Antimilitarismus

Widerstand gegen Einberufungen: Eine marxistische Sichtweise

1967 diskutierte die US-amerikanische Zeitung The Militant die Frage, ob individuelle Kriegsdienstverweigerung ein Mittel sein könnte, den Vietnamkrieg zu beenden. Eine Frage, die angesichts der heutigen Kriegstreiberei wieder brandaktuell ist. [Red.]

Harry Ring

Die jüngsten Antikriegskonferenzen in Washington und Chicago haben gezeigt, dass unter den Friedensaktivisten ein großes Interesse am individuellen Widerstand gegen die Wehrpflicht besteht. Für einige ist dies sogar der zentrale Punkt der Antikriegsaktivitäten.

 

Unter denjenigen, die sich auf den Widerstand gegen die Wehrpflicht konzentrieren, gibt es eine Vielzahl von Standpunkten. Manche sehen diesen Widerstand als eine Frage des individuellen Gewissens. Für sie ist die Verweigerung von Einberufungen etwas, das durchgesetzt werden muss, ohne sich darum zu kümmern, ob es ein wirksames Mittel ist, um eine Massenopposition gegen die Wehrpflicht und den Krieg aufzubauen oder nicht. Dies ist natürlich eine private Gewissensfrage, und das Recht, nach einer solchen Überzeugung zu handeln, sollte von jedem sozial bewussten Menschen verteidigt werden.

Andere wiederum meinen, dass individuelle Widerstandshandlungen das Mittel seien, um einen Massenwiderstand gegen die Wehrpflicht zu entfachen. Dies scheint zum Beispiel die Position der Youth Against War and Fascism (Jugend gegen Krieg und Faschismus) und ihrer Mutterorganisation, der Workers World Party, zu sein. So wurde in der Ausgabe der Workers World vom 15. April ziemlich heftig gegen die Socialist Workers Party polemisiert, weil sie die geplante Verbrennung von Einberufungsbescheiden im Central Park während der Mobilisierung am 15. April nicht unterstützte.

Die Zeitung meint: „Es ist richtig, dass ein Streik von 20 000 Arbeitern, der vielleicht eine wichtige Kriegsindustrie lahmlegt, wichtiger sein könnte, um die Kriegsmaschinerie tatsächlich zu stoppen, als 500 junge Männer, die ihre Einberufungsbescheide verbrennen. Aber die dramatische Anziehungskraft eines solchen Aktes auf die Jugend des ganzen Landes wäre nahezu unumkehrbar.“

Diese Prognose erwies sich als etwas zu rosig. Die Verbrennung der Einberufungsbescheide hat stattgefunden, aber es gibt leider keine Anzeichen für eine „unumkehrbare“ Wirkung auf die Jugend der Nation. Workers World könnte vielleicht argumentieren, dass nach Angaben der Organisatoren der Aktion nur 180 ihre Bescheide tatsächlich verbrannt haben. Aber logischerweise wird es ihr schwerfallen, den qualitativen Unterschied zwischen 180 und 500 zu erklären. Keine der beiden Zahlen stellt eine Massenaktion in dem Sinne dar, wie der Begriff vernünftigerweise definiert wird.

Für Marxisten ist dies eine Schlüsselfrage. Seit seinen Anfängen hat der authentische Marxismus die immer wiederkehrende Idee, dass individuelle Handlungen, egal wie furchtlos oder „revolutionär“ sie auch sein mögen, Massenaktionen in großem Maßstab ersetzen oder wirksam auslösen können, immer wieder diskutiert und zurückgewiesen. Marx und Engels polemisierten gegen diesen Glauben, ebenso wie Lenin, Trotzki und die anderen großen marxistischen Denker.

Die Socialist Workers Party unterstützt zwar die Rechte individueller Kriegsdienstverweigerer, die sich weigern, Teil einer Armee zu werden, die einen illegalen, unmoralischen und ungerechten Krieg in Vietnam führt, ist aber der festen Überzeugung, dass individueller Widerstand in der Praxis die Entwicklung eines Massenwiderstands gegen die Wehrpflicht und den Krieg behindert.

Einige derjenigen, die einen individuellen Widerstand gegen die Einberufungen befürworten, tun dies unserer Meinung nach aus einem Gefühl der Frustration und des Pessimismus heraus. Sie glauben nicht wirklich daran, dass es möglich sei, einen Massenwiderstand gegen den Krieg und die Wehrpflicht aufzubauen, aber ihr Gefühl der persönlichen Verantwortung treibt sie dazu, etwas zu tun, selbst wenn es eine Handlung ist, die im Wesentlichen aus Verzweiflung besteht.


Zwei Fragen


Wir sind zwar der Meinung, dass eine solche pessimistische Sichtweise nicht gerechtfertigt ist, und widersprechen ihr nachdrücklich, doch ist dies eine andere Frage als die derjenigen, die behaupten, dass individueller Widerstand ein praktisches und wirksames Mittel zur Entwicklung von Massenwiderstand sei.

Diejenigen, die wirklich zuversichtlich sind, dass es zu einem Massenwiderstand gegen die Einberufungen und den Krieg kommen wird, sind bereit, ihre Energien darauf zu konzentrieren, immer breitere Bevölkerungsschichten in Demonstrationen und andere Aktivitäten einzubeziehen. Sie versuchen mit allen Mitteln, die breite Masse mit ihren Gedanken über den Krieg zu erreichen. Sie erkennen, dass es in diesem Prozess keine Abkürzung gibt, und fühlen sich nicht gezwungen, eine solche zu suchen. Aber diejenigen, die wie die YAWF und die Workers World Party solche Dinge wie den individuellen Widerstand gegen die Wehrpflicht aufgreifen, verraten damit einen Mangel an Vertrauen in ihre Fähigkeit, die Masse von der Richtigkeit ihrer Ideen zu überzeugen. Sie geben der unbegründeten Hoffnung nach, dass einzelne Taten von isolierten Gruppen wie denen, die Einberufungsbescheide verbrennen, auf irgendeine mystische Weise die Massen zum Handeln inspirieren werden.

Dieses Konzept scheitert aus zwei Gründen. Solche Handlungen führen dazu, aktive Kriegsgegner durch Inhaftierung zu Opfern zu machen und zu isolieren. Es stimmt, dass man selbst extreme Strafen nicht scheuen darf, wenn das Opfer zu einem bedeutenden Ergebnis beim Aufbau der Bewegung führt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass dies einfach nicht der Fall ist.

Die einzige Hoffnung des individuellen Kriegsgegners besteht darin, dass seine Tat von einer ausreichenden Anzahl anderer Individuen nachgeahmt wird, um der Kriegsmaschinerie einen Dämpfer zu versetzen. Aber ein Massenwiderstand entwickelt sich nicht auf diese Weise. Massenwiderstand nimmt unweigerlich die Form an, die das Wort selbst impliziert – Menschen, die als Masse, gemeinsam handeln.

Als zum Beispiel der französische Widerstand gegen den Algerienkrieg einen Massencharakter annahm, geschah dies nicht in Form von Tausenden junger Männer, die eines Morgens einzeln beschlossen, sich nicht zur Einberufung zu melden, selbst wenn dies Gefängnis bedeutete.

Aber Tausende von Wehrpflichtigen, die sich gemeinsam gegen den Krieg aussprachen und deren Zuversicht durch ihre große Zahl genährt wurde, begannen, die Notbremse in den Zügen zu ziehen, die sie in den Krieg brachten.

Solche Formen des kollektiven Widerstands sind für junge Menschen aus der Arbeiterklasse viel leichter verständlich. Ihre gesamte Erfahrung im Umgang mit Unternehmern lehrt sie, dass individueller Widerstand eine kostspielige und riskante Angelegenheit sein kann. Aber sie wissen, dass ihre Stärke in ihrer Zahl liegt.

Aber es wird gesagt, dass der einzelne Kriegsgegner nur die Wahl habe, entweder ins Gefängnis zu gehen oder die Einberufung in eine Armee zu akzeptieren, die einen mörderischen, reaktionären Krieg gegen ein Volk führt, das nur seine Freiheit will. Ist es nicht ein Verstoß gegen alle unsere Überzeugungen, in eine solche Armee einzutreten?


„Reinheit“ oder Wirksamkeit?


Auch hier muss die Entscheidung danach getroffen werden, ob es dem Einzelnen nur um die Reinheit seines eigenen Gewissens geht oder darum, wirksam zur Beendigung des Krieges beizutragen.

Ein Kriegsgegner, der fünf Jahre in der Isolation einer Gefängniszelle verbringt oder nach Kanada flieht, kann wenig dazu beitragen, eine Bewegung gegen den Krieg zu organisieren. Und es gibt eine praktische Alternative dazu.

Manche Menschen gehen davon aus, dass der Eintritt in die Armee bedeutet, dass man sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung aufgeben muss und seine politischen Überzeugungen nicht mehr äußern darf. Doch dies ist nicht der Fall.

Zugegebenermaßen ist das Leben in der Armee nicht gerade förderlich für die freie Meinungsäußerung, auch wenn es kein Gesetz gibt, das eine solche Äußerung verbietet, und es sogar verfassungsrechtliche Bestimmungen gibt, die die Rechte eines Bürgers in den Streitkräften schützen.

Dass es durchaus möglich ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung in den Streitkräften auszuüben, beweist jetzt der Gefreite Howard Petrick. Tatsächlich drohen Petrick behördliche Repressalien, wenn er seine Rechte wahrnimmt. Aber wenn er genügend Unterstützung erfährt, wird er vielleicht nicht zum Opfer. Und sicherlich erreicht er mehr für seine Ideen, als wenn er einfach die Einberufung verweigert und sich in einer Gefängniszelle hätte wegschließen lassen.

Das Ausmaß, in dem Petrick in der Lage war, seine Ansichten zu äußern, und die ermutigende Reaktion, die er von seinen Mitstreitern erhalten hat, sollten dazu beitragen, ein Missverständnis auszuräumen, das bei einigen Kriegsgegnern vorherrscht. Das ist die Vorstellung, dass die Armee eine monolithische Struktur sei, deren Mitglieder entweder nazistisch gesinnte Mörder oder praktisch Insassen eines Konzentrationslagers sind.

Man braucht die Armee nicht schönzufärben, um zu erkennen, dass dies eine zu starke Vereinfachung ist. Massenarmeen sind mit dem Zustand der allgemeinen Zivilbevölkerung verbunden und spiegeln diesen im Allgemeinen wider. In den Streitkräften gibt es zwar einige sehr hässliche Typen, aber auch ganz normale junge Amerikaner aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten.

Sie sind auch nicht völlig isoliert von dem, was in der Allgemein­bevölkerung geschieht. Sie korrespondieren mit Freunden und Verwandten. Sie gehen auf Urlaub nach Hause. Sie lesen Zeitungen, hören Radio, sehen fern. Sicherlich sind sie einer ebenso starken, vielleicht sogar stärkeren Gehirnwäsche unterworfen wie der Durchschnitts­amerikaner. Doch trotz der Gehirnwäsche lehnen immer mehr Durchschnitts­amerikaner den Krieg ab. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Angehörige der Streitkräfte irgendwie gegen diese wachsende Stimmung immun seien.


Schräge Propaganda


So wird zum Beispiel trotz der schrägen Pro-Kriegs-Propaganda der meisten Fernsehsendungen ein gegenteiliger Effekt erzielt. Robert Northshield, Produzent der Huntley-Brinkley-Show, hat dies selbst eingeräumt.

      
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Internationales Komitee der Vierten Internationale: Nein zu einem Europa des Krieges – Nein zur europäischen Aufrüstung, die internationale Nr. 3/2026 (Mai/Juni 2026) (nur online). Auch bei intersoz.org.
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Hermann Nehls: Lasst euch nicht erfassen! Gegen Kriegsdienst und Militarisierung, die internationale Nr. 2/2026 (März/April 2026). Auch bei intersoz.org.
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Gippò Mukendi Ngandu: Gegen Aufrüstung, Krieg und Imperialismus!, die internationale Nr. 4/2025 (Juli/August 2025).
Wolfgang Feikert: Die Spirale der Hochrüstung und Militarisierung, die internationale Nr. 5/2024 (September/Oktober 2024). Online bei intersoz.org.
Koordination der ISO: Position der ISO zu Aufrüstung und Militarisierung, die internationale Nr. 4/2024 (Juli/August 2024). Online bei intersoz.org.
Ron Blom: Soldatengewerkschaft aufgelöst, Inprekorr Nr. 303 (Januar 1997).
Livio Maitan: Austritt der SWP, Inprekorr Nr. 233 (Dezember 1990).
Studentenführer Karlo Roth und die Operation „Nordroute“, Hamburger Morgenpost (Oktober 2022)
Artikelsammlung: Krieg, Frieden und Militär
 

„Der Schrecken des Krieges wird durch das Fernsehen besser bekannt“, sagte er am 29. Mai der New York Times. „Diejenigen, die sich lautstark gegen den Krieg aussprechen, haben das Fernsehen als ihre Hauptinformations­quelle. Das Fernsehen ist direkt dafür verantwortlich, dass 125 000 Menschen auf der UN-Plaza gegen den Krieg demonstrierten. Das ist nicht unsere Absicht, aber wir haben keine Alternative.“

Die Soldaten, die vielleicht mit Einsatz im vietnamesischen Dschungel rechnen müssen, sind sicherlich nicht weniger immun gegen die Auswirkungen der im Fernsehen übertragenen Schlachten.

Darüber hinaus werden junge Männer, die bereits zum Dienst eingezogen wurden, wahrscheinlich durch Fernsehszenen von Großdemonstrationen positiv beeindruckt, die dazu auffordern: „Unterstützt unsere Jungs, bringt sie nach Hause!“ Aber sie werden wahrscheinlich nicht besonders begeistert sein von den Bildern weißer College-Studenten aus der Mittelschicht, die ihre Einberufungsbescheide verbrennen.

Ähnlich verhält es sich mit dem jungen Mann aus einem Arbeiterviertel, der eingezogen werden soll. Vielleicht ist er ein erbitterter Gegner des Krieges und will nicht in der Armee dienen. Aber die Alternative von fünf Jahren Gefängnis und den lebenslangen Schwierigkeiten, die ein Gefängnis­aufenthalt mit sich bringt, ist für jemanden mit begrenzten materiellen Mitteln nicht sehr verlockend. Aber wenn diese jungen Männer wie in Frankreich, das Gefühl haben, Teil einer großen, bedeutenden Kraft zu sein, können und werden sie wirksame Antikriegsmaßnahmen ergreifen.

Es ist klar, dass eine solche Massenbeteiligung nicht über Nacht erreicht werden kann. Tatsache ist jedoch, dass die Antikriegsbewegung auf dem Weg zur Schaffung von Massenwiderstand gegen den Krieg weiter fortgeschritten ist, wie die große Beteiligung am 15. April gezeigt hat, als bei der Entwicklung von individuellem Widerstand gegen die Wehrpflicht.

Und je mehr sich eine solche Massenbeteiligung an Demonstrationen, Märschen und anderen Antikriegsaktionen entwickelt, desto mehr tendieren sie dazu, kämpferischer und politischer zu werden. Wenn sich Massen von Menschen für eine Sache engagieren, versuchen sie, etablierte Mittel zu nutzen, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn sich diese als unzureichend erweisen, greifen sie zu kämpferischeren Mitteln. Das Wachstum der Massenbewegung gegen den Krieg wird zu Aktionen an allen Fronten führen, einschließlich des Massenwiderstands gegen die Wehrpflicht.

Die Schwierigkeiten beim Aufbau von Massenbewegungen für den sozialen Wandel haben schon immer dazu geführt, dass man nach Abkürzungen sucht. In der Vergangenheit haben sich in anderen Ländern einige Revolutionäre dazu hinreißen lassen, individuelle Terrorakte zu befürworten, in der Hoffnung, dass solche Taten irgendwie die Masse elektrisieren würden. Dies war bei einigen Russen vor der Revolution von 1917 der Fall.

Ich erinnere mich, von Lenins Reaktion gelesen zu haben, als er eines Tages von dem Mordanschlag eines Revolutionärs auf einen zaristischen Beamten erfuhr. Lenin fasste sein politisches Denken zusammen, indem er antwortete: „Für den Preis dieser Kugel hätte er hundert Flugblätter verteilen können“.

Quelle: The Militant, Jg. 31, Nr. 23 (5.6.1967)
Übers.: Björn Mertens (Wir haben den Begriff „draft“, der in der US-amerikanischen Diskussion verschiedene Bedeutungen haben kann, hier je nach Kontext mit „Einberufung“, „Wehrpflicht“ oder „Kriegsdienst“ wiedergegeben)
Die Socialist Workers Party mit ihrer Wochenzeitung The Militant war bis 1990 die Organisation der Unterstützer:innen der Vierten Internationale in den USA.



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 4/2026 (Juli/August 2026) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz