolution die Peripherie erfasste und sich dort unter den unterdrückten Völkern in Form nationaler Revolutionen ausbreitete, drängte sie dieses Monopol zurück. Gleichzeitig hat sie es in dem Maße reproduziert, wie sie sich im Modus der militärischen Eroberung vom Zentrum bis zur Peripherie ausbreitete. Dieser Widerspruch lag im Kern der Russischen Revolution, er war ihr inhärent und konnte in ihrem eigenen Rahmen nicht gelöst werden. Viel hing von nun an davon ab, welche Seite des Widerspruchs sich durchsetzen würde.

Infolge des Zusammenbruchs des Russischen Kaiserreichs lösten sich nacheinander Finnland, Estland, Litauen, Lettland und Polen von ihm los und nach der verheerenden Niederlage im Polnisch-Sowjetischen Krieg verlor Sowjetrussland 1920 einen Teil der Ukraine (und Weißrusslands). Für das Überleben des russischen Imperialismus war es entscheidend, ob sich die sowjetische Ukraine abspalten würde. Als die Sowjetunion 1922/23 als staatlicher Organismus Gestalt annahm, sprachen die ukrainischen Bolschewiki offen darüber, dass „die mit der Muttermilch aufgesogenen Großmachtvorurteile bei sehr vielen Genossen zu einem Instinkt geworden waren“, weil „in der Praxis in unserer Partei kein Kampf gegen den Großmachtchauvinismus geführt wurde“. [32] Rakowski bezog damals entschieden gegen Stalin Stellung und führte diejenigen an, die die Unabhängigkeit der Ukraine und die Schaffung einer Union unabhängiger Sowjetstaaten forderten. [33] Sie verloren, aber ihre Niederlage war damals nicht total.


Die Wandlungen des russischen Imperialismus


Den Unabhängigkeitsbestrebungen setzte die zentrale Führung der bolschewistischen Partei unter Stalin eine sprachliche und kulturelle Nationalisierung der nicht-russischen Republiken entgegen. Für ihre Moskauer Befürworter unerwartet, entwickelte sich die Ukrainisierung zu einer Fortsetzung der ukrainischen nationalen Revolution, die sie wiederbelebte und auf bemerkenswerte Weise neue Kraft schöpfen ließ. Sie dauerte fast zehn Jahre, bis 1932. Die Vernichtung durch Hunger (Holodomor) und die Beendigung der Ukrainisierung durch Terror [34] waren sowohl ein konstituierender Akt der stalinistischen Bürokratie, die sich von der bis dahin herrschenden thermidorianischen Bürokratie trennte (und diese bald vernichtete), als auch ein Akt der Wiedergeburt – diesmal des militärisch-bürokratischen russischen Imperialismus. [35]

      
Mehr dazu
Die Folgen des Ukrainekriegs – Dossier, die internationale Nr. 4/2022 (Juli/August 2022)
Alex Callinicos: Die Rolle des Imperialismus im Ukrainekrieg, die internationale Nr. 4/2022 (Juli/August 2022)
Interview mit Ilja Budraitskis: Zynismus als Ideologie, die internationale Nr. 4/2022 (Juli/August 2022)
Interview mit Marko Bojcun: Nationale Identität und Völkerverständigung, die internationale Nr. 4/2022 (Juli/August 2022)
Zbigniew Marcin Kowalewski: Der politische Frühling hat Europa erreicht, Inprekorr Nr. 3/2014 (Mai/Juni 2014)
Helmut Dahmer: Die Unabhängigkeit der Ukraine, gestern und heute, die internationale Nr. 3/2022 (Mai/Juni 2022)
Leo Trotzki: Die ukrainische Frage, die internationale Nr. 3/2022 (Mai/Juni 2022)
Büro der Vierten Internationale: Nein zu Putins Invasion in der Ukraine! Unterstützung für den ukrainischen Widerstand! Solidarität mit dem russischen Widerstand gegen den Krieg!, die internationale Nr. 2/2022 (März/April 2022) (nur online)
 

Dieser wurde durch die Vereinigung des ukrainischen (und weißrussischen) Territoriums infolge der Teilung Polens durch Hitler und Stalin sowie durch die 1939 vollzogene und 1944 bestätigte Annexion der baltischen Staaten im Zuge des siegreichen Krieges gegen den deutschen Imperialismus konsolidiert. Die gigantische Plünderung des industriellen Potenzials der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands sowie die Herrschaft über die osteuropäischen Staaten, die durch die ständige Drohung einer militärischen Intervention politisch in Schach gehalten wurden, festigten diese Renaissance des russischen Imperialismus. [36]

Der plötzliche, völlig unerwartete Zusammenbruch der UdSSR 1991 enthüllte die Natur dieses Staates, der auf der Basis von Stalins Großem Terror geschaffen worden war. Was die Ukraine beim Zusammenbruch des Russischen Kaiserreiches nicht erreicht hatte, konnte sie beim Zusammenbruch der Sowjetunion erreichen. Es gelang ihr, sich abzuspalten, wie vierzehn andere der größten nicht-russischen Nationen. Mit der Erklärung ihrer Unabhängigkeit versetzte sie dem russischen militärisch-bürokratischen Imperialismus einen entscheidenden Schlag.

Der auf den Trümmern der UdSSR wiedererrichtete russische Kapitalismus ist nach wie vor von demselben nicht-wirtschaftlichen Monopol abhängig, dem die früheren Ausbeutungsformen unterlagen, und wie diese wird er durch diese Abhängigkeit denaturiert. Der russische Staat schützt das kapitalistische Privateigentum, aber gleichzeitig schränkt er es ein, weil es seinem Zwang ausgesetzt ist, so wie die Verschmelzung seines Apparats mit dem Großkapital den kapitalistischen Wettbewerb einschränkt und verfälscht. So haben unter dem Gewicht dieses Monopols in Russland der oligarchische Staatskapitalismus und der militärisch-oligarchische Imperialismus Gestalt angenommen.


Der Imperativ der Rückeroberung


Dieses Monopol selbst hat jedoch eine enorme, wenn auch äußerst ungleiche Abschwächung erfahren. Russland hat sein „Monopol der militärischen Macht“ insofern beibehalten, als es nach dem Zusammenbruch der UdSSR die größte Atommacht der Welt mit einer riesigen Armee blieb. Hingegen ist sein Monopol „des unermeßlichen Gebiets oder der besonders günstigen Gelegenheit“, andere Völker „auszuplündern“ sehr viel schwächer geworden. Wie Zbigniew Brzezinski nach dem Zusammenbruch der UdSSR feststellte, waren „die Grenzen Rußlands dorthin zurückverlegt worden, wo sie im Kaukasus um 1800, in Zentralasien um 1850 und – viel ärgerlicher und einschneidender – im Westen um 1600, kurz nach der Regierungszeit Iwans des Schrecklichen verlaufen waren“. Das Schlimmste von allem: „Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte hineingezogen würde.“ Zurecht schrieb Brzezinski: „Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Rußland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden.“ [37]

Darum hat sich der russische Imperialismus auf die Rückeroberung der Ukraine gestürzt; sein Schicksal steht dort auf dem Spiel.

1. März 2022
Zbigniew Marcin Kowalewski ist Pole und forscht zur Geschichte revolutionärer Bewegungen, zur Arbeiterbewegung, zur nationalen Frage und zu bürokratischen Herrschaftssystemen. 1981 war er Mitglied des Präsidiums der Regionalleitung der Gewerkschaft Solidarność in Łódź, Delegierter auf dem ersten nationalen Kongress der Gewerkschaft und Führer der Bewegung für Arbeiterselbstverwaltung. Der hier vorliegende Beitrag wurde in der polnischen Ausgabe von Le Monde diplomatique Nr. 2 (174) vom März/April 2022 veröffentlicht und von Jan Malewski ins Französische übersetzt.
Übersetzung aus dem Französischen: Horst Lauscher.



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 4/2022 (Juli/August 2022). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1943, hrsg. v. B. H. Bayerlein, Berlin: Aufbau-Verlag 2000, S. 162.

[2] „In Russland ist der kapitalistische Imperialismus schwächer, dafür aber der militärisch-feudale stärker.“ Lenin, „Der Zusammenbruch der II. Internationale“, Werke [LW] Bd. 21, S. 223.

[3] С.А. Нефедов, „РеформыИвана III и Ивана IV: османское влияние“ [„Die Reformen von Iwan III und Iwan IV: Der osmanische Einfluss“]., Вопросы истории Nr. 11, 2002, S. 30–53.

[4] Р.Г. Скрынников, Царство террора [Herrschaft des Terrors], St. Petersburg: Наука 1992, S. 512.

[5] Л.В. Милов, Великорусский пахарь и особенности российского исторического процесса[Der großrussische Ackerbauer und die Besonderheiten des russischen Geschichtsprozesses], Moskau: РОССПЭН 2001, S. 7.

[6] Ibid., S. 554–556.

[7] Ibid., S. 556.

[8] Ibid., S. 481–482, 556.

[9] Ibid., S. 566.

[10] Л.В. Милов, „ОсобенностиисторическогопроцессавРоссии“ [„Besonderheiten des historischen Prozesses in Russland“], ВестникРоссийскойАкадемиинаук, Bd. 73 Nr. 9, 2003, S. 777.

[11] А. Эткинд, Д. Уффельманн, И.Кукулин, „ВнутреннаяколонизацияРоссии: Междупрактикойивоображением“, [„Die innere Kolonisierung Russlands: Zwischen Praxis und Vorstellung“], in: А. Эткинд, Д. Уффельманн, И.Кукулин (ред.), Там, внутри. ПрактикивнутреннейколонизацивкультурнойисториРоссии, [Dort unten, im Innern. Praktiken der internen Kolonisierung in der Kulturgeschichte Russlands], Moskau: Новое литературное обозрение 2012, S. 10, 12.

[12] A. Etkind, Internal Colonization. Russian Imperial Experience, Cambridge-Malden: Polity 2011, S. 26.

[13] Ibidem, S. 61-71; A. Etkind, „How Russia „Colonized Itself“. Internal Colonization in Classical Russian Historiography“, International Journal for History, Culture and Modernity t. 3, Nr. 2, 2015, S. 159–172.

[14] Л.В. Милов, a. a. O., S. 777.

[15] В.В. Алексеев, „ПротоиндустриализациянаУрале“ [„Proto-Industrialisierung im Ural“], in: ЭкономическаяисторияРоссии XVII-XX вв.. Динамикаиинституционально-социокультурнаясреда[Wirtschaftsgeschichte Russlands im 17. bis 19. Jahrhundert: Dynamik und institutionelles und soziokulturelles Umfeld], Ekaterinburg: УрО РАН 2008, S. 63-94.

[16] Trotzki, „Die nationale Frage“, in: Geschichte der russischen Revolution. Oktoberrevolution, Berlin: S. Fischer 1932, S. 355-382, hier S. 356. (Auch Frankfurt: Fischer Taschenbuch Vlg. 1973, S. 721.)

[17] М. Воейков, „Великая реформа и судьбы капитализма в России (к 150-летию отмены крепостного права)“ [„Die Große Reformation und das Schicksal des Kapitalismus in Russland (anlässlich des 150. Jahrestags der Aufhebung der Leibeigenschaft)“, in: Вопросы экономики Nr. 4, 2011, S. 135, 123, 136.

[18] Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, LW 22, S. 189–309, hier S. 306. „Sozialismus und Krieg“, LW 21, S. 295-341, hier S. 306.

[19] Lenin, „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“, LW 23, S. 102-118, hier S. 113.

[20] Vgl. Z.M. Kowalewski, „Impérialisme russe“, in: Inprecor Nr. 609/610, Oktober-Dezember 2014, S. 7–9.

[21] Г. Сафаров, Колониальная революция (Опыт Туркестана) [Koloniale Revolution (Die Erfahrung von Turkestan)], Moskau: Госиздат 1921, S. 72. Dieses für die Entwicklung des antikolonialen Denkens grundlegende Werk, das von Stalin verboten und zu ewigem Vergessenwerden verurteilt wurde, wurde erst 1996 in Kasachstan wieder aufgelegt. Im Ausland ist es bis heute fast völlig unbekannt.

[22] П. Христюк, Замітки і матеріали до історії української революції 1917-1920 рр., t. IV [Notizen und Materialien für die Geschichte der ukrainischen Revolution 1917-1920, Bd. 4], Wien: Український соціологічний інститут 1922, S. 173.

[23] R. Luxemburg, „Zur russischen Revolution“, Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 332–365, hier S. 351.

[24] Zitiert nach П. Кравчук, „Під проводом благородних ідей (6)“ [„Unter der Führung edler Ideen (6)“], Toronto: Життя і Слово Nr. 26 (183), 1969, S. 18. Der Text dieser Rede ging verloren und ist nur aus zeitgenössischen Presseberichten bekannt. Vgl. R. Serbyn, „Lénine et la question ukrainienne en 1914. Le discours ‚séparatiste‘ de Zurich“, Pluriel-débat n° 25, 1981, S. 83–84.

[25] Vgl. Z.M. Kowalewski, „L’indépendance de l’Ukraine: préhistoire d’un mot d’ordre deTrotsky“, Quatrieme Internationale Nr. 32/33, Mai-Juli 1989, S. 81–99.

[26] В.И. Ленин, Неизвестныедокументы. 1891–1922 гг. [Unbekannte Dokumente. 1891–1922], Moskau: РОССПЭН 2000, S. 306.

[27] Lenin, „VIII. Parteitag der KPR(B). Schlusswort zum Bericht über das Parteiprogramm, 19. März [1919]“, LW 29, S. 181.

[28] Lenin, „Brief an die Arbeiter und Bauern der Ukraine anlässlich der Siege über Denikin“, LW 30, S. 282, 285 u. 286. (Erstveröffentlichung: Prawda 4.1.1920)

[29] В.И. Ленин, Неизвестныедокументы, S. 306; В.И. Ленин, „Проектрезолюцииобукраинскойпартииборотьбистов“ und „ЗамечаниякрезолюцииисполнительногокомитетакоммунистическогоИнтернационалаповопросуоборотьбистах“ [„Entwurf einer Resolution über die ukrainische borotbistische Partei“ und „Bemerkungen zur Resolution des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale über die Borotbisten“], Полноесобраниесочинений t. 40 [Vollständige Werke Bd. 40], Moskau: Политиздат 1974, S. 122, 152.

[30] Die Umstände und der Ablauf der Selbstauflösung der borotbistischen Ukrainischen Kommunistischen Partei wurden von Д.ВСтаценко untersucht, „СамоліквідаціяосередківУкраїнськоїкомуністичноїпартії (боротьбистів) у 1920-муроці (наприкладіПолтавщини)“ [„Selbstliquidation der Ukrainischen Kommunistischen Partei (Borotbisten) im Jahr 1920 (am Beispiel des Gebiets Poltawa)“], Iсторичнапам‘ять. Науковийзбірник t. 29, 2013, S. 58–70.

[31] Lenin, „IX. Parteitag der KPR(B). Schlusswort zum Bericht des Zentralkomitees, 30. März [1920]“, LW 30, S. 463.

[32] Dies sind die Worte von Mykola Skrypnyk, einem der wichtigsten Führer der ukrainischen Bolschewiki. Двенадцатый съезд РКП(б). 17-25 апреля 1923 года. Стенографический отчёт [Zwölfter Parteitag der KPR(b). 17.–25. April 1923. Wortprotokoll], Moskau: Политиздат 1968, S. 571–572.

[33] Г. Чернявский, М. Станчев, М. Тортика (Лобанова), ЖизненныйпутьХристианаРаковского. 1873–1941. Европеизмибольшевизм: неоконченнаядуэль[Der Lebensweg von Christian Rakowski. 1873–1941. Europäismus und Bolschewismus: ein unabgeschlossenes Duell], Moskau: Центрполиграф 2014, S. 165–191.

[34] Die genaueste Analyse dieses Ereignisses lieferte A. Graziosi, „Les famines soviétiques de 1931–1933 et le Holodomor ukrainien. Une nouvelle interprétation est-elle possible et quelles en seraient les conséquences?“, Cahiers du monde russe Jg.46, Nr. 3, 2005, S. 453–472.

[35] Vgl. Z.M. Kowalewski, „Ouvriers et bureaucrates. Comment les rapports d’exploitation se sont formés et ont fonctionné dans le bloc soviétique“, Inprecor Nr. 685/686, Mai-Juni 2021, S. 35-61.

[36] Vgl. D. Logan [d. i. Jean van Heijenoort], „L’explosion de l’impérialisme bureaucratique“, Quatrième Internationale Februar 1946, S. 5–10.

[37] Z. Brzezinski, The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, New York: Basic Books 1997, S. 88, 82. [Dt.: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Weinheim/Berlin: Beltz Quadriga 1997, S. 132, 74, 75.]