USA/Kurdistan

Verrat an den Kurdinnen und Kurden

Durch den Abzug der Truppen hat US-Präsident Trump den Weg für Erdogans Angriff auf den kurdischen Teil Syriens frei gemacht.

David Finkel

Donald Trumps verräterischer Ausverkauf der syrischen Kurd*innen bewahrheitet wieder einmal den alten Spruch, dass der Imperialismus „keine permanenten Freunde, sondern nur permanente Interessen hat“. Es ist wahr, dass der ultimative Verrat an den Kurd*innen fast unausweichlich war – wie es so oft schon zuvor geschehen ist. Aber die besondere Art und Weise, wie Trump es getan hat – direkt nach einem Telefonat mit seinem türkischen Autokraten-Kumpel Erdogan, ohne das Pentagon, das Außenministerium, die Mitarbeiter der „nationalen Sicherheit“, wichtige Verbündete oder sonst jemanden außer seiner eigenen großen und unerreichten Weisheit zu befragen – ist wirklich spektakulär . Und natürlich fädelt es sich in einer Weise in das US-amerikanische Gewirr ein, die es noch zu entheddern gilt.

 

YPG und YPJ, Quelle: Flickr

Ich denke, wir können ziemlich sicher vermuten, dass das Protokoll des Trump-Erdogan-Telefongesprächs auf demselben „klassifizierten“ Server gespeichert wurde, auf dem der „quid pro quo“-Anruf [1] des ukrainischen Präsidenten Selenskyj und (wie wir erfahren haben) die vieler anderer ausländischer Staats- und Regierungschefs versteckt sind, um sie vor Whistleblower*innenn und Ermittler*innen des Kongresses zu schützen. Es mag unangenehm sein, wenn herauskäme, dass Trump dafür gesorgt hat, dass Erdogan wusste, dass die Bahn für seine lange geplante Invasion in Nordsyrien frei war.

Im aktuellen Fall gab es nicht einmal ein materielles imperiales Interesse daran, abzuziehen und die kurdischen Streitkräfte und die Zivilbevölkerung allein zu lassen. Es war nur Trumps Laune. Man sollte daran denken, dass die US-Truppe im Nordosten Syriens kaum eine große Schlagkraft hat. Sie ist (oder war) eine kleine Präsenz als Stolperdraht gegen das Eindringen der Türkei und als logistische / nachrichtendienstliche Unterstützung für die kurdischen Streitkräfte im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS). Ihr Abzug bedeutet nicht, dass sich die USA aus den „endlosen Nahost-Kriegen“ zurückziehen würde, wie der große Trottel behauptet – diese Truppen werden nicht nach Hause kommen, sie werden im Irak oder irgendwo sonst in der Nähe wieder eingesetzt.

Nach diesem Schritt plusterte sich Trump auf, dass er die türkische Wirtschaft „zerstören“ werde, wenn ihre Invasion einige nicht näher festgelegte „Grenzen“ überschreite. Niemand nimmt dieses Gefasel ernst – nicht Erdogan, nicht die Zehntausende flüchtender Zivilisten, nicht die europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten, nicht das syrische Regime oder der Iran oder Russland, die darüber nachdenken, wie sie in das Vakuum eindringen könnten, und nicht der IS, dessen potenzielle Wiederbelebung in den Hauptstädten der Welt zu Recht befürchtet wird.

      
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„Sie haben uns nicht in der Normandie geholfen“


In seinem post-facto-Geschwätz räumte Trump ein, dass die Kurd*innen in Syrien gegen den IS gekämpft hätten, sagte aber, sie hätten dies getan, um „ihr eigenes Land“ zu schützen (natürlich!); und „sie haben uns nicht in der Normandie geholfen“ (wie bitte??).

Es ist tragisch, dass die internationale Linke nicht in der Lage ist, die kurdischen Streitkräfte und die Menschen, die nach Freiheit und Selbstbestimmung streben, und das fortschrittliche Rojava-Projekt, das sie inmitten des syrischen Gemetzels errichtet haben, materiell oder mit Waffen zu unterstützen. Alles, was wir haben, sind unsere Stimmen, die verlangen, dass die Vereinten Nationen und Europa dem türkischen Regime sofort Sanktionen auferlegen.

Die unmittelbare Perspektive ist ein brutaler Konflikt zwischen mehreren konterrevolutionären Kräften – der Türkei, dem Iran und Russland, dem Assad-Regime und dem IS. Wir können den Ausgang oder das Ausmaß der Todesopfer oder einer neuen Flüchtlingskrise nicht vorhersagen. Ein Ergebnis könnte sein, dass den Vereinigten Staaten und ihren Versprechungen nie wieder vertraut wird. Das wäre an sich schon eine gute Lektion, aber die menschlichen Kosten sind viel zu hoch.

11. Oktober 2019
David Finkel ist Redakteur von Against the Current, die von der US-amerikanischen sozialistischen Organisation Solidarity (https://www.solidarity-us.org ) herausgegeben wird.
Übers.: Björn Mertens



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 6/2019 (November/Dezember 2019) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Römischer Rechtsgrundsatz, etwa: keine Leistung ohne Gegenleistung