Sind wir antisemitisch?

In jüngster Zeit haben wir einige Kündigungen erhalten mit der Begründung, wir seien „antisemitisch“ (also judenfeindlich). Auffällig ist, dass keines dieser Schreiben sich die Mühe machte, Argumente zu nennen. Ein „Ich ertrage den antisemitischen Unterton bei Euch nicht mehr“ oder „Mir fehlen die Worte“ war alles. Schreiben so Menschen, die sich im Besitz der absoluten Weisheit wissen – oder doch nur ihre eigene Verunsicherung angesichts des immer hemmungsloseren Rachefeldzugs der Zionisten gegen die Zivilbevölkrung im Gaza-Streifen verschleiern wollen?

Wir sind über den Vorwurf der Judenfeindlichkeit überrascht und betroffen. Nicht nur, weil in unserer Strömung viele Menschen jüdischer Herkunft eine bedeutende Rolle spielten. Auch der hohe Anteil unserer Mitglieder, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen, wird uns immer Verpflichtung sein. Viele Überlebende sahen nach Ende des Faschismus keine andere Perspektive, als nach Palästina zu gehen; anderen war rechtzeitig die Flucht dorthin gelungen. Die meisten waren vom zionistischen Projekt schnell desillusioniert. Nicht wenige büßten ihren Widerstand gegen den Zionismus in israelischen Gefängnissen.

Schon 1948 kritisierten wir die Gründung des Staates Israel: „Dieser Staat ist von der Lösung der jüdischen Frage weit entfernt; er wird deren Tragik im Gegenteil noch weiter zuspitzen; […] es werden sich auch und vor allem die antiimperialistischen Gefühle der arabischen Massen in allen umliegenden Ländern herauskristallisieren […] dieser Staat [hat] keine historische Zukunft […] Er wird permanenten Krisen und Erschütterungen unterworfen sein.“

1971 sagte uns unser israelischer Genosse Arie Bober: „Der Zionismus ist in sich selbst ein Mißerfolg – er konnte die jüdische Frage nicht lösen, konnte nicht alle Juden in Israel versammeln, keinen demokratischen Staat schaffen; er hat die jüdischen Gemeinschaften der Diaspora nicht verschmelzen können; er hat es nicht einmal geschafft, die physische Existenz der Juden zu sichern: Heute ist Israel der gefährlichste Ort auf der ganzen Welt für Juden. Wir sind der Überzeugung, daß die Wiederversöhnung von Juden und Arabern nur auf revolutionären und internationa­listischen Grundlagen möglich ist.“

Wir stellen im folgenden eine kleine Auswahl der vielen Artikel zu Zionismus und Antisemitismus vor, die in unserer Zeitschrift erschienen sind, und erinnern an die Lebensschicksale vieler Menschen jüdischer Abstammung, die uns nahestanden oder Mitglieder waren. Nicht alle – aber fast alle – kämpften gegen den Zionismus.

Björn Mertens

Zionismus und Palästina

Zionismus und Palästina-Frage

Dreißig Jahre nach Oslo

Das Osloer Abkommen war ein historisches Ereignis gewesen. Fast dreißig Jahre später spricht jedoch niemand mehr davon, wenn es um die Situation in Palästina geht. [Edouard Soulier]

Über den Charakter des Zionismus und der palästinensischen Befreiungsbewegung (1969)

Einzig ein Vereinigter Sozialistischer Naher Osten wird imstande sein, die tragische palästinensische Frage und das Flüchtlingsproblem zu lösen und ebenso die Eingliederung der jüdischen Bevölkerung Israels, die in einer befreiten Region ihren Platz findet. [Jakob Taut]

25 Jahre zionistischer Staat (1973)

In einem Abstand von wenigen Wochen wird man in diesem Jahr den Jahrestag von zwei bedeutenden Ereignissen der Gegenwartsgeschichte des jüdischen Volkes feierlich begehen: den 30. Jahrestag des Warschauer Ghetto­aufstandes und den 25. Jahrestag der Ausrufung des Staates Israel. Das Zusammentreffen ist nicht zufällig, denn die beiden historischen Daten sind eng miteinander verbunden. [Nathan Weinstock]

Israel in Palästina (2009)

Alles, was uns an diesem „Krieg“ verwundert und erschreckt, hat sich in und um Palästina schon viele Male so oder ähnlich ereignet und wird sich noch manches Mal wiederholen. [Helmut Dahmer]

Der Überfall Israels auf Gaza aus historischer Sicht (2009)

Die israelische Offensive gegen Gaza war nur ein weiterer Schritt in der systematischen Bekämpfung der nationalen Rechte des palästinensischen Volkes, die der israelische Staat seit Jahrzehnten betreibt. [Julien Salingue]

Position der IV. Internationale zur Palästina-Frage (1948/1974)

Der Staat Israel ist von der Lösung der jüdischen Frage weit entfernt; er wird deren Tragik im Gegenteil noch weiter zuspitzen. Er hat keine historische Zukunft. Er wird permanenten Krisen und Erschütterungen unterworfen sein. Er wird in der nächsten Etappe der arabischen Revolution in einem schrecklichen Gemetzel untergehen, wenn sich das jüdische Proletariat nicht rechtzeitig vom zionistischen Chauvinismus löst. [IV. Internationale]

Palästina als Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge (2000)

»Bis 1933 hatte ich keine Beziehung zum Zionismus, aber danach hatte ich das Gefühl, dem Faschismus hilflos ausgeliefert zu sein – ich musste in einem anderen Lande leben, und Palästina schien mir ein gegebener Zufluchtsort.« [Rudi Segall (Intv.)]

Antizionismus und Antisemitismus

Antizionismus gleich Antisemitismus? (2021)

Der Autor beleuchtet hier unterschiedliche Varianten eines (u. a. rassistischen) Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart, um eine differenzierte Sicht auf einen antikolonialistisch motivierten Antizionismus zu ermöglichen. [Paul B. Kleiser]

Zur Verunglimpfungskampagne des BDS-Aufrufs als antisemitisch

Die israelische Politik (mit Unterstützung durch den „Westen“, nicht zuletzt Deutschlands) ist ständiger Quell palästinensischen Leidens. Die permanente Landokkupation, wenn für nötig erachtet verbunden mit Häuserzerstörung, Gefangennahme sich wehrender Angegriffener, Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen (Olivenbaumbestände) und Vertreibung der einheimischen Landbevölkerung sind so alltäglich, dass sie in der hiesigen bürgerlichen Presse ganz selten Erwähnung finden. Praktisch soll in Deutschland jede Kritik an diesem Alltag mittels Staatsräson verhindert werden. [Walter Wiese]

Antizionismus = Antisemitismus? (2019)

Kritik an der israelischen Staatsführung und dem geschlossenen Marsch nach rechts aller staatstragenden Parteien und an deren Annexions- und Unterdrückungspolitik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung wird nahezu unisono unter den Generalverdacht des Antisemitismus gestellt und mundtot gemacht. [Dominique Vidal]

Antizionismus in Israel

Der Kampf von „Matzpen“ in Israel (1971)

Die Israelische Sozialistische Organisation (ISO), bekannter unter dem Namen ihrer Zeitschrift „Matzpen“ (= der Kompass), besteht seit 1962 und kämpft unter sehr schwierigen Bedingungen. Wir kennen ihre internationa­listischen Thesen und ihren unerschütterlichen Mut, in Israel selbst den antizionistischen und antikapitalistischen Kampf mit der Perspektive einer sozialistischen Revolution im Nahen Osten zu führen. [Arie Bober (Intv.)]

Zur Entwicklung des Trotzkismus in Palästina (1972)

»Nach dem Juni-Krieg (1967) und der Besetzung arabischer Territorien wurde der chauvinistische und expansionistische Charakter des zionistischen Regimes immer krasser.« [Jakob Taut (Intv.)]

Der nationale Konsens ist zerbrochen (1987)

Warschawski und seine Genossen von „Matzpen“ sind seit langem aktive Anti-Zionisten und haben sich beteiligt an der Bewegung gegen die militärischen Aggressionen Israels und gegen den zunehmenden anti-arabischen Rassismus in Israel. In diesem Beitrag legt Warschawski die Entwicklung der gesellschaftlichen und politischen Situation in Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 dar, wie er sie selbst miterlebt und wie sie seine politische Entwicklung geprägt hat. [Michael Warschawski]

Alternativen zum Zionismus

Zur Geschichte des Jüdischen Arbeiterbundes

Der Jüdische Arbeiterbund kämpfte für den Verbleib in den Heimatländern bei Wahrung der jüdischen Identität. Håkan Blomqvist dokumentierte seine Spuren in Schweden, aber auch die Geschichte des Bundes ganz allgemein. [Martin Englund]

Lebenswege

Hans Berger

Der Sohn eines aus Polen stammenden jüdischen Schneiders arbeitete als Laborant und schloss sich 1932 wie seine ältere Schwester Hilde Berger der Linken Opposition der KPD (LO) an. Nach 1933 fungierte Berger illegal als Mitglied der Reichsleitung und der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg, der sich nun IKD nennenden Organisation. Berger war als zentraler Reichskurier beispielsweise für die Beförderung illegaler Druckschriften der Organisation und für den Kontakt zwischen den einzelnen Gliederungen der Organisation verantwortlich. Er wurde am 2. November 1935 in Hamburg verhaftet und im Berliner Columbia-Haus schwer gefoltert. 1937 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, wurde Berger kurz in Plötzensee und dann in Brandenburg-Görden gefangen gehalten. Im Herbst 1942 gehörte Berger zu den 14 700 Gefangenen des NS-Staates, die der SS zwecks Ermordung übergeben wurden. Wikipedia 

Hilde Berger

Die Tochter eines aus Polen stammenden jüdischen Schneiders schloss sich vor 1933 zunächst einer zionistischen Jugendorganisation an. Danach wurde sie Mitglied der Linken Opposition der KPD und war nach der Machtübernahme der NSDAP in der Illegalität in Berlin für deren Nachfolgeorganisation IKD aktiv. Kurz nach der Verhaftung ihres jüngeren Bruders Hans Berger im Herbst 1935, der als Reichskurier der IKD fungierte, wurde sie Anfang 1936 im Rahmen der Zerschlagung der Berliner IKD-Gruppe durch die Gestapo verhaftet und bis Mai 1939 in einem Zuchthaus gefangen gehalten. Später bekam sie die Gelegenheit, im Krakauer Rüstungsbetrieb von Oskar Schindler zu arbeiten. Dort war sie beteiligt an der Erstellung der Liste mit den Häftlingen, die ins neu errichtete KZ-Außenlager Brünnlitz mitgenommen werden durften. Wikipedia 

Tony Cliff

Tony Cliff wurde am 20. Mai 1917 in Zichron Jaʿakov, Palästina als Yigael Gluckstein geboren. Im palästinen­sischen Jischuv gehörte Cliff zusammen mit Jakob Moneta, Jakob Taut, Rudolf Segall und Jabra Nicola dem Revolutionärer-Kommunistischen Bund (Revolutionary Communist League) an, der sich 1948 in seinem Manifest „Against the Stream“  (Gegen den Strom) für ein binationales jüdisch-arabisches Gemeinwesen innerhalb eines „Vereinigten Sozialistischen Arabischen Ostens“ aussprach. Cliff wurde zu Beginn des Koreakriegs 1950 aus der Vierten Internationale ausgeschlossen, als er sich weigerte, für China und Nordkorea und gegen die USA Stellung zu beziehen. Er war Mitbegründer der Socialist Workers Party in Großbritannien und des Netzwerks „International Socialist Tendency“. Wikipedia 

 

Arthur Goldstein

Goldstein trat 1914 der SPD bei, dort auf dem linken Flügel stehend, schloss er sich 1917 der USPD, später auch dem Spartakusbund an und zählte zu den Gründungsmitgliedern der KPD. 1933 nach der Machtübertragung an die NSDAP floh Goldstein nach Paris; nach dem erfolglosen Versuch eine Auslandsleitung der Widerstandsbewegung Rote Kämpfer aufzubauen, schloss er sich der IKD an, in deren Exilleitung er zeitweise Mitglied war. Arthur Goldstein wurde am 23. Juni 1943 in einem Massentransport von 1018 Juden von dem Sammellager Drancy (Frankreich) nach Auschwitz deportiert und sofort nach der Ankunft am 25. Juni 1943 ermordet. Wikipedia 

Nicola Jabra

Nicola Jabra (Abu Said) wurde 1912 in Haifa geboren und war arabisch-palästinensischer Abstammung. Er schloss sich der Kommunistischen Partei Palästinas an und übernahm die Herausgabe ihrer Zeitung At Ittihad. Nach ihrer Spaltung entlang ethnischer Abstammung schloss er sich keinem der Flügel an und wurde Mitglied des Revolutionär-Kommunistischen Bunds (Revolutionary Communist League). Nach dessen Zusammenbruch kehrte er zur KP zurück. 1962 beteiligte er sich an der Gründung der antizionistischen Gruppe Matzpen und war seit 1963 Mitglied des Internationalen Exekutivkomitees der Vierten Internationale. Nach einem Hausarrest während des Sechs-Tage-Kriegs verließ er Israel und lebte bis zu seinem Lebensende 1974 in London. Wikipedia 

Heinz Leidersdorf

Heinz Leidersdorf trat 1928 der KPD, sowie 1931 der „Roten Studentengruppe“ an der Hamburger Universität bei. 1931 wurde er unter dem Vorwurf der „unangebrachten Parteikritik“ aus der KPD ausgeschlossen und trat der Linken Opposition der KPD (LO) bei, aus welcher in der Illegalität nach der Machtübernahme der NSDAP die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) hervorgingen. Innerhalb der IKD gehörte Leidersdorf zur Bezirksleitung Hamburg/Wasserkante. Heinz Leidersdorf wurde im Rahmen der Verhaftungswelle gegen 80 Mitglieder der Untergrund­strukturen der Hamburger IKD am 2. November 1935 festgenommen und in das KZ Fuhlsbüttel überführt. Am 14. Januar 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er am 18. Februar 1943 umgebracht wurde. Wikipedia 

Abraham Léon

Léon wuchs in Belgien auf und wurde ein führendes Mitglied der zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair. 1940 brach er mit dem Zionismus und trat der belgischen Sektion der Vierten Internationale bei, zusammen mit Ernest Mandel und Martin Monath. Aktiv an der Untergrundarbeit in belgischen Fabriken und an der antifaschistischen Propaganda unter deutschen Soldaten beteiligt, wurde Léon im Juni 1944 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er wenig später in der Gaskammer ermordet. Wikipedia 

Ernest Mandel

Ernest Mandel (1923-1995)

Ernest Mandel war die wichtigste Führungspersönlichkeit der Vierten Internationale der Nachkriegszeit. Er war der Sohn einer Familie deutscher Juden und wurde im April 1923 geboren, dem Jahr, welches durch die endgültige Niederlage der deutschen Revolution die am Ende des Ersten Weltkrieges eröffnete revolutionäre Periode abschloß. Zu diesem Zeitpunkt lebten seine Eltern bereits in Antwerpen (Belgien). Doch für seine Geburt war seine Mutter nach Frankfurt am Main gefahren, welches ihr vertrauter war. [François Vercammen]

Marxistischer Theoretiker und revolutionärer Sozialist

Ernest Mandel wurde am 5. April 1923 in Frankfurt am Main geboren. Obwohl die Familie einige Jahre später wieder nach Belgien zog und der junge Ernest in Antwerpen aufwuchs, prägte ihn dieses Leben zwischen den Nationen und Kulturen. Der Ausbruch des II. Weltkrieges und Ernest Mandels frühe politische Tätigkeiten fielen beinahe zusammen. Der später in Auschwitz ermordete Trotzkist Abraham Léon wurde seit dem Juli 1941 sein politischer Mentor. Doch wenig später geriet Mandel in die Hände der Nazis, von Lüttich wurde er nach Deutschland deportiert, dort von Lager zu Lager geschickt, entdeckten die Faschisten schließlich, daß Mandel Jude war. Er sollte nach Auschwitz deportiert werden, konnte jedoch mit Hilfe ehemaliger Sozialisten unter der Wachmannschaft fliehen und untertauchen. [Mario Keßler]

Hersch Mendel

Zum Gedenken an Hersch Mendel

Als ich von seinem Tod erfuhr, das Gefühl gehabt, dass die letzten Verbindungen mit der alten Garde gekappt wurden, die in Russland die Oktoberrevolution gemacht, die die Polnische Kommunistische Partei gegründet und dann ohne Zugeständnisse den revolutionären Marxismus-Leninismus gegen das Monstrum Stalinismus verteidigt hat. [Jakob Taut]

Hersch Mendel

H. Stockfisch, der unter dem Namen Hersch Mendel, politisch aktiv war, ist am 22. Juli [1968] in Israel gestorben. Mit ihm verschwindet einer der letzten Überlebenden der russischen, polnischen und jüdischen revolutionären Arbeiter­bewegung der Jahre 1905 und 1917. [Pierre Frank]

Martin Monath

Monaths Eltern waren jüdische Einwanderer aus Ternopil, damals Teil von Österreich-Ungarn. 1931 trat Monath in den sozialistisch-zionistischen Jugendverband Hashomer Hatzair ein und wurde Mitglied seiner Bundesleitung. Um 1940 trat er in die trotzkistische Parti Communiste Révolutionnaire (PCR) in Belgien ein, neben Abraham Léon und Ernest Mandel. Im Sommer 1943 wurde Monath auf einer illegalen Konferenz in Paris in das Provisorische Europäische Sekretariat der Vierten Internationale gewählt, wo er für die „deutsche Arbeit“ zuständig war. 1943 begann Monath mit der Herausgabe von Arbeiter und Soldat, einer revolutionären Zeitung für deutsche Wehrmachtssoldaten in Frankreich. Im Juli 1944 wurde Monath von der Milice verhaftet und an die Gestapo übergeben. Er überlebte einen ersten Hinrichtungsversuch, wurde aber Anfang August bei einem zweiten Versuch ermordet. Wikipedia 

Jakob Moneta

Jakob Moneta (1914-2012)

Jakob wurde in Błażowa (Blasow) geboren, im östlichen Galizien. Als 1918 der polnische Staat gegründet wurde, brach eine ganze Welle von Pogromen aus. Die Familie zog zurück nach Deutschland und ließ sich in Köln nieder. Aber auch dort erlebte Jakob antisemitische Anfeindungen. So war es nur logisch, dass sein politisches Leben in einer zionistisch-sozialistischen Jugendorganisation seinen Anfang nahm. 1931 trat er dann mit anderen Mitgliedern seiner Gruppe der SJV, der Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), bei.

Der Sieg der Faschisten 1933 trieb die Familie erneut in die Emigration. Während seine Eltern erst nach Kuba und dann in die USA auswanderten, beschloss Jakob, seinen Traum zu leben und ging nach Palästina, um in einem Kibbuz zu arbeiten. Er arbeitete zunächst in der Produktion von Orangenkisten. Aber er war kein Zionist: Er kämpfte für ein binationales, sozialistisches Palästina. [Klaus Engert]

Inteview zum achtzigsten Geburtstag

»Wir hatten von den wirklichen Auswirkungen, die der Imperialismus in den Kolonien hatte – und damals war ja Palästina ein britisches Mandatsgebiet – wenig Ahnung. Hinzu kam, daß die antisemitischen Angriffe gegen Juden natürlich dazu führten, daß sehr viele sich identifizierten mit dieser Bewegung, aber auf der Linken waren. Und es gab eine ganze Reihe von Leuten, die gleichzeitig im Hashomer Hazair waren, einer linkszionistischen Bewegung, und im RKJ oder auch im SJV. Die Auseinandersetzung mit dem Zionismus und vor allen Dingen mit dem britischen Kolonialismus begann für mich erst in Palästina selbst. Als wir dann den ersten arabischen Aufstand 1936/39 erlebten und zu diskutieren begannen: Was ist die Funktion des Zionismus in Palästina? Ja, die Leute, die sich vom Zionismus trennten, die waren in der Gesellschaft geächtet. Ein solcher Bruch mit dem Zionismus hat immer gleich Verdacht geweckt beim englischen Geheimdienst, und die haben eine ganze Gruppe, die aus meinem Kibbuz rausgingen – ein Kibbuz, in dem zu Anfang nur Deutsche waren – sofort unter Polizeiobservation genommen und einige wurden auch verhaftet.« [Jakob Moneta (Intv.)]

Werner Scholem

Werner Scholem (1895–1940)

Einige Monate vor der Ermordung des Gründers der Roten Armee durch die GPU tötete die SS in einem Nazi-KZ Werner Scholem. den früheren Reichstagsabgeordneten und Führer der deutschen Linken Opposition. Eine stillschweigende Arbeitsteilung? [Michael Löwy]

In Ost und West zu Unrecht vergessen: Werner Scholem

Im ausgehenden Kaiserreich wuchs er in einer gutsituierten jüdischen Familie auf. Sie war assimiliert und über­identifizierte sich gleichsam trotz des vorhandenen Anti­semitismus mit Deutschland. Dagegen rebellierten der 1895 geborene Werner und sein jüngerer Bruder. Als Alternative erschien der Zionismus, das Beharren auf einer jüdischen Identität und einer neuen Existenz in Palästina. Während der Jüngere diesen Weg fortsetzte, seinen Vornamen von „Gerhard“ in „Gershom“ hebräisierte und in Palästina ein bedeutender Gelehrter wurde, wandte sich Werner dem Hier und Jetzt zu.

Zunächst Mitglied der USPD, gehörte er 1920 zu den Wortführern ihrer Vereinigung mit der KPD. Schnell machte er sich einen Namen, als Redner in der Öffentlichkeit wie vor allem im Parlament und wurde umgehend zur Zielscheibe heftiger antisemitischer Angriffe. Gegen deren Plumpheit setzte er sich mit Schlagfertigkeit und intellektueller Überlegenheit zur Wehr. Das alles machte ihn für die rechte Presse zum Inbegriff des „jüdischen bolschewistischen Hetzers“. Rosa-Luxemburg-Stiftung 

Werner Scholem

Als Kriegsgegner trat Werner Scholem 1917 der USPD bei und setzte sich dann für deren Vereinigung mit der KPD ein. Er wurde Abgeodneter im Preußischen Landtag und später im Reichstag. Wegen seiner Kritik an der Unterdrückung der Vereinigten Linken Opposition in der Sowjetunion wurde Scholem im November 1926 aus der KPD ausgeschlossen und trat dann der Gruppe der Linken Kommunisten im Reichstag bei. Im April 1928 gehörte er zu den Gründern des Leninbundes, verließ ihn aber noch im selben Jahr. Später sympathisierte er mit der Linken Opposition (LO). Des Öfteren soll er (unter Pseudonym) Artikel für deren Zeitung Permanente Revolution geschrieben haben. Am 17. Juli 1940 wurde er im KZ Buchenwald erschossen. Wikipedia 

Rudolf Segall

Dolf Segall zum Andenken

Dolf, der als Funktionär der damals linken IG Chemie-Papier-Keramik durch die Bundesrepublik reiste und dort vor allem für die Angestellten und für die Bildungsarbeit zuständig war, leitete in Frankfurt eine kleine Gruppe von antistalinistischen Marxisten, deren Kern aus Remigranten bestand, die versuchten, die Tradition der revolutionären deutschen Linken („Spartakusbund“) zu erneuern. Stalin hatte den auf Rätedemokratie und permanente Revolution orientierten Kommunisten und Anarchosyndikalisten schon 1923/24 den Kampf angesagt und sie einige Jahre später aus der KPdSU und aus den Sektionen der Komintern ausschließen lassen. [Helmut Dahmer]

Rudolf Segall (1911–2006)

Rudolf wurde am 6. April 1911 in Berlin geboren. Sein jüdisches Elternhaus war wohlhabend. Als Junge war er unter seinen christlichen Mitschülern isoliert. Mit 14 Jahren schloss er sich den „Kameraden“ an, einem deutsch-jüdischen Zweig der Wandervogelbewegung. Diese Gruppierung öffnete ihm den Blick für die zeitgenössische kritische Kultur und für politische Diskussionen. Schon bei der Machtübergabe an Hitler 1933 war Rudolf klar, dass es für ihn in einem faschistischen Deutschland keine Über­lebens­chance geben konnte. Er schloss sich deshalb der sozialistisch-zionistischen Gruppe Hashomer Hazair (Der junge Wächter) an. Von 1935 bis 1939 lebte und arbeitete er im Kibbuz Bamifne, einer sich als egalitär verstehenden Gemeinschaft. Für Rudolf war schon bald der Gegensatz zwischen dem gesellschaftlichen Ideal der Kibbuzim und der gewalttätigen zionistischen Kolonisation unerträglich geworden. Durch den Bruch mit dem Zionismus löste er diesen Widerspruch. [RSB]

Jakob Taut

Jakob Taut (1913-2001)

Jakob Taut wurde 1913 in Galizien geboren. Seine Familie wanderte nach Berlin aus, wo sie sich im Scheunenviertel, einem von vielen Ostjuden bewohnten Stadtteil hinter der Börse, niederließ. In den 30er Jahren wurde er aus der KPD, deren ultralinke Politik er missbilligte, ausgeschlossen und schloss sich der KPO unter der Führung Brandlers an, sympathisierte aber auch mit Trotzki. 1934 setzte er sich nach Dänemark ab, von dort aus nach Palästina, wo er in einer kleinen brandlerianischen Gruppe aktiv war; danach baute er einen trotzkistischen Kreis auf. Sein 1986 im ISP-Verlag veröffentlichtes Buch Judenfrage und Zionismus ist eine Fundgrube für alle, die sich gründliche Kenntnisse auch über die heutigen Nahostprobleme und den Befreiungskampf der Palästinenser aneignen wollen.

Jankel Taut übersieht nicht, dass nach Auschwitz Juden „in ihren unendlichen Schmerz unfähig waren, den palästi­nen­sischen Freiheits­kampf zu sehen“ und den „reaktionären Charakter der zionistischen Bewegung, der sie sich anschlossen, zu begreifen“. Er unterschlägt aber auch nicht, dass der Zionismus „nicht deshalb siegte, weil die Juden in aller Welt einen jüdischen Staat haben wollten“, sondern weil der „historische Wahnsinn“ den mörderischen Nazismus hervorbrachte und einen Großteil der überlebenden europäischen Juden entwurzelte. „Das heißt, die schrecklichste Reaktion ermöglichte die Verwirklichung eines der Hauptziele des Zionismus“, schreibt er. [Jakob Moneta]

Leo Trotzki

Leo Trotzki, am 26. Oktober / 7. November 1879 als Lew Dawidowitsch Bronstein geboren, war der maßgebliche Organisator der Revolution vom 25. Oktober / 7. November 1917 in Russland. In der anschließend gebildeten Regierung war er bis 1918 als Volkskommissar des Auswärtigen, für Ernährung, Transport und Verlagswesen sowie bis 1925 als Volkskommissar für das Kriegswesen beteiligt. Als Kriegskommissar gründete er die Rote Armee, an deren Organisation und an deren Sieg im Russischen Bürgerkrieg er wesentlichen Anteil hatte. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er sowohl von Stalinisten als auch von Rechtsextremisten antisemitisch verunglimpft. In den 1940er Jahren betonte die stalinistische Propaganda einen angeblich engen Zusammenhang zwischen Trotzkismus und Zionismus. Für die Faschisten galt er als Beweis für ihre Verschwörungs­theorie, hinter dem Bolschewismus stünde in Wahrheit das internationale Weltjudentum. Wikipedia 

Über das „jüdische Problem“ (1934)

»Ich bin verständlicherweise ein Gegner des Zionismus und aller dieser Formen der Selbstisolation von Seiten der jüdischen Arbeiter. Ich fordere die jüdischen Arbeiter in Frankreich dazu auf, sich besser mit den Problemen des französischen Lebens und der französischen Arbeiterklasse bekannt zu machen. Ohne dies ist es schwierig, sich an der Arbeiterbewegung des Landes zu beteiligen, in dem sie ausgebeutet werden. […] Die Errichtung einer territorialen Basis für die Juden in Palästina oder irgendeinem anderen Land ist nur durch die Migration großer Menschenmassen denkbar. Nur ein siegreicher Sozialismus kann sich selbst solche Ziele stellen. Es ist absehbar, dass dies entweder auf der Basis gegenseitigen Einverständnisses geschieht, oder mit Hilfe einer Art internationalen proletarischen Tribunals, das diese Frage aufwerfen und lösen soll.« Class Struggle 

Michel Warschawski

Michel Warschawski wurde 1949 als Sohn von Mireille Warschawski geb. Metzger und des jüdisch-orthodoxen Religionsgelehrten Max Warschawski geboren, der von 1970 bis 1987 als Großrabbiner von Straßburg amtierte. 1965, im Alter von 16 Jahren, ging er nach Jerusalem, um den Talmud zu studieren. Er schloss sich 1967 der antizionistischen Organisation Matzpen („Kompass“) an, deren gleichnamige Zeitschrift er 1971 bis 1984 herausgab. 1984 gründete er das Alternative Information Center (AIC). Bis 1999 war er dort Vorsitzender, seit 2000 stellvertretender Vorsitzender seines Leitungskomitees. Im Jahr 1987 wurde er wegen „Unterstützung illegaler palästinensischer Organisationen“ verhaftet und 1989 zu dreißig Monaten Gefängnis verurteilt, weil das AIC eine Broschüre herausgegeben hatte, in der Mitglieder der palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) auf ihren Erfahrungen in israelischer Haft beruhende Empfehlungen zum Widerstehen von Verhören und Misshandlungen gaben. Warschawski unterstützt die Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS). Wikipedia 

Nathan Weinstock

Nathan Weinstock, 1939 in Antwerpen geboren, ist Jurist, jiddischer Übersetzer und Lehrer in Belgien. Er wurde bekannt für seine Studien über die jüdische Arbeiter­bewegung und als Vermittler der jiddischen Kultur sowie für sein antizionistisches Engagement, das er nach dem Scheitern der Osloer Verträge widerrief. perlentaucher.de