Ukraine/Afrika

Auch für Afrika eine Katastrophe

Der Einmarsch von Putins Armee in die Ukraine wird Auswirkungen auf Afrika haben. Das größte Risiko besteht in einer Wirtschafts- und Nahrungsmittelkrise, die den Kontinent mit voller Wucht treffen könnte. Außerdem macht der Einmarsch die politischen Umbrüche sichtbar, die mit Frankreichs geschwächter Stellung in seinem afrikanischen Einflussgebiet zusammenhängen.

Paul Martial

Laut der Website der Zeitung Madagascar Tribune [1] ist es Ende Februar im Präsidentenpalast in Anosy zu einem unaufhörlichen Aufmarsch russischer und westlicher Diplomaten gekommen. Es ging dabei um den Versuch, Madagaskar bei der Abstimmung in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 2. März über die Verurteilung der Invasion in der Ukraine zu beeinflussen. Letztendlich schloss sich der große Inselstaat den 17 afrikanischen Ländern an, die sich der Stimme enthielten. Mali und die Zentralafrikanische Republik weigerten sich erwartungsgemäß, Russland, ihren wichtigsten militärischen Partner, zu verurteilen. Überraschender war, dass auch Senegal, Togo, Kamerun und die Republik Kongo in diesem Sinne stimmten und Burkina Faso und Guinea nicht an der Abstimmung teilnahmen. Früher standen diese Länder in Symbiose mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF), die als starker Arm der französischen Diplomatie gilt, wollte keine Stellung beziehen. Das verdeutlicht die spezielle Krise, in der sich der Trikolore-Imperialismus in Afrika befindet.


Genug vom Westen


      
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Die Tatsache, dass sich die Hälfte der afrikanischen Länder nicht zu einer Verurteilung Russlands entschließen konnte, zeugt von einem gewissen Ressentiment gegenüber dem Westen. Einige sprechen sogar von Rache gegenüber der NATO, die Libyen angegriffen hatte, um das Gaddafi-Regime zu zerschlagen – ein Regime, das eine zwar unverdiente, aber doch reale Popularität genoss. Die große Hilfsbereitschaft gegenüber der Ukraine macht viele zornig, denn etwas Vergleichbares kam auch bei so mörderischen Kriegen wie im Sudan, in Äthiopien oder Kamerun nie zum Tragen. Für manche ist es eine gewisse Genugtuung, einen Mann zu erleben, der sich der Macht der Europäischen Union und der USA entgegenstellt. Die skandalöse Behandlung afrikanischer und asiatischer Flüchtlinge an der ukrainischen Grenze und die unterschiedliche Behandlung von ukrainischen und anderen Flüchtlingen haben den Rassismus in Europa sichtbar gemacht. So ist ein Teil der afrikanischen Staatsführer der Stimmung ihrer Bevölkerung gefolgt, zumal viele Länder inzwischen sowohl mit Russland als auch mit den westlichen Ländern Handels- und Militärbeziehungen unterhalten oder sich darauf vorbereiten, dies zu tun.


Wirtschaftskatastrophe im Anmarsch


Diese Vorsicht ist nachvollziehbar, denn die Wirtschaftskrise könnte den Kontinent stark treffen. Bereits jetzt finden die afrikanischen Volkswirtschaften nur schwer aus der durch Covid-19 verursachten Gesundheitskrise. Der Rückgang der weltweiten Nachfrage, der auch die Nachfrage nach Rohstoffen gedämpft hat, der praktisch zum Erliegen gekommene Tourismus, die Schwächung der globalen Wertschöpfungsketten und der Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen (ADI) um fast 40 Prozent haben die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der afrikanischen Länder geschwächt.

Der von Putin ausgelöste Krieg wird Auswirkungen auf alle afrikanischen Länder haben, auch wenn diese wohl unterschiedlich ausfallen. Öl- und gasproduzierende Länder wie Nigeria, Angola oder Algerien werden vom Preisanstieg profitieren, aber als große Lebensmittelimporteure könnten sie schon bald unter der Verknappung der Agrarprodukte leiden. Andere afrikanische Länder, die vor allem auf die Landwirtschaft ausgerichtet sind, werden von den extremen Preissteigerungen im Energiebereich betroffen sein. Angesichts der schlecht gefüllten Kassen der afrikanischen Staaten dürften die Auswirkungen für die Bevölkerungen auf jeden Fall heftig sein.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weist darauf hin, dass die Ernährungslage in mehr als dreißig afrikanischen Ländern ohnehin schon angespannt ist. Die Ursachen sind vielfältig. Einerseits handelt es sich um Konflikte wie in der Zentralafrikanischen Republik, in Niger, im Tschad, im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), in Äthiopien und im Südsudan. Andererseits führen Klimaveränderungen zu Dürren wie in Kenia, Somalia und dem Süden Madagaskars, zu sintflutartigen Regenfällen wie in Burundi, Dschibuti und Kongo oder zu Wirbelstürmen wie in Mosambik und dem Osten Madagaskars.

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat davor gewarnt, dass im April in vielen Ländern eine angespannte Ernährungssituation herrschen werde. Nun besteht die Gefahr, dass der von Putin ausgelöste Krieg in Afrika zu einer großflächigen Hungersnot führt.

Übersetzung: Alena Wehrli



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2022 (Mai/Juni 2022). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] „Madagascar sommé de condamner l’invasion russe en Ukraine ?“, madagascar-tribune.com, 1. März 2022.