Iran

Ein Meer aus Blut – Mehr als 100 Tote in Shahryar

Der nachfolgende Bericht geht auf die Proteste gegen die Spritpreiserhöhungen ein und stammt aus der links-unabhängigen persisch-sprachigen Internet-Seite akhbar-rooz.com im Ausland.

Die Internet-Seite Kalemeh/Wort/ [1] stützt sich auf „zuverlässige Quellen“ vor Ort und berichtete am 01.12.2019, dass das Vorgehen der eingesetzten Sonderkommandos und der zivil operierenden Sicherheitskräfte in Shahryar [2] und Umgebung besonders umfangreich und brutal gewesen war. Laut Angaben dieser Internetseite betrug die Zahl der getöteten Protestierenden in Shahryar mindestens 5 Personen, im Kreis Kahanz zwischen 17 bis 20 Personen, in den Kreisen Ferdoussiye, Amiriyeh und Vahidiyeh 10 bis 13 Personen, im Kreis Malard 8 Personen, Ghaleh Hassan-Khan 8 bis 10 Personen, in Yosoufabad-Seyfari 6 Personen, auf der Verbindungsstraße nach Sawe 10 bis 12 Personen, in Islamshahr 8 bis 10 Personen, auf dem Weg zwischen Malard und Shahryar in den Ortschaften Lamabad, Esfandabad und Beke ca. 12 bis 14 Personen und in Akbarabad und Vajiheabad mehr als 20 Personen.

      
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Diese Personen sind entweder durch gezielte Kopfschüsse oder bei dem massiv eingesetzten Feuerstoß der Maschinengewehre ums Leben gekommen. Demnach haben bei den Protesten in Shahryar und Umgebung mehr als 100 Menschen ihr Leben verloren. Einem anderen Bericht zufolge sind 16 Menschen bei den aktuellen Protesten in Roodhan durch den Schusswaffeneinsatz der Sicherheitskräfte getötet worden. Reporter*innen der Internetseite Kalemeh vor Ort zitierten das diensthabende Personal von dem Teheraner Zentralfriedhof „Behesht-Zahra“; die Leichen von 156 bei den Protesten getöteten Personen wurden bei der Leichenhalle dieses Friedhofes abgegeben und 80 Leichen der Getöteten sind in die Provinzen geschickt worden.

Einer anderen Reportage der Internetseite Kalemeh ist zu entnehmen: In den Tagen 25./26./27 Aban 1398 [diese Angaben des Iranischen Kalenders entsprechen in unserem Kalender den 16./17./18. November 2019] wurden 40 getötete Protestierende gemeinsam mit 300 Verletzten in das Krankenhaus „Emam-Hossein“ in Nassim-Shahr von Shahryar auf der Verbindungsstraße nach Sawe gebracht. Deshalb hatte das gesamte Krankenhauspersonal ‒ Krankenschwestern, Pfleger, Ärzt*innen und andere Beschäftigte ‒ die Anweisung, in diesen Tagen den Krankenhausbetrieb rund um die Uhr aufrechtzuerhalten, damit die akute medizinischen Versorgung gewährleistet ist. Kalemeh berichtet weiter: Gestützt auf genaue Daten und Zahlen war Kopfschuss die Todesursache bei allen Getöteten. Die zum Teil schweren Verletzungen im Bereich der Arme, der Beine, des Rückens oder der Wirbelsäule wurden verursacht durch den Gebrauch von Schusswaffen, Knüppeln oder anderen Schlaginstrumenten. Am ersten der drei oben erwähnten Tage wurden 50 chirurgische Operationen und am zweiten Tag 74 Operationen durchgeführt. Aber am dritten Tag kamen Einheiten der Pasdaran („Wächterarmee“) mit entsprechenden Transportfahrzeugen wie Bussen und Minibussen zum „Imam-Hossein“-Krankenhaus, bedrohten das diensttuende Personal, kontrollierten alle Handys samt Fotos und Videos und nahmen anschließend alle Verletzten und Getöteten mit.

Die Informationen, die nach und nach die Außenwelt erreichen, zeugen von einem unvorstellbaren Verbrechen, das das islamische Regime gegen die protestierenden Menschen im Iran begangen hat. So, wie sich die Faktenlage täglich ändert, sind die bisher bekannt gewordenen Opferzahlen wohl nur eine Zwischenbilanz dessen, was während der Novembertage tatsächlich im Iran passiert ist. [3]

1. Dezember 2019
Übers. aus dem Persischen : Ali B.



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[1] Die Internet-Seite „Kalemeh“, die hier zitiert wird, steht einigen reformerischen Kräften des Regimes nahe. Diese Kräfte sind bemüht, nicht völlig an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und berichten deshalb über die Ereignisse, die der Bevölkerung sowieso bekannt sind. Da sich das Regime in einer tiefen Krise befindet, wird diese Seite von den Zensurbehörden sowohl kontrolliert als auch geduldet. Die Reformideen dieser Kräfte zielen darauf ab, das Regime zu retten. [Anm. d. Red.]
[2] Shahryar gehört zu den eher kleineren iranischen Städten, liegt in der Nähe der Stadt Sawe, ist Bezirksstadt in der gleichnamigen Provinz Sawe in Zentraliran ca. 200 km südwestlich von Teheran. [Anm. d. Red.]
[3] Bekanntlich hatte das Regime die Internetverbindungen innerhalb des Landes und mit dem Ausland für mehrere Tage total gesperrt und lockert die Sperrung in ganz kleinen Schritten. Trotzdem steht es unter erheblichem Druck der sozialen Medien. Und so erfährt die iranische Gesellschaft täglich grausame Neuigkeiten. Unter diesem Druck ist der innere Zirkel des Teheraner Machtapparats gezwungen zu reagieren. Gerade in den ersten Dezembertagen musste das staatlich streng kontrollierte Fernsehen offiziell zugeben, dass die Polizei auf die Protestierenden „schießen musste“ und dass ca. 7000 „vom Ausland gelenkte Personen“ (!?) verhaftet worden sind. [Anm. d. Red.]